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Interview

Ein Zuger im Dschungel von Ecuador

Siegfried Andermatt ist 56 Jahre alt und betreibt seit über 20 Jahren eine Werbeagentur. Er ist jedoch momentan häufiger im Urwald unterwegs als zu Hause. Ein Gespräch über Kulturschock, Gringos, wilde Tapire und seine neuste Idee.
Interview: Roman Kühne
Siegfried Andermatt hat in Ecuador ein neues Projekt ins Leben gerufen und möchte damit Jugendlichen zu einem Studium verhelfen. (Bild: PD)

Siegfried Andermatt hat in Ecuador ein neues Projekt ins Leben gerufen und möchte damit Jugendlichen zu einem Studium verhelfen. (Bild: PD)

Siegfried Andermatt, Sie sind momentan praktisch im Dschungel, dennoch können wir problemlos per Whatsapp telefonieren?

Ich bin momentan natürlich nicht richtig im Urwald, sondern in Tena. Dies ist eine Stadt in Ecuador, im Amazonasgebiet. Hier hat es eine normale Infrastruktur mit Internet, Supermärkten, einem Spital und so weiter. Aber gleich anschliessend kommt der Dschungel. Eine halbe Stunde von hier geht es nur noch mit dem Jeep oder mit dem Boot weiter.

Und wie sind Sie dort gelandet?

Ich kam vor fünf Jahren das erste Mal nach Ecuador. Es gibt hier ein Projekt mit einer Urwaldschule, einem Studentenwohnheim, einer Auffangstation für gewilderte Tiere und einer Lodge im Dschungel. Diese Projekte wurden von der Schweizerin Christine von Steiger vor teils über 20 Jahren ins Leben gerufen. Dort arbeitete ich als Volontär. Eigentlich war nur ein Jahr geplant. Doch dann fielen andere Mitarbeiter aus. So sprang ich ein, zuerst im Studentenheim und später auch in der Liana-Lodge. Vor allem in der Liana-Lodge gab es grossen Handlungsbedarf.

Inwiefern?

Die Indigenen arbeiten gut und fleissig, aber es brauchte jemand, der ihnen sagte, wie die «Westler» ticken. Was will der Tourist? Wie muss man die Kunden behandeln? Für die Kichwa Indianer ist dies sehr wichtig. Es bringt ihnen Tourismus und damit Arbeitsplätze.

War Ihr erster Besuch ein Kulturschock für Sie?

Definitiv (lacht). Es war eine fremde Sprache, eine fremde Kultur. Die Kichwa, mit denen ich vor allem zu tun habe, sind ganz anders sozialisiert. So ist beispielsweise der Besitz nicht wichtig. Eigentum, wie wir es kennen, hat für die indigenen Stämme nicht existiert und dieses Konzept wurde erst mit den Missionaren eingebracht.

Wie meinen Sie das?

Ein Beispiel: Eines Abends, als ich nach Hause kam, lief ein Student in meinen Schuhen herum, die ihm viel zu gross waren. Ich sagte zu ihm, «hey, das sind meine Schuhe.» Er hat mich nur kurz angeschaut und geantwortet: «Ich weiss, brauchst du sie?» Verdutzt antwortete ich: «... ahhh, nein.» Dann ist er weiterspaziert und das Thema war für ihn erledigt. Die Kichwa haben eine ganz andere Einstellung zum Eigentum. Sie teilen viel intensiver als wir.

Auch mit Ihnen, als «Gringo»?

Ja, auch mit mir. Wenn ich im Dschungel meine Kichwa-Freunde besuche, dann wird alles mit mir geteilt. Ich weiss aber, wie wenig sie haben. Es ist auch faszinierend, wie sie in einer tiefen Verbundenheit mit der Natur leben. Alles wirkt so unschuldig. Ich weiss, das tönt jetzt für westliche Ohren sehr kitschig. Aber wenn wir so leben würden wie die Indigenen in Ecuador, dann hätten wir viele Probleme nicht. Ich würde allerdings die Hand nicht ins Feuer legen, dass die Kichwa sich nicht genau gleich verhalten, wenn sie zu mehr Geld kommen.

Das Geld ist ein Problem?

Ich hatte immer das Gefühl, jeder kann sich zusammenreissen und etwas erreichen. Hier hat es jedoch viele Jugendliche, die haben keine Chance, weil sie keine Grundbildung haben. Kürzlich hatte der Nachbarsjunge hier in der Stadt einen Motorradunfall. Der Vater wollte dann sein Auto verkaufen, mit dem er das Geld verdient. Das schafft wieder neue Probleme. Die Ecuadorianer haben gar nichts auf der Seite.

Darum haben Sie jetzt selbst ein Projekt auf die Beine gestellt?

Das Projekt nennt sich «Saber y Crecer» – in Deutsch heisst das «Wissen und Wachsen». Wenn die Kichwas studieren gehen, dann ist dies für sie absolut unfinanzierbar. So helfe ich beispielsweise privat momentan einem Shuar-Indianer. Er arbeitete vorher jede Nacht, um sein Studium zu finanzieren. Logisch wurden seine Noten schlechter. Dann habe ich knapp ausserhalb von Tena ein Grundstück gekauft, wo ein Haus für die Studenten entsteht. Das Land misst fast 6 Hektaren und ist Primärwald. Ein absolutes Paradies. Wir haben es nur bekommen, weil es für die Indigenen schlecht zugänglich ist.

Also Natur pur?

Vor einer Woche sind wir einem Tapir begegnet und mussten schleunigst das Weite suchen (lacht). Wenn man durch den Park wandert, dann spürt man direkt, was es heisst, in der Natur zu sein. In Europa gibt es so etwas gar nicht mehr. Hier ist alles viel direkter und intensiver. Wir werden auch ein Naturhaus mit einem Lernpfad für Touristen bauen. So können wir einen Teil der Kosten wieder einbringen.

Dies reicht zur Finanzierung?

Neben dem Tourismus sind wir auf Spenden angewiesen. Optimal wäre es, für jeden Studenten einen Paten zu haben. Ein Studium kostet pro Jahr etwa 3600 Dollar. Mit Arbeit können die Schüler diesen Betrag auf zirka 2000 bis 2500 Dollar reduzieren. Aber es sind natürlich auch kleinere Spenden willkommen. Dann suchen wir Volontäre aus der Schweiz, die etwas Sinnvolles mit viel Natur und Abenteuer verknüpfen wollen. Die Kichwas haben Mühe mit Mathematik und Sprachen. Da brauchen sie Hilfe. Dafür hat die indigene Bevölkerung ein enormes praktisches Wissen über die Natur, Pflanzen und Tiere. Das Projekt soll so zum kulturellen und Wissens-Austausch werden.

Sie wohnen aber immer noch in der Schweiz?

Ich bin noch in der Schweiz angemeldet und arbeite hier weiterhin als Grafikdesigner. Dies ist mein festes Standbein, das ich nicht aufgeben möchte. Aber momentan verbringe ich natürlich viel Zeit in Ecuador. Die Idee ist, dass ich in zwei Jahren das aufgebaute Projekt in einheimische Hände legen kann, sodass es mich nur noch zur «Überwachung» braucht.


Weitere Infos zum Projekt finden Sie unter www.saberycrecer.org. Spendenkonto Schweiz bei der Raiffeisenbank Zug, Saber y Crecer, IBAN CH69 8145 4000 0072 4961 3

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