Ein Stinkkäfer erobert die Zentralschweiz

Das kleine graugelb-braune Tier ist auch in den Kantonen Zug und Luzern auf dem Vormarsch. Es schädigt landwirtschaftliche Kulturen und dringt im Herbst in die Wohnungen ein. Besonders gut zu gefallen scheint es ihm derzeit in Cham.

Carlo Schuler
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Unangenehmer Zeitgenosse: Die Marmorierte Baumwanze, auch chinesischer Stinkkäfer genannt. (Bild: Getty)

Unangenehmer Zeitgenosse: Die Marmorierte Baumwanze, auch chinesischer Stinkkäfer genannt. (Bild: Getty)

Er mag Licht, Wärme, obere Stockwerke, städtische Wohnungen und offene Fenster. Und er mag es gar nicht, wenn man ihm zu nahe kommt oder ihn gar zertrampelt. Dann beginnt er zu stinken. Die Rede ist vom Chinesischen Stinkkäfer, der Marmorierten Baumwanze.

Seit ihrer Ankunft in der Schweiz vor rund 15 Jahren hat sich diese eingeschleppte Käferart rasant verbreitet. Und mittlerweile ist sie definitiv auch in der Zentralschweiz angekommen.

«Die erste Marmorierte Baumwanze habe ich im Jahre 2014 in meinem Hausgarten in Cham gefunden», sagt Raymund Gmünder, Lehrer und Berater am Landwirtschaftlichen Bildungs- und Beratungszentrum (LBBZ) Schluechthof in Cham. Offenbar sei aus Cham schon ein Jahr zuvor ein Exemplar gemeldet worden, was demnach die erste Zuger Meldung darstellte. «Seither gibt es eine dauernde Zunahme. Dieses Jahr fand schweizweit ein Monitoring statt. Aufgrund dessen scheint Cham speziell betroffen zu sein. In den drei Fallen, die ich im Gebiet Schluechthof aufgestellt habe, habe ich schon Dutzende oder Hunderte gefangen, die nun eingefroren in unserem Tiefkühler liegen.» Die Forschungsstelle Agroscope in Wädenswil hat dieses Jahr im Schluechthof eine Mulde aufgestellt, mit der man versuche, einen Massenfang durchzuführen («Zuger Zeitung» vom 4. Juni 2018). Ergebnisse würden derzeit noch keine vorliegen.

Grosses Schadenspotenzial

Aber nicht jede Wanze ist eine Marmorierte Baumwanze. «Es gibt viele Arten von Wanzen», sagt Raymund Gmünder: «Häufig sind zum Beispiel der Chriesi­stinker oder die recht ähnliche graue Gartenwanze. Es muss also nicht immer die Marmorierte Baumwanze sein. Die heimischen Arten richten höchstens minimen Schaden an.»

Die Marmorierte Baumwanze aber hat in der Landwirtschaft grosses Schadenspotenzial. Denn es ist beim Fressen nicht wäh­lerisch. Äpfel, Birnen, Pfirsiche, Zwetschgen, Trauben, Mais, aber auch Gemüse wie Tomaten oder Gurken, ja sogar Zierpflanzen stehen auf ihrem Speiseplan. Dabei hat es die Wanze vorab auf junge Früchte abgesehen: An der Einstichstelle wächst die betroffene Frucht in der Folge nicht mehr weiter.

Wie im Kanton Zug sei die Marmorierte Baumwanze auch im Kanton Luzern ein Thema, erklärt Markus Hunkeler, Berater für Spezialkulturen im Amt für Landwirtschaft und Wald (lawa) des Kantons Luzern. An vier Standorten (Cham, Hünenberg, Oberkirch, Buchrain) sei in diesen beiden Kantonen in diesem Jahr ein erstes Monitoring am Laufen: «An allen vier Standorten haben wir Fänge und auch bereits erste Fruchtschäden an den Baumkulturen zu verzeichnen. Besonders hohe Fangzahlen und auch Schäden an den Früchten haben wir bei Kulturen angrenzend an das Wohngebiet.»

Bereits laufe in Zusammenarbeit mit der Agroscope Wädenswil ein erster Tastver-such mit Massenfang. Dieser werde von Barbara Egger von der Forschungsstelle Agroscope in Wädenswil geleitet.

Im Herbst suchen sie gerne die Nähe von Wohnungen

Die Art Halyomorpha halys – so heisst die Marmorierte Baumwanze mit ihrem Fachnamen – versammle sich im Herbst an ­geschützten Standorten, um dort zu überwintern. «Dies können Wohngebäude sein, wo die Wanzen sehr unangenehm werden können, weil sie bei Bedrohung ein Alarmpheromon freisetzen, das für uns sehr unangenehm riecht», erklärt Egger.

Die kleinen Tiere suchen vor allem Ritzen und Spalten an der Gebäudehülle, Rollladenkästen und Dächer auf. Im Frühjahr, an warmen Tagen manchmal aber auch im Winter, erwachen sie und kommen vermehrt über die Fenster in die Wohnungen. Ende April kehren sie dann wieder auf die Bäume und Büsche der näheren und weiteren Umgebung zurück.

«In den letzten Wochen hatte ich keine Anfrage mehr zur Marmorierten Baumwanze. Ich denke, dass der Spuk nun vorbei ist», sagt Andrea Oelhafen von der Umweltberatung Luzern. Vorher aber habe es einige Meldungen aus dem Kanton Luzern zu diesen Wanzen gegeben.

Wichtig zu wissen: Die Wanzen richten an Gebäuden keinen Schaden an. Auch für den Menschen sind sie völlig harmlos: Sie können weder stechen noch sich in den Häusern vermehren. ­Offenbar gibt es aber viele Menschen, die sich durch die laut ­surrenden fliegenden Tiere oder auch von deren unangenehmem Wanzengeruch belästigt fühlen.

Von einer Bekämpfung mit Insektiziden raten die Fachleute ab. «Die meisten chemischen Mittel wirken kaum, daher sollte man sie nicht verwenden», sagt der Biologe Tim Haye. «Die Mittel mit einer guten Wirkung töten alle Nützlinge ab, was dann wieder dazu führen kann, dass andere Schädlinge sich vermehren.»

Begann alles im Chinesischen Garten?

Sein Team habe einheimische Schlupfwespen als Widersacher der Marmorierten Baumwanze getestet, allerdings seien diese nicht effektiv genug gewesen. Offenbar sei nun aber der natürliche Gegenspieler aus Asien ins Tessin eingeschleppt worden (Trissolcus japonicus). Diese Wespe haben Haye und sein Team dort vor ­kurzem per Zufall entdeckt. Sie könnte das Potenzial haben, die Wanze zu kontrollieren.

Wie aber fand die Marmorierte Baumwanze den Weg in die Schweiz? Es gibt die These, dass die Marmorierte Baumwanze vor rund 15 Jahren beim Bau des ­Chinesischen Gartens im Zürcher Seefeld in die Schweiz gelangte. «Das ist eine Möglichkeit», sagt Biologe Tim Haye. Beweisen könne man die These mit dem Chinesischen Garten allerdings nicht. «Direkt beim Bau wurde die Wanze eher nicht eingeschleppt. Allerdings wurden später Dachziegel ersetzt, die dann aus China in Kisten importiert wurden. Dies wäre einer der möglichen Wege der Einschleppung.»

Entwicklung wird beobachtet

Grosse Schäden seien von den Obstbetrieben im Kanton Schwyz bisher noch nicht gemeldet worden, erklärt Kathrin von Arx vom Amt für Landwirtschaft des Kantons Schwyz: «Jedoch haben wir in den Monitoring-Fallen sowohl in den Reben als auch beim Obst bereits Marmorierte Baumwanzen gefangen.» Nach Auskunft von Michael Burkard vom Amt für Landwirtschaft des Kantons Obwalden komme die Marmorierte Baumwanze in Nidwalden derzeit eher in Beerenkulturen und in Hausgärten vor. Beim Tafel- und Mostobst hingegen habe diese Wanze dieses Jahr einen geringen Einfluss auf die Ernte gehabt. «Es ist jedoch so, dass sich diese Wanze stark vermehrt. Im Kanton Nidwalden wird dazu aber kein Monito-ring betrieben.» Martin Amgarten vom Amt für Landwirtschaft und Umwelt des Kantons Obwalden weist darauf hin, dass es in Obwalden nur kleine Flächen von jenen Kulturen gibt, welche die Marmorierte Baumwanze bevorzugt: «Unseres Wissens ist diese Wanzenart im Kanton Obwalden bisher noch nicht aufgefallen.» Gleiches gilt auch für den Kanton Uri.

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Christopher Gilb