Der Friedhof St. Michael ist ein Ort stiller Schönheit und Geschichte

Der Friedhof St. Michael in Zug bietet Raum für die stille Trauer. Und er ist ein wertvoller Zeitzeuge: Den alten Bestand respektierend und den neuen Bedürfnissen nachkommend, wurde er stets in vorbildlicher Weise weiterentwickelt. Ein Beitrag zum Tag des Friedhofs am Samstag, 21. September.

Brigitte Moser*
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Der Friedhof St. Michael im Überblick, so wie er sich heute präsentiert (Bilder: Regine Giesecke)
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Das Gemeinschaftsgrab vor dem Beinhaus St. Anna aus dem 16. Jahrhundert. Das Grab wurde 2005 vom Landschaftsarchitekten Andreas Tremp geschaffen.
Im Vordergrund der 1953 erweiterte Friedhofsbereich. Dahinter die 2005 erbaute Abdankungshalle. Sie reflektiert die sich stetig wandelnde Bestattungskultur.

Der Friedhof St. Michael im Überblick, so wie er sich heute präsentiert (Bilder: Regine Giesecke)

Sein Fingerlein streicht über den Namen auf dem Messingschildchen. Er schaut zu mir hoch und fragt: «Wo ist Grosspapa?» «Er blickt vom Himmel in Liebe zu uns herab», sage ich. Mein kleiner Sohn steht auf und gibt mir die Hand. Wir stehen unter den Kirschbäumen beim 2005 geschaffenen Gemeinschaftsgrab im Friedhof St. Michael.

Der Blick schweift über die schimmernden Gedenktäfelchen im Natursteinbeet, die Kieswege und Grünflächen, hin zum Beinhaus St. Anna aus dem 16. Jahrhundert. Hier können sich Trauer und Liebe in Stille entfalten. Und hier kann neue Zuversicht wachsen. Ein wunderbarer Ort. Ein Ort der Geschichte – unserer Geschichte.

Der Ursprung

Die Anfänge des Friedhofs gehen ins frühe Mittelalter zurück, als man hier, auf einer Terrasse am Zugerberg, eine kleine Kirche errichtete. Als nach 1200 die Pfarreien entstanden, wurde St. Michael, wie die meisten ins Frühmittelalter zurückreichenden Kirchen, zur Pfarrkirche. Die gleichnamige Grosspfarrei umfasste die heutigen Gemeinden Zug und Walchwil. Deren Verstorbene wurden im Friedhof St. Michael beigesetzt. 1469 baute man nach einem Brand die Kirche neu. 1513 kam das Beinhaus St. Anna dazu.

Nach dem Pesteinbruch Mitte des 14. Jahrhunderts hatten sich die Bevölkerungszahlen gegen Ende des 15. Jahrhunderts wieder erholt. Der Platz auf den Friedhöfen wurde knapper. Daher fing man an, die alten Gräber auszuheben und die vorgefundenen Gebeine in Beinhäusern zu verwahren. In seiner spätgotischen Form und mit den kunstvollen Flachschnitzereien erzählt das Beinhaus St. Anna bis heute von damals.

Die Erweiterungen

Noch bis ins 19. Jahrhundert erfolgten die Bestattungen um die Kirche herum – damals alles Erdbestattungen mit Grabsteinen. Mit dem 1868 gefassten Beschluss, dass alle Einwohnerinnen und Einwohner der Stadt im Friedhof St. Michael bestattet werden sollen, dem wenig später erfolgten Verbot von Beerdigungen bei der Stadtkirche St. Oswald und der allgemeinen Bevölkerungszunahme wurde der Friedhof zu klein. So erfuhr er 1872 hangaufwärts seine erste Erweiterung. Diese orientierte sich an der einfachen Gestaltung des alten Friedhofs mit seinen rasterartig angelegten, von Wegen umgebenen Grabfeldern. Neu wurde die Fläche mit Thujen strukturiert. Der weitergeführte, ansteigende Hauptweg mit seiner Verbindungstreppe zwischen den beiden Ebenen prägt die Anlage noch heute.

Die zweite Friedhofserweiterung von 1921 wurde durch die bekannten Zuger Architekten Dagobert Keiser und Richard Bracher realisiert. Sie erfolgte auf der gleichen Höhe nach Süden und passte sich in ihrer Gestaltung der gewachsenen Anlage an. Die strukturierte Begrünung wurde hier mit Scheinzypressen weitergeführt, die vertikale Akzente setzen und die Terrassenkanten betonen. Von der geplanten Abdankungshalle und dem Nutzbau wurde nur der zweitgenannte ausgeführt. Das neugotische, kapellenartige Gebäude – nach seinem Erbauer «Dagobertkapelle» genannt – orientiert sich in Ausrichtung und Formensprache am wenig unterhalb stehenden spätgotischen Beinhaus.

1953 erfolgte die dritte Erweiterung oberhalb der letzten beiden Etappen. Damit erhielt der Friedhof seine heutige Grösse. Es sollten neu 980 Reihengräber, 50 Kindergräber, 100 Kleinkindergräber, 117 Familiengräber und 200 Urnengräber geschaffen werden. Die Umsetzung fiel dem Gartenarchitekten Ernst Graf aus Zürich zu. Er folgte einem linearen Gestaltungsprinzip entlang den Terrassen. Die ganze Anlage wurde gleichmässig mit Laubhölzern und Stauden-Strauchbändern zwischen Wegen und Grabfeldern bepflanzt.

Die Umgestaltungen

1966 bis 1970 wurden der älteste Friedhofteil und die zwei ersten Erweiterungen vom renommierten Landschaftsarchitekten Fred Eicher aus Zürich umgestaltet. Dabei glich er die zweite Erweiterung der ersten an. Das Terrain wurde teilweise aufgeschüttet, die Wege, Randabschlüsse, Treppen und Entwässerungssysteme angepasst.

Seit Anfang der 1970er-Jahre nahmen die Urnenbestattungen und der Wunsch nach einem Gemeinschaftsgrab zu. 1983 bewilligte das Stadtparlament einen Kredit zur Realisierung einer Urnennischenwand, die ein Jahr später von Bildhauer Albert Steiger aus Zug realisiert wurde. Sie bekam ihren Platz ganz oben im Bereich der neusten Erweiterung. 1992 wurde sie mit einer weiteren Urnennischenwand vom selben Bildhauer ergänzt. Dieser war gleichzeitig mit dem Gartenarchitekten Dölf Zürcher aus Oberwil bei Zug daran, ein Gemeinschaftsgrab zu gestalten.

Eine weitere Urnennischenwand sowie ein neues Gemeinschaftsgrab im ältesten Teil des Friedhofs kamen 2005 dazu. Der Landschaftsarchitekt Andreas Tremp aus Zürich schuf ein längsrechteckiges, zum mittelalterlichen Beinhaus ausgerichtetes, flaches Natursteinbeet mit Wasserbecken. Schimmernde Messingplättchen mit Namen erinnern an die Verstorbenen. Kirschbäume säumen die Grabsteinfläche und öffnen ihre weissen Blüten alle Jahre wieder, hell und schützend.

Ebenfalls 2005 erfolgte der Bau eines Friedhofgebäudes mit konfessionsneutraler Abdankungshalle durch Burkhard Meyer Architekten, Zürich. In der südöstlichen Ecke des Friedhofs errichtet, schmiegt sich der flache, die Vertikale betonende, kubische Bau aus hellem Kalksteinbeton an den Hang. Das Bauvolumen, die Materialisierung und die Innenausgestaltung sind schlicht und beruhigt. Die zu See und Bergen ausgerichtete, grün schimmernde Glasfassade mit Lamellen entstand in Zusammenarbeit mit dem Künstler Hugo Suter. Je nach Lichteinfall taucht sie den Innenraum in ein zauberhaftes Licht, das der Trauer Raum gibt.

Der Friedhof als Kulturgut

Noch heute ist die Geschichte des ins Frühmittelalter zurückreichenden Friedhofs St. Michael in seiner Anlage eindrücklich erlebbar. Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts waren Erdbestattungen mit Grabmälern üblich. Wegen des stetig steigenden Platzbedarfs wurde der Friedhof sukzessive erweitert. Mit der Zunahme der weniger platzintensiven Urnenbestattungen seit den 1950er-Jahren und der Anlage von Gemeinschaftsgräbern seit den 1970er-Jahren waren keine Erweiterungen mehr nötig. Indes gestaltete man den gewachsenen Friedhof mehrfach um. Bis heute kamen u.a. noch ein Kindergrab (2011) und ein Gemeinschaftsgrab (2017) dazu.

Mit den neuen Bestattungsformen, dem Verstreichen der Grabesruhe und damit der Aufhebung von Gräbern wird es zukünftig vermehrt Freiflächen geben. So wird sich der Friedhof in seiner Gestalt auch weiterhin wandeln. Stets mit grosser Sorgfalt den neuen Bedürfnissen angepasst, gilt es, weiterhin den behutsamen Umgang zu pflegen, damit der Friedhof seinen einzigartigen Charakter beibehalten kann. Er ist nicht nur ein stimmiger Ort, um zu trauern, er ist auch ein unschätzbares Kulturgut, das unsere eigene Geschichte birgt – in jeglicher Hinsicht.

* Brigitte Moser ist Kunsthistorikerin und Mittelalterarchäologin aus Zug. Obiger Beitrag ist ursprünglich beim Schweizer Heimatschutz erschienen.