Kolumne
Zuger Ansichten: Ein feministischer Ausblick im Jubiläumsjahr

Kantonsrätin Virginia Köpfli über das Jubiläum des Frauenstimmrechts - und was es in Sachen Gleichstellung noch zu tun gibt.

Virginia Köpfli, Kantonsrätin SP, Hünenberg
Virginia Köpfli, Kantonsrätin SP, Hünenberg
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In diesem Jahr feiern wir gleich zwei bedeutsame Jubiläen für die Frauenbewegung – zwei Jubiläen, welche die moderne Schweizer und Zuger Geschichte geprägt haben: 50 Jahre Frauenstimmrecht und 30 Jahre Frauenstreik.

Vor 50 Jahren wurde eingeführt, wofür Generationen von Frauen gekämpft haben: das Stimm- und Wahlrecht für Frauen. Sie sind verantwortlich für den Fortschritt, den die Schweiz in den letzten 50 Jahren in Sachen Gleichstellung gemacht hat. Ohne sie und jene, welche nach ihnen kamen, gäbe es heute keine Mutterschaftsversicherung, keinen straffreien Schwangerschaftsabbruch und kein Gleichstellungsgesetz. Die Vorkämpferinnen haben vieles hingenommen: Sie wurden geächtet, gemieden und öffentlich angeprangert. Trotzdem haben sie gegen alle Widerstände weitergekämpft. Viele haben dafür in ihrer Lebenszeit nie die Anerkennung erhalten, welche ihnen gebührt. Deshalb ist dieses Jubiläum umso wichtiger. Wir müssen das mutige Engagement der Frauen feiern, die sich vor uns für Gleichstellung eingesetzt haben. In Zug organisieren wir im Verein «50 Jahre Frauenstimmrecht» Anlässe über das ganze Jahr verteilt.

Im Jahr 1991 fand der erste Frauenstreik statt. Mit je einer halben Million Teilnehmerinnen sowohl im 1991 als auch im 2019 bleibt es der grösste politische Protest der Schweiz. Und auch dieses Jahr haben wir im Zuger Frauenstreikkollektiv einen spannenden Postenlauf entlang des Seebeckens veranstaltet.

Wir stehen auf dem gleichstellungspolitischen Fundament, welches die Frauen vor uns gebildet haben. Das Fundament für die nächste Generation erschaffen wir heute. Deshalb sollten wir ihnen beispielsweise weniger Hürden bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie in den Weg legen. Unentgeltliche Kita-Plätze und eine ausgebaute Elternzeit wären nur zwei Ansätze, um die Situation zu verbessern. Auf der anderen Seite ist Altersarmut heute eine bittere Realität für zu viele Frauen. Anstatt diesem Problem entgegenzuwirken, arbeitet das nationale Parlament jetzt auf eine Vorlage hin, bei der sich diese Ungleichheit mit der Erhöhung des Rentenalters der Frau noch stärker zuspitzt. Solche Verschlechterungen zeigen, dass Gleichstellung nicht erreicht ist, sondern immer wieder Rückschritte gemacht werden, die es abzuwehren gilt.

Jede zweite Frau hat Erfahrungen mit sexuellen Belästigungen bis hin zur Vergewaltigung gemacht. Dieses totgeschwiegene Problem müssen wir endlich angehen. Es kann und darf nicht sein, dass so viele Frauen offenbar ähnliche Erfahrungen machen und das Problem einfach nicht ernst genommen wird. Mit einer sogenannten «Ja heisst Ja»-Lösung in der Sexualstrafrechtsreform gibt es momentan die Möglichkeit, eine Konsenslösung zu etablieren und das Problem anzugehen. Konkret müsste die Frau sich nicht mehr wehren, sondern explizit zustimmen.

Auch im Kanton Zug gibt es noch viel zu tun, doch die Abschaffung des Gleichstellungsbüros lässt das Thema völlig nebensächlich für den Kanton erscheinen. Zudem sind verschiedene Departemente für die Gleichstellung zuständig, also niemand so wirklich. Gespannt darf man auf die Lohngleichheitsanalyse des Kantons sein, die bald erscheinen sollte. Doch bereits heute wissen wir aus einer Lohntabelle des Kantons: In der tiefsten Lohnstufe arbeiten zu 80 Prozent Frauen, in der höchsten 21 Prozent. Schön wäre es, diese Jubiläen in der Politik als Anlass zu nehmen, gleichstellungspolitische progressive Politik zu machen für die nächste Generation. Ich bin überzeugt, das wäre der beste Weg, unsere Vorkämpferinnen zu ehren.

In der Kolumne «Zuger Ansichten» äussern sich Kantonsrätinnen und Kantonsräte zu einem frei gewählten Thema. Ihre Meinung muss nicht mit jener der Redaktion übereinstimmen.