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Ein Übel, das wir hinnehmen

Redaktor Marco Morosoli über die allgemeine Missachtung öffentlichen Eigentums.

Marco Morosoli
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Marco Morosoli, Redaktor Zuger ZeitungBild:

Marco Morosoli, Redaktor Zuger Zeitung

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Stefan Kaiser (Zuger Zeitung)

Fremdes Eigentum ist gleich zu achten, wie wenn es das Eigene wäre. Eine Aussage, die verständlich, einprägsam und einfach umsetzbar ist. Die Realität sieht leider anders aus.

Neulich im Bahnhof Dietikon. Ein Güterzug fuhr vorbei. Eine Re-620-Lokomotive schleppte mehr als 20 Wagen in Richtung Zürich. Nichts Aussergewöhnliches, da haben Sie recht. Doch etwas stresst: Die Zugmaschine, in den 1970er-Jahren der Stolz der Schweizer Maschinenindustrie, fehlen Zierleisten und das Wappen einer Gemeinde. Da der Lokomotive auch die Nummer fehlt, ist es nicht einmal möglich, das fehlende Wappen zuzuordnen. Es kommt noch schlimmer: Alle Güterwagen waren mehr oder weniger gekonnt versprayt.

Als vor über 40 Jahren wilde Strichmännchen an Fassaden und anderen öffentlich zugänglichen Flächen in Zürich auftauchten, konnte der «Künstler» unerkannt bleiben. Erst ein Polizist in Zivil ertappte ihn Jahre später. Sein Name: Harald Nägeli. Mittlerweile ist der 81-Jährige weltbekannt und zeichnet weiter. Derzeit ist ihm eine Ausstellung im Musée Visionnaire gewidmet.

Die Bahnmaler erreichen Nägelis Status nie, aber übel ist, dass wir uns mit solchen Zeichnungen, die schlicht und einfach Sachbeschädigungen darstellen, abfinden. Die üblen Strassenkünstler machen auch vor fabrikneuen SBB-Triebzügen nicht Halt. Grundsätzlich gilt für Sprayer ohne Auftrag: Flächen sind zum Bemalen da. Das ist kein Schweizer Phänomen, es ist weltweit ein grosses Problem.

Es sind aber nicht nur nachtaktive Maler auf SBB-Gelände unterwegs. Bei den vorerwähnten Gotthard-Lokomotiven sollen Räuber die Wappen abgeschraubt haben. Einst waren diese eher auf der Jagd nach Kupfer.

Worüber ich staune: Wieso besprayen die «Künstler» keine Autos? Diese Gefährte stehen ja längst nicht alle in der dunklen Zeit in einem verschlossenen Unterstand oder unter Bewachung. So rätsle ich eben immer weiter. Übrigens: Ein Wapperäuber könnte auch die roten Chamer Bären von der Lokomotive 420278-4 abgeschraubt haben. Ich suche diese SBB-Zugmaschine seit mehr als drei Jahren. Ohne Erfolg. Was ist weiss, ausrangiert sollte sie noch nicht sein.