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Ein Chamer Hauch von Wildem Westen

Die speziellen Kolonialstilhäuser beim Bahnhof Cham verweben in auffälliger Art typische Kennzeichen des nordamerikanischen «Country-House-Stils» mit dem eben in Mode geratenen «Châlet-Suisse-Stil».
Jürg Johner
Ein Stück Geschichte mitten in Cham: Die beiden Kolonialstilhäuser beim Bahnhof. (Bild: Maria Schmid (21. Dezember 2018))

Ein Stück Geschichte mitten in Cham: Die beiden Kolonialstilhäuser beim Bahnhof. (Bild: Maria Schmid (21. Dezember 2018))

Diese regional architektonisch einzigartige, im Formalen wie in der Konstruktion verwirklichte Verknüpfung fusst auf nachfolgenden beiden Elementen. Einmal stammen die zwei Baugebrüder, Charles Page, USA-Handels-Vizekonsul mit Sitz in Zürich (1838-1873) und George Ham Page (1836-1899) als Farmerssöhne tatsächlich aus dem Mittleren Westen, präziser aus Palmyra, Illinois, und wollten mit diesen kulturhistorisch bedeutsamen Bauzeugen der hiesigen Industrialisierung ein Stück Heimat bewahren können.

Zum anderen repräsentieren diese ebenfalls die zeitgeistige Assoziation zur Landwirtschaft und der nunmehr im Ennetsee heimischen, mit ländlichen Vorstellungen verbundenen Verarbeitung und Konservierung von Milch.

Europäisches Zentrum der Kondensmilchproduktion

Charles als Kriegsberichterstatter und George als Sekretär im Kriegsdepartement während des Sezessionskrieges erkannten hellsichtig die eminente Wichtigkeit der in diesen Kämpfen erstmals erprobten Kondensmilch. Von ihrem Illinoiser Landsmann Gail Borden, welcher erstmals ein entsprechendes industrielles Verfahren zu deren Herstellung entwickelte, verschafften sie sich die Lizenz für Europa.

Der initiative Ideengebärer Charles und der bahnbrechende Macher mit einem Zug zur Selbstherrlichkeit («General» genannt) George erschufen 1866 mit ihrer Gründung der «Anglo-Swiss Condensed Milk Company» («Milchsüdi») in Cham ein europäisches Zentrum für Kondensmilch, basierend vornehmlich auf dem hiesigen Milchreichtum und der zwei Jahre zuvor eröffneten Bahnverbindung. Ergo erwarben sie 1867 in Bahnhofsnähe ein Grundstück und erstellten ein Lebensmittellager mit einer Gleis-Dreh-Scheibe als direktem Bahnanschluss sowie 1876/77 in wirtschaftlicher Bauweise die beiden vierstöckigen Kolonialstilhäuser, je durch einen Mittelfirst unterteilt, mit je zwei Treppenhäusern und vier Eingängen, bewohnt seitens des Generaldirektors George Page und dessen Adjunkten.

Unikales US-CH-Ensemble am Bahnhof

Sie verströmen auf überzeugende Weise die Internationalität Chams, jenen Hauch von Weltoffenheit, welcher die «Milchsüdi» prägte und Cham zu einem Dorf von Welt hinan steigen liess. Wir betrachten hier auf einem gemauerten Sockel aufliegende, leichte Fachwerk-Ständerkonstruktionen, wobei die Rahmengerüste nach amerikanischer Bauart nicht ausgemauert, sondern aussen mit einer durch Ecklisenen gefassten Stülpschalung, innen durch vorgehängte Gipsplatten verkleidet sind. Dem Schweizerhaus-Stil verdanken sich das flach geneigte, überstehende Dach und die sparsam angewandten, jedoch höchst perfektionierten, als Zierformen eingesetzten Laubsägeornamente an Fensterrahmen, Pfettenkonsolen, Laubenverschalungen, Dachrändern und den mit Firstobelisken bereicherten Giebeln – allesamt mit den mit der Bandsäge dekorativ und präzise ausgeführten Ausschmückungen bis auf den heutigen Tag erhalten geblieben. Ausserdem zeichnen sich die bahnorientierte Fassade durch teilweise verglaste Lauben, jene an der Luzernerstrasse durch amerikanisch inspirierte, erkerartige Bay Windows, aus der Aussenwand hervortretende Fenstersysteme sowie Hauseingänge via Veranden aus; es gelang obendrein, die ursprüngliche Farbigkeit der Fassaden in Crème- und Brauntönen mit roten Kantenbemalungen und bunten Füllungen der Ecklisenen wieder herzustellen.

Im grosszügig disponierten Innern setzt sich die reichhaltige, bauzeitlich hochstehende Wohnkultur mit bewundernswerter Ausstattung fort, umfassend Stuckdecken, Wandmalereien, Gipsdekorationen, verzierte Öfen, Gusseisendetails, Türblätter, Fensterflügel und Beleuchtungskörper. Besondere Beachtung verdienen die Böden mit deren interessanten Verquickung von Materialien, wobei es noch originale, massive Eichenparkettböden mit Mosaikmuster, anderseits aber auch Kunststeinböden gibt.

Rettung um eine Minute vor zwölf Uhr

1933 kam das Ende der Produktionszeit der 1905 zur «Nestlé & Anglo-Swiss Condensed Milk Company» fusionierten Milchsüdi in Cham; das eine Haus ging sogleich an die Gebrüder Käppeli, das andere später an die Chomer «Papieri», von deren Immobiliengesellschaft Hammer AG die Käppelis 1973 auch dieses erwarben. Wie sich der einstmalige kantonale Denkmalpfleger Heinz Horat entsinnt, lag 1987 bereits die Abbruchbewilligung vor! Voller Verve stand er für die Rettung dieser einprägsamen Bauten ein, was ihm dank einer Vereinbarung mit Grundeigentümerschaft und Gemeinde erfreulicherweise auch gelang, welche eine Übertragung von Ausnützung auf eine benachbarte Drittparzelle beinhaltete. Den letzten Schritt bildete 2001/02 die gelungene Sanierung und Restaurierung durch Architekt Helmut Goldmann, welcher mit einem privaten Konsortium das mittlerweile denkmalgeschützte Ensemble erstanden hatte.

Mit «Hingeschaut» gehen wir Details mit kulturellem Hintergrund und Zuger Bezug nach. Frühere Beiträge finden Sie online unter www.zugerzeitung.ch/hingeschaut

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