Ein Zuger Projekt verbindet Kunst und Demenz

Alzheimer Zug und das Kunsthaus Zug lassen Demenz-Betroffene ins Museum eintauchen. Das neue Konzept kommt gut an.

Laura Sibold
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Im Jahr 2018 wurde das Kunsthaus Zug mit dem Label «Kultur inklusiv» der Pro Infirmis ausgezeichnet.

Im Jahr 2018 wurde das Kunsthaus Zug mit dem Label «Kultur inklusiv» der Pro Infirmis ausgezeichnet.

(Bild: Patrick Hürlimann, Zug, 6. Juli 2019)

Wie lassen sich Kunst und Demenz verbinden? Das zeigt ein neues Projekt des Kunsthauses Zug und der Beratungsstelle Alzheimer Zug. Im Oktober starteten die beiden Institutionen mit «Aufgeweckte Kunstgeschichte». Das Projekt will Demenz-Betroffene anhand von Kunstwerken zum kreativen Geschichtenerfinden animieren. An drei Vormittagen fanden sich Betroffene und Betreuende im Kunsthaus Zug ein und versammelten sich um ein aktuelles Bild aus der Ausstellung «Malerei der Aborigines» oder um eines aus der Sammlung des Kunsthauses.

Mit dem Projekt wolle man Betroffenen ermöglichen, auch mit Demenz das Kunsthaus besuchen zu können, erklärt Daniela Bigler Billeter, Leiterin der Beratungsstelle Alzheimer Zug. «Es ist wichtig, dass Demenz-Betroffene im geschützten Rahmen weiterhin am normalen Leben teilhaben können.» Menschen mit Demenz wurden im Kunsthaus aufgefordert, zu erzählen, was sie auf dem Bild sehen und welche Erinnerungen dies in ihnen weckt. «Es entwickelte sich schnell ein angeregtes Gespräch, in das sich alle gut einbringen konnten», sagt Sandra Winiger, Leiterin Kunstvermittlung des Kunsthauses. Sie habe bestärkt und das Gesagte zusammengefasst, während eine Kollegin jede Wortmeldung aufschrieb und das Gesagte zu einer Geschichte zusammenfügte. Diese Geschichte wurde am Schluss vorgelesen.

Erzählungen ermöglichen neuen Blick auf Bilder

Jeder Teilnehmer konnte anschliessend eine Karte nach Hause nehmen, auf der das Kunstwerk und die Geschichte abgebildet waren. Die Veranstaltungen fanden in einer kleinen Gruppe von jeweils rund zehn Personen statt, das Kunsthaus wurde extra für die Gruppe geöffnet. «Zu jedem Kunstwerk entstand eine berührende und spannende Erzählung», freut sich Winiger.

«Wir haben in den Bildern dadurch Dinge entdeckt, die wir so noch gar nicht wahrgenommen hatten.»

Aufgrund des gelungenen Experiments im Herbst haben Bigler und Winiger beschlossen, das Projekt «Aufgeweckte Kunstgeschichte» auch im kommenden Jahr weiterzuführen. An sechs Terminen können Demenz-Betroffene im Jahr 2020 spielerisch ins Kunsthaus Zug eintauchen, danach gibt es zum Abschluss ein gemeinsames Mittagessen. Die Idee von «Aufgeweckte Kunstgeschichte» geht auf ein Forschungsprojekt der Universität Zürich zurück.

Ursprung in Zürich

Ein Forschungsprojekt der Universität Zürich schickte Menschen mit Demenz erstmals im Museum auf Entdeckungsreise. Im 2012 lancierten, dreijährigen Projekt «Aufgeweckte Kunst-Geschichten» untersuchten Mitarbeiter des Zentrums für Gerontologie 49 Veranstaltungen in Kunsthäusern und Museen.
Die Ergebnisse geben Aufschluss über die Wirksamkeit der Veranstaltungen: So leiste das Projekt einen Beitrag zur Integration der Teilnehmenden, stärke sie und ihre Angehörigen und rege die Öffentlichkeit mittels realer Erfahrungen zur Revision ihres defizitlastigen Bildes der Erkrankung an, heisst es auf der Website der Universität Zürich. Auch im Aargau, Thurgau und in Basel gab es bereits ähnliche Angebote. (ls)

Sandra Winiger hat das Projekt von Anfang an mitverfolgt und mit dem Gedanken gespielt, etwas Ähnliches auch im Kanton Zug durchzuführen. Als das Kunsthaus Zug im vergangenen Jahr dann das Label «Kultur inklusiv» der Pro Infirmis erhielt, habe sie sich ein Herz gefasst. Das Label zeichnet Kulturinstitutionen aus, die sich für die Schaffung kultureller Angebote für Menschen mit Behinderungen einsetzen. «Wir sind die erste Kunstinstitution der Innerschweiz, die dieses Label erhalten hat. Als solche ist es uns wichtig, auch für Menschen mit kognitiven Schwierigkeiten oder Demenzerkrankungen einen niederschwelligen Zugang zur Kunst zu schaffen», erklärt Winiger. In der Folge tauschte sie sich mit den Projektleitenden in Zürich aus und nahm mit Alzheimer Zug Kontakt auf.

Projekt wird für ganze Zentralschweiz geöffnet

Durch das Projekt seien viele zum ersten Mal richtig mit Kunst in Kontakt gekommen, ergänzt Daniela Bigler. «Sie leiden an der Krankheit des Vergessens, haben im Kunsthaus aber gemerkt, dass sie noch viele Gedanken und Erinnerungen formulieren können. Das stärkt so auch das Selbstvertrauen der Betroffenen.»

Vom Konzept überzeugt, ist die Geschäftsleiterin von Alzheimer Zug derzeit daran, mit den anderen Alzheimervereinigungen der Innerschweiz Kontakt aufzunehmen. Ziel sei es, dass Demenz-Betroffene aus der ganzen Zentralschweiz am Projekt «Aufgeweckte Kunstgeschichte» in Zug teilnehmen können.

Termine im 2020: 17./24. März, 30. Juni, 7. Juli, 20./27. Oktober, jeweils 10.30 Uhr, Kunsthaus Zug. Anmeldungen an Alzheimer Zug via 041 760 05 60 oder an info.zug@alz.ch, www.alz.ch/zg.