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Strafanstalt Bostadel in Menzingen: Eine Fabrik hinter Gitterstäben

Die Interkantonale Strafanstalt Bostadel in Menzingen ist weit mehr als ein Gefängnis für 120 Schwerverbrecher: Hinter den Betonmauern nahe der Kantonsgrenze Zug-Zürich verbirgt sich ein produktiver Wirtschaftskreislauf.

Laura Sibold
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Die interkantonale Strafanstalt Bostadel produziert in ihren Werkstätten verschiedene Produkte für die Privatwirtschaft. Produktionsleiter André Strickler öffnet die Tore für einen Rundgang. (Bild: Stefan Kaiser, Menzingen, 18. November 2019)
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Die Kartonage ist einer von sechs Produktionsbetrieben in der Strafanstalt Bostadel. Fritz Hösli, Leiter Kartonage (links), und Produktionsleiter André Strickler prüfen ein Produkt. (Bild: Stefan Kaiser, Menzingen, 18. November 2019)
In der Holzwerkstatt der Strafanstalt werden unter anderem Möbel und Fensterläden restauriert. (Bild: Stefan Kaiser, Menzingen, 18. November 2019)
In der Holzwerkstatt der Strafanstalt werden unter anderem Möbel und Fensterläden restauriert. (Bild: Stefan Kaiser, Menzingen, 18. November 2019)
In der Korbflechterei wurden 2018 über 2,5 Millionen Schilfröhrchen geschnitten, sortiert und palletisiert. (Bild: Stefan Kaiser, Menzingen, 18. November 2019)
Aus den Schilfröhrchen entstehen verschiedenste Körbe; Massanfertigungen für Badezimmerschränkchen und Behälter für Weinflaschen sind gefragt. (Bild: Stefan Kaiser, Menzingen, 18. November 2019)
In der Kartonage wurden 2018 über 1400 Aufträge erledigt. Angefertigt werden Kartonverpackungen aller Art. (Bild: Stefan Kaiser, Menzingen, 18. November 2019)
Gearbeitet wird oft Hand in Hand, die 120 Insassen der Strafanstalt Bostadel sind sieben Stunden täglich in der Produktion beschäftigt. (Bild: Stefan Kaiser, Menzingen, 18. November 2019)

Die interkantonale Strafanstalt Bostadel produziert in ihren Werkstätten verschiedene Produkte für die Privatwirtschaft. Produktionsleiter André Strickler öffnet die Tore für einen Rundgang. (Bild: Stefan Kaiser, Menzingen, 18. November 2019)

Graue, mit Draht versehene Gefängnismauern und schusssichere Verglasungen: Dass dahinter eine erstaunliche Wirtschaftskraft steckt, wird bereits vor dem Betreten des Hauptgebäudes in Menzingen augenscheinlich: Der Lieferwagen eines Elektrikers hält vor dem Anliefereingang, während eine Frau vier antike Stühle zur Renovation vorbeibringt. Die 120 Insassen der Strafanstalt Bostadel kriegen davon nichts mit. Sie alle sind bei der Arbeit in einem der sechs Produktions- und drei Dienstleistungsbetriebe, die hier Güter herstellen und Aufträge für Firmen und Privatpersonen erfüllen.

15 Häftlinge sind in der Kartonage damit beschäftigt, Kartonverpackungen wie Falt-, Archivboxen oder Spezialverpackungen anzufertigen. Jeder Arbeitsschritt wird sorgfältig ausgeführt, jeder Handgriff sitzt. Dass die Gefangenen in der geschlossenen Strafanstalt Bostadel, die ab 2020 «Justizvollzugsanstalt Bostadel» heisst, zum grössten Teil wegen Delikten gegen Leib und Leben einsitzen, sieht man ihnen nicht an.

Namens- und Adressänderung

(ls) Die Interkantonale Strafanstalt Bostadel ist eine selbstständige öffentlich-rechtliche Anstalt für 120 Insassen (108 im Normalvollzug, 12 verstärkt Fluchtgefährdete in der Sicherheitsabteilung). Sie wird von den Kantonen Basel-Stadt und Zug gemeinsam betrieben. Per 1. Januar 2020 wird der Name auf Justizvollzugsanstalt Bostadel geändert. Anlass ist eine Adressänderung durch die Gemeinde Menzingen, weshalb man auch den Namen aktualisiert habe, so Gefängnisdirektor Andreas Gigon.

Ihr Alltag ist geregelt und besteht aus sieben Arbeitsstunden. Denn nach Artikel 81 des Schweizerischen Strafgesetzbuches ist jeder Gefangene zur Arbeit verpflichtet. «Die sinnvolle Beschäftigung unserer Insassen ist das Hauptkriterium», erklärt Gefängnisdirektor Andreas Gigon.

«Im Zentrum steht nicht die Rendite unserer Betriebe, sondern der Sicherheits- und Resozialisierungsauftrag.»

Die Gefangenen erbringen daher grossmehrheitlich handwerkliche Arbeiten, auf Automation wird nur bedingt gesetzt. Die Zahlen der Strafanstalt zeigen, dass das Konzept funktioniert: Die Rechnung 2018 schloss mit einem positiven Ergebnis von 45434 Franken.

3,6 Millionen Franken aus Verkäufen erwirtschaftet

Die wichtigsten Einnahmen machen die Kostgelder aus, also jene Beträge, welche die Kantone für die Unterbringung zahlen. Zu den Kostgeldern in der Höhe von 13,1 Millionen Franken kommen 3,6 Millionen aus Verkäufen. Diese werden in den sechs Produktionsbetrieben Metallbearbeitung, Kartonage, Malerei/Ablaugerei, Schreinerei/Stuhlflechterei, Korbflechterei und Montage erwirtschaftet. «Jeder Betrieb ist ein eigenständiges Unternehmen mit Budgetziel und fixen Arbeitsplätzen», erklärt Produktionsleiter André Strickler und führt durch die Gewerbehallen. In der Schreinerei schleift ein Insasse gerade ein Holzmöbel ab, eine Tür weiter flechten zwei Häftlinge in aufwendiger Handarbeit die Sitzpartie eines Stuhls. Auch Massivholztische, Insektenhotels, Geburtstafeln und Stände für Weihnachtsmärkte werden hier angefertigt.

Den grössten Umsatz erzielten die Malerei und die Metallbearbeitung. Die Auftragslage habe sich insbesondere im Industriebereich von einzelnen Grossaufträgen zu vielen Kleinaufträgen verändert, verrät Strickler. «Zudem stellen wir fest, dass Renovationen mehr gefragt sind, etwa von Fensterläden, Kirchenbänken oder Zeitungsboxen.» Aufwendige Handarbeiten an Altbau-Fensterläden oder Flechtkörben sind für viele Betriebe zu teuer, im «Bostadel» können die Leistungen dank des Beschäftigungsauftrages aber erbracht werden. «Die Gefangenen sehen so, dass ihre Arbeit sinnvoll ist. Das ist ein erster Schritt zur Wiedereingliederung in die Gesellschaft», erklärt der Produktionsleiter. Die Sicherstellung einer sinnvollen Beschäftigung hat jedoch ihren Preis: 107 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in 84 Vollzeitstellen betreuen die Häftlinge. Jeder Arbeitsschritt muss leicht verständlich sein – denn viele Gefangene sprechen schlecht Deutsch oder haben einen höheren Betreuungsbedarf aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters.

Die Arbeit ist darüber hinaus nicht nur sinnstiftend, sondern wird auch entlöhnt: Pro Tag erhalten die Insassen durchschnittlich rund 26 Franken Lohn, wovon ein Viertel auf ein Sperrkonto für die Zeit nach dem Vollzug geht. Einmal monatlich werde zudem die Arbeitsleistung angeschaut, was zu Anpassungen beim Lohn führen könne und so als zusätzlicher Ansporn diene, sagt Strickler. 2018 wurden in allen Produktionsbetrieben über 19000 Nettoarbeitstage geleistet und rund 2850 Aufträge in Rechnung gestellt (siehe auch Grafik). Neben lokalen Firmen und Privatpersonen zählen auch Gemeinden, Schulen, Kirchen und geschützte Werkstätten zu den Auftraggebern der Strafanstalt Bostadel. Darüber hinaus erledigt die Wäscherei Aufträge für Schulhäuser, Restaurants und Privatkunden, und der Reinigungsdienst sowie die Küche erbringen interne Leistungen. Die Strafanstalt Bostadel wiederum bezieht Lebensmittel und Dienstleistungen wann immer möglich von regionalen Lieferanten. So liefert eine Neuheimer Bäckerei das Brot, und auch Gemüse, Eier und Fisch stammen von lokalen Betrieben. Freizeitkurse wie Englisch, Acrylmalen, Yoga oder Seelsorge-Sprechstunden werden teils ebenfalls von regionalen Anbietern durchgeführt.

Sanierung und Erweiterung befinden sich in Planung

Seit der Inbetriebnahme eines neuen Gebäudes für die Malerei/Ablaugerei im Jahr 2014 sind alle «Bostadel»-Produktionsbetriebe im Innern des Gebäudekomplexes untergebracht. Die 120 Gefangenen arbeiten seither auf engstem Raum, der Platzbedarf der in die Jahre gekommenen Strafanstalt ist ausgewiesen. Angedacht ist eine Gesamtsanierung und Erweiterung auf 140 Plätze, mitsamt dem Neubau einer Spezialabteilung für verwahrte und ältere Inhaftierte. «Die Aufsichtskommission unter Leitung des Zuger Sicherheitsdirektors Beat Villiger unterstützt das Vorhaben und wird damit 2020 an die Regierungen der Trägerkantone Zug und Basel-Stadt gelangen», sagt Gefängnisdirektor Andreas Gigon.

Die 120 Häftlinge haben sich hinter den dicken Betonmauern derweil für eine 15-minütige Pause zurückgezogen. Ihre Arbeit ist regelmässig an Märkten in der Region zu sehen. Auch im Verkaufsladen der Strafanstalt können geflochtene Körbe, renovierte Möbel und praktische Kartonverpackungen montags bis freitags von 8 bis 11 und von 14 bis 16 Uhr erworben werden.