Seitenblick

Ein Vorsatz für jeden

Unsere Autorin darüber, weshalb Selbstreflexion mehr wert ist, als ein unrealistischer Vorsatz.

Carmen Rogenmoser
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Carmen Rogenmoser

Carmen Rogenmoser

Wir zählen die letzten Stunden des Jahres 2020. Es war ein sonderbares Jahr. Eines, das uns vor Augen führte, wie wenig es braucht, um die ganze Welt ins Wanken zu bringen, wie fragil unsere vermeintlich stabilen Sicherheiten sind. Und mehr als zu anderen Zeiten mussten wir uns in den vergangenen Monaten mit uns selber auseinandersetzen. Selten hatten wir so viel Zeit für uns. Ablenkung war Mangelware.

Mit dem Ende des Jahres kommen traditionellerweise die Vorsätze für das neue Jahr. Mehr Sport, gesünder Essen, weniger Stress oder endlich dieses oder jenes in Angriff nehmen – an Möglichkeiten, das Leben zu verbessern, mangelt es eigentlich nicht. Die allseits bekannte gute Auslastung der Fitnesscenter Anfang Jahr zeigt, dass es nicht nur mir so geht.

Auch bekannt ist, dass die Motivation der Neo-Sportler meist nur wenige Wochen dauert, und schon ist man wieder im gewohnten, sportlosen Alltagstrott. Ich bin da keine Ausnahme und so habe ich es schon vor langer Zeit aufgegeben, konkrete Vorsätze zu fassen. Auf das trotzdem einschleichende schlechte Gewissen kann ich gut verzichten.

Trotzdem aber nutze ich das Ende des Jahres, wie viele andere Enden auch, dazu mir Gedanken über das Geschehene zu machen. Was hat mir gefallen? Womit war ich zufrieden? Was hätte ich besser machen können? Diese Art der Selbstreflexion ist nicht immer ganz einfach und auch nicht immer bequem, aber es lohnt sich. Ich werde mir meiner Stärken bewusst und kann an meinen Schwächen arbeiten. Es bringt mir Ausgeglichenheit und Zufriedenheit.

Immer wieder komme ich dabei auf einen Satz zurück, der seit meiner Kindheit zentral ist: Behandle andere so, wie auch du behandelt werden möchtest. Halte ich mich daran, kommt es meist gut. Besonders wichtig war dieser Leitsatz während der vergangenen nicht enden wollenden Monaten der Unsicherheit. Ein toleranter, verständnisvoller Umgang mit dem Gegenüber ist nie falsch, vor allem nicht in Ausnahmezeiten, die vieles auf den Kopf stellen. Da täte ein bisschen Selbstreflexion dem einen oder andern gut. Jetzt ist der ideale Zeitpunkt dafür.