«Eine Bereicherung für die Fasnacht»

In Oberägeri pflegen verschiedene Gruppen altes Brauchtum. Die Tiroler stechen dabei besonders hervor – sogar im Ausland.

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Früh übt sich: Bei den Tirolern machen auch ganz Kleine mit. (Bild: Stefan Kaiser / Neue LZ)

Früh übt sich: Bei den Tirolern machen auch ganz Kleine mit. (Bild: Stefan Kaiser / Neue LZ)

«Ich freue mich riesig auf die Fasnacht.» Jodok Iten aus Alosen ist zwar noch nicht einmal fünf Jahre alt. Aber er ist mit grossem Eifer bei der Sache, wenn es um die Legorenfasnacht geht. Jodok macht zusammen mit seinem Vater Dani bei den Tirolern, einer der schillerndsten Gruppen der Oberägerer Fasnacht, mit.

Doch von nichts kommt nichts, und Übung macht den Meister. In einem Raum der Iten Holzbau AG, der Zimmerei von Spielleiter Urs Iten, üben die Kleinsten der Tiroler ihre drei Tänze (Schottisch, Ländler und Polka). Res Nussbaumer, seit diesem Jahr Chef der Tiroler, erklärt den Jung-Tirolern die Schritte: 1 2 3 für den Schottisch, 1 2, 1 2 für die Polka und 1 2, 1 2, 1 2 3 für den Ländler. Die Kleinen geben sich grosse Mühe, und der Klang macht deutlich, dass es schon recht gut klappt. Zur Sicherheit gibt Res Nussbaumer ihnen den nützlichen Tipp, sich jeweils an den Grossen in der Gruppe zu orientieren.

Ein Besen aus Schilf

Die Grossen tragen, auch bei der Probe, ein Schellengeröll mit 48 Schellen, die Kleinen einen kleinen Gurt mit nur wenigen Schellen. Alle halten einen Tiroler-Besen aus Schilf. An diese Besen wird während Umzügen das köstliche und entsprechend begehrte Legorenbrot gesteckt. Das eigentliche Kostüm kommt erst beim «Ernstfall» zum Einsatz: Die Tiroler tragen eine bordeauxrote, dunkelgrüne oder dunkelblaue Tirolerhose aus Samt, einen gleichfarbigen samtenen Hut, den eine Pfauenfeder schmückt, sowie eine Wachslarve.
Tiroler «schüttlen».

Im Zusammenhang mit den Bewegungen der Tiroler wird nicht von «Tanzen», sondern von «Schüttlen» gesprochen. Über die Herkunft der Figur kursieren mancherlei Legenden: Urs Kühne, selbst seit langen Jahren Tiroler, erzählt sie: «Es wird berichtet, der Tiroler stamme aus einer Zeit im 19. Jahrhundert, als junge Männer aus dem Tirol in unserer Gegend quasi im Saisonnier-Status als Holzer beschäftigt waren.» Gegen Ende der Saison sollen sie sich aus Freude auf die baldige Heimkehr ins Tirol die Rollengurte angezogen haben, die jeweils die Pferde für den Abtransport der Baumstämme übergelegt hatten. Mit diesen Rollengurten sollen dann die jungen Holzer getanzt haben und so als Figuren in die Fasnacht eingegangen sein. «Ich vermute, dass der Tiroler eine Abwandlung des Nüsslers ist, wie er etwa an der Fasnacht in Schwyz oder Steinen vorkommt. Diese Figuren sollen ja aus der Commedia dell’Arte in die Innerschweiz gekommen und in die Fasnacht eingegangen sein», erklärt Urs Kühne.

Spezielle Trainingslager

Weil der Rollengurt ziemlich schwer ist, wird dem Tiroler über die Fasnachtstage sportlich einiges abverlangt. Urs Iten hat einst als Tirolerchef ein Trainingslager für alle aktiven Tiroler eingeführt. Dieses Trainingslager findet auch heute noch im Vorfeld der Fasnacht statt. Alle aktiven Tiroler verbringen gemeinsam eine Trainingswoche, in der vor allem Ausdauer und Sprungkraft trainiert werden.

Auch Michi Rogenmoser, als Michi I. Legorenvater und Oberhaupt der Oberägerer Fasnacht, hat seine Fasnachtskarriere bei den Tirolern begonnen: «Ich war viele Jahre aktiv Tiroler, bevor ich in die Guggenmusig ging.» Auch heute noch betätigt er sich gerne als Tiroler, wenn es sein Fasnachtsprogramm erlaubt. Für ihn sind die Tiroler für die Legorenfasnacht «eine grosse Bereicherung». Er weiss, dass viele Leute jedes Jahr nur der Tiroler wegen nach Oberägeri an die Fasnacht kommen. «Zusammen mit den Tambouren geben sie unserer Fasnacht einen speziellen Klang, den man sonst nirgendwo hören kann», weist der Legorenvater auf die akustische Seite hin.

Bekannt bis nach Florida

Die Ausstrahlung der Tiroler reicht weit über die Gemeindegrenzen hinaus. «1995 reisten 15 Tiroler nach Florida, wo wir an einen Geburtstag eingeladen waren», erzählt Michi Rogenmoser. Das kam so: «Ein ausgewanderter Schweizer hat uns beim Schüttlen im Restaurant Ochsen gesehen und hatte darob solche Freude, dass er uns gleich in die USA einlud.» Wenn das keine Perspektiven sind. Das muss für die kleinen Tiroler motivierend wirken. Deshalb nochmals: 1 2 3 für den Schottisch, 1 2, 1 2 für die Polka und 1 2, 1 2, 1 2 3 für den Ländler.

Thomas Wyss