Eine einzigartige Stadtführung durch Zug

Was verbindet Steinbeile, eine Ziegelhütte, Kunst im öffentlichen Raum und eine bekannte Zuger Sage mit der Vorstadtkatastrophe von 1887? Dieser Frage ging man gestern auf den Grund.

Haymo Empl
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Der etwas sperrige Titel «Die Vorstadtkatastrophe von 1887 im Fokus der Zuger Museen» und das unsichere Wetter hielten die rund 50 Teilnehmer nicht davon ab, sich am gestrigen Sonntag am See – passenderweise bei Roman Signers «Seesicht» – für eine entsprechende Führung zu versammeln. 50 Personen für eine Führung, eine erstaunlich hohe Zahl, es hatte sich aber auf jeden Fall gelohnt. Denn geboten wurde nicht einfach eine simple Stadtführung, sondern erlebte Geschichte, dramaturgisch perfekt dargeboten, fast schon so, als ob man eine dieser TV-Serien schauen würde und man Angst vor einem Spoiler hätte. Denn genau so bauten die Fachfrauen Friederike Balke vom Kunsthaus Zug, Regula Hauser vom Museum Burg Zug, Dorothea Hintermann vom Museum für Urgeschichte(n) und Judith Matter vom Ziegelei-Museum den Rundgang auf. Man riss bewusst viele Problemfelder an, die Beantwortung der einzelnen Themenkreise erfolgte dann erst später – objektspezifisch und fachlich fundiert.

Im Sommer 1887 befand sich die Quai-Anlage zwischen Regierungsgebäude und Schützenhaus im Bau. Anfang Juli zeigten sich damals plötzlich Risse an den Bauten. Es kam zu Erschütterungen und unerklärlichem Wellengang und am Nachmittag des 5. Julis stürzte schliesslich die Quai-Mauer ein. Am Abend dann versanken 26 Häuser und 9 Nebengebäude der Vorstadt im See. 11 Menschen kamen ums Leben, 650 wurden obdachlos.

Der Abbruch war 120 Meter lang und 80 Meter breit. Nach dem Schock folgten Erklärungsversuche und Schuldzuweisungen. Dieses Drama nahm natürlich schon vorher seinen Lauf – und es gab dabei viele direkt und indirekt beteiligte Akteure. Selbstverständlich waren damals auch nicht alle ganz so unwissend, wie es zuerst schien. Die klassischen Zutaten für ein Drama also, wunderschön inszeniert im Rahmen der Führung mit entsprechenden Bildtafeln, Gedenksteinen, den dazugehörigen Stationen und weiterführenden Erläuterungen.

Lebendige Traditionen

Die Führung veranschaulichte plastisch, was passieren kann, wenn menschliche Fehleinschätzung, Zeitgeist und Natur in Kombination mit Ignoranz aufeinanderprallen. Die Folgen waren bekanntlicherweise desaströs, aber nicht nur: Denn auch das zeigte die Führung – so schlimm die Katastrophe war, sie bot auch neue Chancen.

Auf die Frage, wie man denn auf dieses nicht ganz einfache Thema gekommen sei, antwortet Regula Hauser stellvertretend für alle Beteiligten: «Der diesjährige Internationale Museumstag steht unter dem Motto «Museen – Zukunft lebendiger Traditionen». Als wir uns dem Thema angenähert haben, kamen wir rasch darauf, dass die Vorstadtkatastrophe ein gemeinsamer Nenner für lebendige Traditionen ist, mit denen unsere Museen zu tun haben.»

Die Seejungfrau und der Fischer

Diese lebendigen Traditionen zeigten sich beim Rundgang auch sehr schön an einer erzählten Sage vor Ort. Die Erzählung handelte von einer Seejungfrau und einem Zuger Fischerjungen, gekonnt und mit einem grossen Augenzwinkern vorgetragen; passenderweise vor dem Schild beim Fischerei-Museum «Zum Gedenken an den Untergang der niederen Gasse der Altstadt am 4. März 1435, der 60 Menschen das Leben kostete und 26 Häuser in die Fluten riss».

Ja, es gab schon mehrere Katastrophen am Seeufer und nein, man lernte nur sehr bedingt daraus. Immerhin wird heute anders gebaut: «Das sieht man beispielsweise bei der Neuüberbauung Citypark (Alpenstrasse/Bundesplatz/Rigistrasse), wo sich heute das Geschäft des Bücher Balmers befindet. Bei den Bauarbeiten wurde dem instabilen Untergrund, der hauptsächlich aus Seekreide besteht, Rechnung getragen», erklärte Regula Hauser am Sonntag. Die Führung in ihrer interdisziplinären Gesamtheit war spannend und sorgte für Begeisterung bei den Besuchern.