Zug: Betreiberfamilie des «Chicago» blickt auf ein schwieriges Jahr zurück

Der in Zug bekannte Gastronom Nikolaos Roditis starb am 2. Januar. Seine Familie versucht seither, den Verlust zu bewältigen. Die oft oberflächliche Welt des Nachtlebens birgt dabei besondere Herausforderungen.

Raphael Biermayr
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Barbara Glanzmann, Christina Roditis und René Hürlimann (von links) wollen nach vorne schauen. Sie freuen sich, mit den Gästen auf das neue Jahr anzustossen.

Barbara Glanzmann, Christina Roditis und René Hürlimann (von links) wollen nach vorne schauen. Sie freuen sich, mit den Gästen auf das neue Jahr anzustossen.

Bild: Maria Schmid (Zug, 20. November 2019)

Die 13. Silvesterparty in der Zuger Chicago Bar sollte die letzte sein. Die 52-jährigen Gründer und Miteigentümer Barbara Glanzmann und Nikolaos Roditis hatten am Tag zuvor entschieden, ihren Traum zu leben. Sie wollten im Jahr 2020 von Griechenland aus zu einer langen Segelreise aufzubrechen. Zwei Tage nach Silvester starb Roditis im Haus der Familie in Kriens.

Seither ist «Nick», wie er von allen gerufen wurde, im Lokal beim Güterbahnhof nur noch in Erinnerungen zugegen. Wobei das nicht ganz stimmt: Von einem Foto auf der Bar blickt er entspannt und zufrieden in den Gastraum. Die Aufnahme wird von einer Kerze, einer Schachtel der Zigarettenmarke von Nick, einem Glas seines Lieblings-Shots und einer Flasche Metaxa eingerahmt. Diesen Schrein hat seine Tochter Christina hergerichtet. Die 24-Jährige führt das «Chicago» zusammen mit René Hürlimann (31) seit dem Frühling 2017. «Ich wollte nach Papis Tod so schnell wie möglich wieder im ‹Chicago› anwesend sein», blickt sie auf den vergangenen Januar zurück.

Die Reaktion der Gäste habe sie nicht gefürchtet, auch wenn sie nicht wusste, was sie erwartet. Die Familie entschied sich für eine aktive Kommunikation. Zwei Tage nach dem Herzversagen informierte sie die Gäste mittels Facebook darüber und hängte im Lokal Zettel aus: Man soll sich bei Fragen direkt an Barbara oder Christina wenden. «Es war uns wichtig, dass keine falschen Gerüchte in Umlauf kommen und das Personal in Erklärungsnot gerät», sagt René Hürlimann. Der Oberägerer war das Bindeglied zwischen der Familie und den Angestellten, und er schmiss den Laden. «Dafür sind wir René sehr dankbar», sagt Barbara Glanzmann.

Sie macht keinen Hehl daraus, dass ihre Verfassung bis heute immer wieder Rückschläge erfährt. Bei der Arbeit im Nachtleben wird Barbara Glanzmann immer wieder mit schwierigen Situationen konfrontiert. So wurde ihr bewusst, wie scheinheilig Fröhlichkeit manchmal sein kann – und dass sie diese Art der Oberflächlichkeit auch selbst lebte. Das will sie nicht mehr. «Ich habe seit dem 2. Januar nicht mehr das Bedürfnis, automatisch ein Lächeln anzuknipsen, sobald ich aus dem Hause gehe», erklärt sie, «das kommt nicht immer gut an.»

Die überschaubare Zuger Ausgangsszene belebt

Mittlerweile fühle sich Barbara Glanzmann in ihrer Rolle als Gastgeberin langsam wieder wohl und sicher. Auch ohne Nick, der für diese Aufgabe wie geschaffen war. Seine nahbare, nachsichtige und grosszügige Art kam bei Gästen und Personal an. Das Ehepaar belebte die überschaubare Zuger Ausgangsszene, indem die beiden die zuvor nur noch Insidern bekannten Lokale Fischerstube und Cotton Club unter neuen Namen massentauglich machten. Und sie hauchten dem «Ritz» am Landsgemeindeplatz mit dem Restaurant Olive&Oregano neues Leben ein. Letzteres steht zum Verkauf, die Verhandlungen laufen derzeit, sagt Barbara Glanzmann.

Die lockere und freundliche Atmosphäre lebt weiter

Das «Chicago» aufzugeben sei indes nie zur Debatte gestanden, auch wenn mit Nick «ein sehr grosser Teil des Charakters der Bar nun fehlt», wie René Hürlimann es ausdrückt. «Die typische Chicago-Art, diese lockere und freundliche Atmosphäre, lebt weiter», hält Christina Roditis fest. Die Gäste bestätigten das in ihren Rückmeldungen und die Bar sei meistens belebt. Allerdings ist nicht zu übersehen, dass man kaum mehr vor dem Lokal anstehen muss. In der Stadt Zug hat die Konkurrenz in den letzten Jahren stark zugenommen. Das widerspiegle sich im Ausgangsverhalten, hat René Hürlimann festgestellt. «Es ist mehr Bewegung drin. Die Leute wechseln an einem Abend die Lokalität mehrmals, statt an einem Ort zu bleiben.» Er erkennt darin einen Vorteil: «Wenn Zug als Ausgangsort interessanter wird, kommt das allen Läden zugute.» Die beiden Geschäftsführer halten an Bewährtem fest, konzentrieren sich also auf das Geschäft freitags und samstags. Unter der Woche finden wie bis anhin sporadische Veranstaltungen wie Poetry Slam und Comedy-Abende statt. Gemäss Christina Roditis sollen weitere Events dazukommen.

Darüber hinaus gibt stets auch der Kalender zusätzliche Partyabende vor. Wie am letzten Tag des Jahres. Dann wird zum 14. Mal Silvester im «Chicago» gefeiert werden. Barbara Glanzmann hat sich bereits zur Arbeit einteilen lassen. «Christina, René und ich freuen uns, mit den Gästen auf das neue Jahr anzustossen», sagt sie. Es gilt, nach vorn zu schauen. Auch wenn das 2019 oft schwergefallen ist.