Ein Referent in Zug stellt eine besondere Frage: «Was würden Sie tun, wenn Sie heute Abend sterben würden?»

Palliativ Zug und Hospiz Zug haben zu einem Referat zum Thema Verletzlichkeit geladen. Der Umgang damit prägt unser Leben und Sterben.

Nadine Wyss
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Der Vortrag zum Thema Verletzlichkeit hat im altehrwürdigen Siehbachsaal in Zug stattgefunden. In einem hellen Raum – weder dunkel noch düster, so wie das Thema Sterben häufig wahrgenommen wird. Dabei gehört das Sterben zum Leben.

Knapp 20 Personen haben sich am regnerischen vergangenen Samstagmorgen eingefunden, um sich mit dem Thema der Verletzlichkeit auseinanderzusetzen. Rita Fasler, Geschäftsstellenleiterin Palliativ Zug, begrüsste die Anwesenden und stellte Referent Roland Kunz als «Palliativ-Pionier» vor. Er ist der Leiter des Zentrums für Palliative Care am Spital Waid in der Stadt Zürich. «Wir versuchen Momente der Verletzlichkeit zu vermeiden und keine Schwäche zu zeigen», lautete sein Einstieg ins Thema. «Alternativ versuchen wir, unsere Verletzlichkeit zu verbergen, als stünden wir komplett über den Dingen.»

Von links: Rita Fasler (Geschäftsleiterin Verein Palliativ Zug), Roland Kunz, (Geriater, Chefarzt Waidspital Zürich) und Rosetta Rosamilia (Präsidentin Verein Hospiz Zug) im Siehbachsaal.

Von links: Rita Fasler (Geschäftsleiterin Verein Palliativ Zug), Roland Kunz, (Geriater, Chefarzt Waidspital Zürich) und Rosetta Rosamilia (Präsidentin Verein Hospiz Zug) im Siehbachsaal.

Bild: Daniela von Jüchen/PD (Zug, 10. Oktober 2020)

Gemäss der US-Sozialwissenschaftlerin Brené Brown, die zehn Jahre zum Thema Scham und Verletzlichkeit geforscht hat, lassen sich die Menschen grob in zwei Gruppen unterteilen: Die erste Gruppe fühlt sich geliebt. Die zweite muss ständig um Liebe kämpfen. Menschen der ersten Gruppe sehen die Verletzlichkeit als normalen und notwendigen Bestandteil des Lebens. Das führt dazu, dass diese Menschen besonders authentisch wahrgenommen werden, weil sei zeigen, wer sie wirklich sind. Diese Menschen haben es in der Regel einfacher, tiefe Verbindungen aufzubauen.

Der Tiefgang in Beziehungen nimmt zu

Roland Kunz erlebt in seinem Alltag auf der Palliativstation immer wieder berührende Momente. Vor allem dann, wenn sozialer Statuts, Titel und Besitz irrelevant werden. Wenn Menschen durch die soziale Nacktheit wieder authentisch werden und es ihnen möglich wird, kurz vor dem Tod Beziehungen mit grosser Tiefe zu erfahren. Roland Kunz weiss:

«Der Gedanke an das hohe Alter macht vielen Menschen Sorgen.»

Ältere Menschen seien oft mit vielen Verlusten konfrontiert, fühlen sich nutzlos. Sterbenden Menschen solle man ermöglichen, das zu sein und das zu tun, was ihnen wichtig und wertvoll ist. Und schliesslich gehe es auch darum, Sterben zuzulassen.

Um die eigene Sterblichkeit vor Augen zu führen, stellte der Referent die Frage: «Was würden Sie tun, wenn Sie heute Abend sterben würden?» Es gilt, sich mit der eigenen Sterblichkeit vertraut zu machen, sich mit dem Tod anzufreunden, Vorkehrungen zu treffen. Der Anstoss für ein Gespräch in diese Richtung kann eine Diagnose sein, aber auch die Erstellung einer Patientenverfügung.

Bei der anschliessenden Diskussionsrunde in Gruppen, die unter Coronamassnahmen abgehalten wurde, konnten sich die Teilnehmenden zu vorgegebenen Fragestellungen austauschen. Auch die Covid-19-Pandemie war ein Thema. Auf die strengeren Regelungen in diesem Zusammenhang angesprochen, antwortete Roland Kunz, dass es wichtig sei, nicht nur die Fallzahlen zu sehen, sondern auch zu überlegen, was die Situation für die Menschen in den Spitälern und Alters- und Pflegeheimen bedeute.