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Als König Ludwig auf dem Rütli ein Schloss bauen wollte...

In seinem neusten Buch spürt der Zuger Historiker und Autor Michael van Orsouw royalen Geschichten nach. Darin deckt er unbekannte und überraschende Episoden und Begebenheiten auf.
Andreas Faessler
Im «royalen» Hemd: Autor Michael van Orsouw bei der Buchvernissage in der Bibliothek Zug. (Bild: Stefan Kaiser, 27. August 2019)

Im «royalen» Hemd: Autor Michael van Orsouw bei der Buchvernissage in der Bibliothek Zug. (Bild: Stefan Kaiser, 27. August 2019)

Eigentlich ist es erstaunlich: Die Schweizer hegen eine tief verankerte Grundfaszination für das Royale. Das schlägt sich nicht etwa auf den Klatschseiten der «Glückspost» und ähnlichen Magazinen nieder, nein, das war schon vor hunderten Jahren so. Liest man historische Publikationen und alte Zeitungen, so räumte man allem, was in den umliegenden Monarchien geschah, sehr viel Platz ein. Und wenn ruchbar wurde, dass Blaublütige unser Land besuchten, war die Aufregung unter dem Schweizer Volk gross. Sensationslust? Oder ein durch die historisch begründete Schweizer Adelsfeindlichkeit hervorgerufener Wechseleffekt? Oder aber einfach Interesse für das, was die Schweiz nie war – eine Monarchie?

Dieses Faible der Schweizer für den ausländischen Hochadel zieht sich als einer der roten Fäden durch das neue Buch «Blaues Blut – Royale Geschichten aus der Schweiz», welches der Zuger Historiker und Autor Michael van Orsouw am Dienstagabend in Zug der Öffentlichkeit vorgestellt hat. Anhand 13 Königen, Königinnen und Kaiser wie Kaiserinnen, welche in die Schweiz gekommen sind, zeichnet van Orsouw ein kunterbuntes Bild davon, wie die Schweizer in den letzten knapp 250 Jahren auf Tuchfühlung mit dem Hochadel gegangen sind. «Die Monarchen hatten zahlreiche Motive, unser Land zu besuchen. Zur Kur, für Erholungsurlaub, aus politischen Gründen oder um einzukaufen – sie alle aber haben eines gemein: Sie haben Geschichten hinterlassen», sagt der Autor an der Buchvernissage.

Und darin liegt die Essenz des Buches. Der Autor ist vor allem den kleinen Geschichten in der Geschichte selbst nachgegangen. Angefangen mit dem umtriebigen Kaiser Joseph II., dem Sohn von Maria Theresia, welcher im Jahre 1777 mit seinem rüpelhaften und arroganten Auftreten in der Schweiz für Unmut und Unsicherheit sorgte. Oder Louis Philippe I., welcher in Zug später Tumult ausgelöste, als bekannt geworden war, dass er als «Revolutionsflüchtling» oberhalb der Stadt ein Haus bezogen hatte. Hochdelikat: Der König floh schliesslich als «Franz Josef Müller» nach Finnland. Und die starrköpfige Queen Victoria legte sich erfolglos mit passionierten Keglern an, als sie auf dem Gütsch in Luzern ihr Burn-out kurieren wollte.

Kühne Pläne am Urnersee

Am Vierwaldstättersee und Umgebung spielt übrigens manche royale Episode im Buch. Auch für König Ludwig von Bayern, ein grosser Schiller-Verehrer, war die märchenhafte Landschaft der Urschweiz ein Magnet. Warum es nicht abwegig ist, dass Ludwigs fantastisches Felsenschloss Neuschwanstein oder etwas in der Art auf der Rütliwiese zu stehen hätte kommen können – das Buch erzählt’s. «Man müsste die Schweizer Geschichte wohl neu schreiben», sagt van Orsouw hierzu. Ein weiterer Höhepunkt im Buch ist die kaum bekannte Tatsache, dass als unmittelbare Folge des tragischen Unfalltodes von Königin Astrid bei Merlischachen Aviatik- und Mediengeschichte geschrieben worden ist.

Der eigentliche «Shooting-Star» unter den blaublütigen indes war Königin Wilhelmina von den Niederlanden, die in Gersau, in Luzern, auf dem Zugerberg und an mehreren anderen Orten in der Schweiz wiederholt längere Zeit ihren Urlaub verbrachte und fast jede dieser Destinationen zu einem Hotspot für niederländische Urlaubsgäste machte. Dass die Prinzessin einem verärgerten Berner Oberländer Bauern das Gras zertrampelte, oder dass sie im Stockalperpalast aus der Küche geschmissen wurde – es sind kleine Episödchen, welche der Geschichtsschreibung kaum Erwähnung wert sind, im Buch aber sind es gerade diese Perlen von den Nebenschauplätzen, die den Gehalt ausmachen. Die Geschichtsspanne zieht van Orsouw bis ins Jahre 1954, als der Abessinische Kaiser Haile Selassie mit grossem Pomp die Schweiz besuchte, um bei seinem Freund Emil Georg Bührle auf Waffen-Shoppingtour zu gehen.

Brücken zum Geschehen der Zeit

So unterhaltsam die Lektüre, so lehrreich ist sie zuweilen. Der Autor hat bewusst punktuell die wichtigsten Zusammenhänge zum jeweiligen politischen Geschehen in Europa eingebracht, damit die Leserschaft die Geschichten in den entsprechenden Kontext zu stellen vermag. «Aber gerade diese kleinen Brücken zu schlagen, war neben der Recherche der Hintergrundgeschichten das Aufwendige an diesem Buch», sagt Michael van Orsouw rückblickend. «Ich hätte nie gedacht, dass das alles so viel hergibt.»

Vor mehr als einer Dekade ist die Idee zum Buch entstanden – eine Ausstellung hätte es werden sollen, wie Bruno Meier vom Verlag Hier und Jetzt sagt. «Jetzt ist es halt ein Buch geworden.» Zum Glück, möchte man meinen. Die Lektüre ist süffig, originell, kurzweilig und besticht am Laufmeter mit höchst unerwarteten Begebenheiten. Dem Autor gelingt es, eine unterhaltsame, für jedermann verständliche Sprache zu finden, ohne einen wissenschaftlichen Anspruch und den Eindruck absoluter Fundiertheit missen zu lassen.

Eine zweite Buchvernissage findet in Luzern statt, am Donnerstag, 29. August, um 19 Uhr in der Stadtbibliothek im Bourbaki Panorama.

Hinweis
Michael van Orsouw, «Blaues Blut – Royale Geschichten aus der Schweiz», Verlag Hier und Jetzt, 312 Seiten, gebunden, Fr. 39.–

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