Ein historischer Flugzeug-Motor wurde aus dem Zugersee geborgen

Am 19. Mai 1940 stürzte ein Flugzeug der Schweizer Luftwaffe in den See. Gefunden wurde er per Zufall von einem Taucher.

Carmen Rogenmoser
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80 Jahre lag der historische V12-Motor im Zugersee.

80 Jahre lag der historische V12-Motor im Zugersee.

Bild: PD

Im Mai 1940 überfällt Deutschland die neutralen Beneluxstaaten und marschiert in Frankreich ein. Der Westfeldzug versetzte auch die Schweiz in Alarmbereitschaft. Grenzüberwachungsflüge gehörten zum Alltag. Und so machten sich am 16. Mai Pilot Jean de Praetere, angehender Maschinenbauingenieur, und Beobachter Arthur Zulauf, Bauingenieur-Student, um etwa 8 Uhr auf den Weg von Buochs in den Raum Konstanz-Sargans. Gestartet waren sie mit einem Aufklärungs- und Erdkampfflugzeug der Schweizer Flugwaffe vom Typ K+W C35.

Ein Flugzeug vom Typ K+W C35

Ein Flugzeug vom Typ K+W C35

Bild: PD

Weit kamen die beiden nicht. Das Flugzeug stürzte wenig später im Gebiet Murpfli bei Oberwil in den Zugersee. Die jungen Piloten überlebten nicht. Ein Teil der Maschine konnte dank eines Ölflecks bereits damals geborgen werden. Der Motor und der Propeller blieben aber verschollen – bis heute. Denn am Freitagnachmittag wurde der Motor nach fast 80 Jahren aus dem See gehoben. Entdeckt hat ihn Taucher Roger Eichenberger im vergangenen November eher durch Zufall. «Natürlich wusste ich vom Flugzeugabsturz in diesem Gebiet», sagt er. Gesucht hat er aber eigentlich nach einem gesunkenen Motorboot.

Wenn ein Teil der Geschichte auftaucht

Eichenberger gehört die Firma Divework, mit der er im Bereich Taucharbeiten und Unterwasserbau tätig ist. Zum Einsatz kommt dabei auch ein Unterwasserroboter. Damit er in Übung bleibt, sucht Eichenberger nach gesunkenen Objekten. Den Motor mit der Bezeichnung Hispano-Suiza HS-77 des Kampfflugzeuges hat er in 70 Meter Tiefe geortet. Er war fast bis zur Hälfte im Boden eingesunken und habe eher einem Steinhaufen geglichen. «Das ist schon speziell», findet der Taucher. «Was wir hier rauf holen, ist ein Teil der Geschichte.» Als letzter Schritt muss der Motor nun aus dem Wasser gehoben werden.

Vorsichtig wird der Motor aus dem Wasser gehoben, kontrolliert von Taucher Roger Eichenberger (rechts) und beobachtet von Stefan Hochuli, Leiter des kantonalen Amts für Denkmalschutz und Archäologie.

Vorsichtig wird der Motor aus dem Wasser gehoben, kontrolliert von Taucher Roger Eichenberger (rechts) und beobachtet von Stefan Hochuli, Leiter des kantonalen Amts für Denkmalschutz und Archäologie.

Bild: PD

Dabei hilft der Kran im Zuger Hafen. Ganz vorsichtig wird dieser bedient. Schliesslich taucht das Ungetüm aus dem Wasser auf. «Ein schöner V12-Motor mit 1000 PS», sagt Eichenberger ehrfürchtig. Beobachtet wird das Geschehnis nicht nur von einigen Schaulustigen, sondern auch von Stefan Hochuli, Leiter des kantonalen Amts für Denkmalpflege und Archäologie, und Daniel Geissmann, Leiter Ausstellung und Sammlung des Verkehrshauses Luzern. Das Relikt wird im Verkehrshaus in der Halle Luftfahrt ausgestellt. Das ist nicht selbstverständlich. Beim Motor handelt es sich um einen archäologischen Fund, was bedeutet, dass der Motor dem Kanton Zug gehört. Dieser stellte aber keinen Anspruch und hat ihn dem Verkehrshaus überlassen. Abgetropft und gut gesichert wird der Motor nach Luzern transportiert.

Was genau im Mai 1940 in der Luft passierte, ist bis heute nicht klar. «Der Unfall wurde darauf zurückgeführt, dass für den Piloten über dem Wasser die Kriterien für Lage und Höhe verloren gingen», beschreibt der Schweizer Aviatikjournalist und Buchautor Peter Brotschi im Buch «Gebrochene Flügel» den Absturz des Militärflugzeugs. Tatsächlich wurde das zweisitzige Mehrzweckflugzeug bei Immensee in bloss etwa 30 Meter Höhe gesehen. Es flog in gleicher Höhe quer über den Zugersee, dann dem Zugersee entlang und schliesslich wieder über den See. Bei einer Linkskurve auf der Höhe Murpfli berührte es mit dem linken Flügel das Wasser. Die C-35 tauchte sofort unter.