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Wie Morgarten eine Gedenkstätte wurde

Die Luzerner Historikerin Silvia Hess hat ein Buch über die Inszenierung des historischen Ortes am Ägerisee verfasst. Dabei untersuchte sie den Frühtourismus, und wie etwa das Denkmal und die Schlachtkapelle zu Sehenswürdigkeiten wurden.
Andrea Muff
Auf der ungefähr 1910 produzierten Ansichtskarte «Aegerisee. Morgarten-Denkmal» wurde ein Alpenpanorama montiert und koloriert. (Bild: Privatbesitz Silvia Hess)

Auf der ungefähr 1910 produzierten Ansichtskarte «Aegerisee. Morgarten-Denkmal» wurde ein Alpenpanorama montiert und koloriert. (Bild: Privatbesitz Silvia Hess)

Das Morgarten-Denkmal: ein Ausflugsziel mit Geschichte, ein Anziehungspunkt für auswärtige und einheimische Touristen und ein beliebtes Fotosujet zugleich. Vor drei Jahren rückte die 700-Jahr-Feier die Erinnerungsorte zur Schlacht am Morgarten von 1315 wieder in den Fokus und zwar über die Kantonsgrenzen hinaus.

Mitten unter den zahlreichen Besuchern des Volksfestes im Juni 2015 war auch Silvia Hess (39). Die Luzerner Historikerin setzte sich von Berufes wegen mit Morgarten auseinander. Allerdings interessiert sich Silvia Hess weniger für die mittelalterlichen Ereignisse als vielmehr dafür, was man später aus «Morgarten» gemacht hat. Seit September 2018 steht ihr Buch «Morgarten. Die Inszenierung eines Ortes» in den Buchhandlungen. «Ich hatte von Anfang an vor, ein Buch für ein breites Publikum zu schreiben», sagt sie.

«Das Besuchen von historischen Orten liegt im Trend.»
Silvia Hess, Historikerin

Bereits zwei Jahre vor besagter Gedenkfeier begann die Historikerin innerhalb eines Forschungsprojekts an der Universität Luzern zu untersuchen, wie mittelalterliche Geschichte in einem touristischen Kontext genutzt wird. «Das Besuchen von historischen Orten liegt im Trend», erklärt Silvia Hess. Als Beispiel denke sie an die Besichtigungen von historischen Altstädten im In- und Ausland, von Freilichtmuseen wie Ballenberg oder eben von historischen Orten wie Morgarten. Insgesamt drei Jahre hat die Historikerin an ihrem Buch geschrieben, wiederum zwei Jahre dauerte es, bis es publiziert war.

Reiseverkehr nahm in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu

Silvia Hess untersuchte zuerst Reiseberichte aus der Zeit des Frühtourismus, die von Ausflügen ins Ägerital erzählten, später beschäftigte sie sich auch mit Werbeprospekten, Ansichtskarten oder amtlichen Dokumenten über frühere Gedenkanlässe. «Die Wahrnehmung und Darstellung des Schlachtfelds von Morgarten hat sich seit 1800 stark verändert», so die Wissenschaftlerin. Sie erforschte, wie aus dem Denkmal und der Schlachtkapelle Sehenswürdigkeiten gemacht wurden. Zuletzt wurde der Ort im Rahmen des Gedenkjahrs 2015 neugestaltet. Im Weiler Schornen (SZ) wurde etwa ein Informationszentrum eingerichtet und ein mittelalterliches Holzhaus aufgebaut. «Heute ist der Hauptbesuchsort eher in der Schornen zu finden, das hat sich im Vergleich zu früher verändert», sagt die 39-Jährige.

Historikerin Silvia Hess (39).

Historikerin Silvia Hess (39).

Der Reiseverkehr in die Schweiz nahm in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts beträchtlich zu, dies zeige die Anzahl der publizierten Reiseberichte, schreibt Hess in ihrem Buch. Bis Ende des 18. Jahrhundert suchten aber nur wenige Besucher den Ort der Schlacht am Morgarten auf. Eine wichtige Rolle für den Tourismus im Ägerital spielte der Arzt Josef Hürlimann aus Unterägeri. Im Mai 1881 eröffnete er mit seiner Frau Sophie die Kinderkuranstalt Hürlimann, in der sich geschwächte und als «anämisch» beschriebene Stadtkinder erholen konnten. In nur wenigen Jahren entstanden im Ägerital weitere Sanatorien, Heilstätten und Heime für Kinder. 1884 gründete derselbe Hürlimann den Kur- und Verkehrsverein Unterägeri.

Doch zurück zu Morgarten: 1902 gründeten Tourismusakteure in Oberägeri den «Verschönerungsverein Morgarten Oberägeri». Man habe die wirtschaftliche Bedeutung des Fremdenverkehrs erkannt, ist dem Buch von Silvia Hess zu entnehmen. 1909, ein Jahr nach dem Bau des Denkmals, wurde auf Initiative der Verkehrsvereine hin der Ortsname «Hauptsee» in «Morgarten» geändert. Diese Umbenennung sei auch marketingtechnisch wichtig gewesen. So sollte der Poststempel Hauptsee durch denjenigen des Orts Morgarten ersetzt werden, damit die Ansichtskarten als Werbeträger genutzt werden konnten. 1911 verliessen eine halbe Million Postsendungen das Ägerital, darunter befanden sich wohl auch einige Ansichtskarten des 1908 eingeweihten Denkmals an aussichtsreicher Lage.

1902 gründeten Tourismusakteure in Oberägeri den «Verschönerungsverein Morgarten Oberägeri». Man habe die wirtschaftliche Bedeutung des Fremdenverkehrs erkannt.

Die Landschaft wurde auf den Ansichtskarten idyllisch und zeitentrückt in Szene gesetzt. «Im 19. Jahrhundert vergegenwärtigte man sich Geschichte mit dem Blick in die Landschaft – man stellte sich das Mittelalter in den Bergen vor. Heute wird der historische Ort Morgarten eher damit beworben, dass man das Erleben und Spüren von Geschichte anpreist», erklärt Hess. Das persönliche Erlebnis, etwa bei einer Wanderung, stehe heute im Zentrum eines Besuchs des Schlachtfelds von Morgarten. Die Geschichtsvermittlung werde mit touristischen Präsentationsformen verknüpft, sagt sie weiter.

Ausflugstourismus hält an

Im Buch wird nicht darüber debattiert, wo die Schlacht in welcher Form und warum stattgefunden hat. «Ich habe eine andere Brille aufgesetzt und betrachtet, wie man mit Geschichte Geld verdiente und wie diese wirtschaftliche Motivation die Inszenierung der mittelalterlichen Schlacht beeinflusste – zum Beispiel im Vergleich mit einer politischen Motivation», stellt Silvia Hess klar.

Auch heute, drei Jahre nach dem Gedenkjahr, kann man ab und zu in der Region auf die Luzernerin treffen. «Ich interessiere mich weiterhin für das Thema und muss zugeben: Manchmal vermisse ich die Arbeit zu Morgarten ein bisschen», sagt sie lachend. Sie werde sich bestimmt weiter mit mittelalterlichen Themen und ihrer Rezeption in der Moderne beschäftigen. Ihr Wissen gibt Silvia Hess gelegentlich bei Führungen weiter. «Jedes Mal, wenn ich beim Denkmal bin, hat es Leute dort, die Fotos schiessen – offenbar funktioniert es heute noch als Anhaltspunkt.» Der Ausflugstourismus geht also auch nach der grossen Feier weiter.

Hinweis:
Am Donnerstag, 6. Dezember, findet um 19.30 Uhr eine Triple-Buchpräsentation in der Bibliothek Zug statt. Silvia Hess, Bruno Meier und Kurt Messmer stellen unter dem Titel «Neue Sichten auf das eidgenössische Mittelalter» ihre Werke vor. «Morgarten. Die Inszenierung eines Ortes» von Silvia Hess ist 2018 im Hier und Jetzt Verlag in Baden erschienen.

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