Leserbrief

Eine beeindruckende Ode an das Vaterland

Zur Biografie über Alfred Escher von Joseph Jung

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Obschon wohl nicht alle, sich dem Bürgertum zugehörig fühlenden europhilen Wirtschaftsliberalen die grossartige Escher-Biografie des Historikers Joseph Jung gelesen haben, ist die innige Vaterlandsliebe dieses erfolgreichen freisinnigen Wirtschaftspioniers, Politikers und meines Erachtens bedeutendsten Schweizer Staatsmannes des 19. Jahrhunderts einer näheren Betrachtung würdig:

Zum Vergleich mit dem Anschlussdrang an ein labiles Gross-Europa vieler heutiger Wirtschaftsfreisinniger hier zwei entscheidende Zitate aus der Escher-Biografie von Joseph Jung: Alfred Escher mutierte in der Frage der Aussenpolitik vom einst feurigen Radikalen zu einem Exponenten des wirtschaftsliberalen Flügels. Die aussenpolitische Konzeption Eschers lässt sich anhand verschiedener grosser Reden eindeutig einordnen. Hören wir ihm einfach zu! So pries er in seiner Rede vom 28. März 1848 vor dem Grossen Rat des Kantons Zürich die Demokratie und die wiedergewonnene Einheit der Schweiz. «Die Luft in Europa war schwül geworden durch die Unzufriedenheit mancher Völker, welche für unmündig erklärt, um die versprochene Verfassung betrogen und willkürlichen Herrschern ausgeliefert waren.» Was würde wohl Alfred Escher sagen zum skandalösen Verfassungsverrat unseres heutigen Parlaments an Volk und Ständen bei der Masseneinwanderungs-Initiative im Dezember 2016?

In seiner Ansprache zur Eröffnung des Nationalrates vom 5. April 1850 gab Escher in einer bemerkenswerten Passage der Völkersolidarität eine klare Absage (das heisst keine Einmischung in europäische Händel). Hier seine Rede wortgetreu in der etwas altertümlichen Sprache seiner Zeit: «Die Schweiz als gekräftigter demokratischer Freistaat ist der Dorn in dem Auge der europäischen Reaktion (für Claude Juncker wäre es ein ‹geostrategisches Unding›, Anm. d. Leserbriefschreibers). Der Vorwurf, welcher sie der Schweiz macht, ist also eigentlich der, dass die Schweiz eben ist, was sie zum Theile schon von Alters her war und nun nach ihrer neu errungenen Verfassung in noch erhöhtem Masse sein soll (...) Die Schweiz ist dazu berufen, durch die Macht des Beispieles der heiligen Sache der Völkerfreiheit Vorschub zu leisten. Ja, meine Herren, unser Alpenland soll der Hochaltar der Freiheit in Europa sein. Diesen Hochaltar rein und unbefleckt zu erhalten, ihn zu erhalten in seiner vollen Würde und in seiner ganzen Erhabenheit, das ist die schöne Aufgabe, welche die Vorsehung unserm Volke in der Reihe der Kämpfer für die Demokratie zu lösen übertragen hat. Erfüllt das Schweizervolk diese Aufgabe gewissenhaft, so wird zu seinem eigenen Frommen und auch zum Frommen aller derer gereichen, die ausser unserm Vaterlande für die Völkerfreiheit erglühen. Es wird zum Frommen dieser letztern dienen, denn, wenn an dem Beispiele der Schweiz die Kraft und das Glück eines freien Volkes sich vor den Augen Europas fortwährend lebendig beurkunden, so wird sich auch um diesen hellleuchtenden Freiheitsaltar herum um so eher auch ein europäischer Freiheitstempel erheben...» Das Zitat stammt aus «Aufstieg, Macht, Tragik», Escher-Biografie von Joseph Jung.

Dieser beeindruckenden Ode an das Vaterland und an die direkte Demokratie ist nichts mehr anzufügen. Meine Bitte sei einzig, den drohenden endgültigen Verlust unserer über Jahrhunderte verteidigten, weltweit einzigartigen direkten Demokratie und Selbstbehauptung einmal der Gesinnung des meines Erachtens grössten und uneigennützigsten freisinnigen Schweizer Staatsmannes und Wirtschaftsgründers des 19. Jahrhunderts gegenüberzustellen.

Robert Nieth, Walchwil