Eine Fliege bedroht die Zuger Chriesi

Das feuchtwarme Wetter begünstigt die Ausbreitung der Kirschessigfliege. Für Zuger Obstbauern bedeutet das einen Wettlauf mit der Zeit.

Cornelia Bisch
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Landwirt Josef Murer pflegt und bewirtschaftet seine Chriesibäume weiterhin, auch wenn ihm Wetter und Schädlinge die Ernte manchmal gründlich verderben.

Landwirt Josef Murer pflegt und bewirtschaftet seine Chriesibäume weiterhin, auch wenn ihm Wetter und Schädlinge die Ernte manchmal gründlich verderben.

Bild: Maria Schmid (Allenwinden, 2. Juli 2020)

Die Insekten seien ungeheuer effizient, stellt Obstbauer Josef Murer aus Allenwinden fest. «Innerhalb von nur einer Nacht können sie die Früchte eines ganzen Kirschbaums zerstören.» Obwohl sich gerade ein Gewitter zusammenbraut, wuchtet der kräftige Obstbauer eine 12 Meter lange Leiter an einen seiner Hochstamm-Kirschbäume. «Jetzt gilt es, zu ernten, was noch möglich ist.» Er rechnet mit 50 Prozent Verlust. «Das feuchtwarme Wetter und der Schädling arbeiten zusammen gegen uns Bauern», betont er. Denn was die Fliege an reifen Früchten übriglasse, bringe der Regen zum platzen.

Dabei hat noch vor kurzer Zeit alles so gut ausgesehen. Die Chriesiglocken Baar und Zug läuteten bereits am 22. Juni die Saison ein. Gleichentags startete der traditionelle Zuger Chriesimärt auf dem Landgemeindeplatz. Er sollte während zwei bis drei Wochen an den Werktagen stattfinden. «Die Bauern gehen von einer guten Kirschenernte aus», hiess es in einer Medienmitteilung der IG Zuger Chriesi. Vor allem die alten einheimischen Hochstammsorten würden prächtig gedeihen. «Von manchen Bauern weiss ich, dass sie mit Pflücken kaum nachkommen», sagte IG-Präsident Peter Hegglin letzte Woche erfreut. Dann kam der Wetterumschwung, und der Marktbetrieb wurde nach nur elf Tagen wieder eingestellt.

Abhängig von der Wetterlage

«Bei der Chriesiernte kann sich die Situation von Tag zu Tag dramatisch ändern», stellt Josef Murer klar. «Sie ist zu 100 Prozent vom Wetter abhängig.» Der 65-jährige Landwirt, der die Leitung seines gemischtwirtschaftlichen Betriebs mit Viehzucht, Ackerbau, Milch- und Obstwirtschaft Anfang Jahr an die sechste Generation übergeben hat, weiss, wovon er spricht. «Ein einziger Hagelsturm kann den Grossteil einer Ernte zerstören.» Daneben die bereits erwähnten Probleme mit der feuchtwarmen Witterung und dem ursprünglich aus Asien stammenden Schädling. «Er wurde vor zirka fünf Jahren hierher eingeschleppt. Davor kannten wir ihn nicht.»

Die Kirschessigfliege rücke ausschliesslich den erntereifen Früchten zu Leibe. «Gerade deshalb gibt es nichts, was wir dagegen tun können.» Denn eine chemische Behandlung der genussreifen Früchte käme nicht in Frage, um die Konsumenten nicht zu gefährden. Murer hofft auf die Entdeckung eines Nützlings, welcher dem schädlichen Insekt den Garaus machen würde. «Aber das kann noch lange dauern.»

Kirschbäume sind Familientradition

Obwohl grundsätzlich ein optimistischer Mensch, sei er manchmal schon frustriert, wenn ihm so kurz vor dem Ziel ein Strich durch die Rechnung gemacht werde, gesteht Murer. «Andererseits gehört das natürlich zum täglichen Brot eines Schweizer Bauern.» Deshalb stützt sich sein Betrieb auf mehrere Standbeine. Der Kirschenverkauf macht noch zirka zehn Prozent der Einnahmen aus.

«Früher hatten wir 130 Kirschbäume, heute sind es noch rund 60.» Diese am Leben zu erhalten und zu bewirtschaften, sei eher dem Idealismus und der Tradition als der Wirtschaftlichkeit geschuldet. Denn auch der Aufwand mit dem Winterschnitt sei beträchtlich. «Durch diese Massnahme wird vorgesorgt, damit im folgenden Frühjahr der Pflanzenschutzmitteleinsatz verringert werden kann», führt der Landwirt aus. In einem guten Jahr erwirtschafte er eine Tonne Tafelkirschen und sieben bis acht Tonnen Brennkirschen. «Davon stellen wir selbst durchschnittlich 200 Liter Kirsch her.» Ein Teil der Brennkirschen werde verkauft. «Viele Bauern geben ihre Chriesibäume auf, weil Aufwand und Risiko zu gross sind.» Versichern lasse sich der Ernteausfall kaum. Riskant sei überdies die Erntearbeit, die bei den Hochstämmern in zehn bis zwölf Metern Höhe stattfindet. «Die Unfallgefahr ist ziemlich hoch.»

Davon lässt sich Familie Murer jedoch nicht einschüchtern. «Beim Pflücken helfen alle mit, unsere Kinder, meine Geschwister, deren Kinder. Alle kommen auf den Hof zurück», erzählt er. Just aufs Stichwort stapft die 70-jährige Schwester Annemarie um die Ecke, schnallt sich eine Chriesichratte um die schmalen Hüften und klettert behände die Leiter hoch. «Das ist mein Hobby», ruft sie lachend über die Schulter zurück und macht sich ans Werk.

Inzwischen giesst es wie aus Kübeln. Den beiden macht das wenig aus. Die Arbeit wird nicht unterbrochen. «In der Erntezeit sind wir 14 Stunden täglich auf den Beinen», erzählt Murer. Im Kampf gegen die Kirschessigfliege verdopple sich der Arbeitsaufwand. Denn die befallenen Früchte müssten aussortiert werden. In einem solchen Fall hebt der Landwirt die Preise im eigenen Hofladen moderat an. «Von der treuen Kundschaft kommt uns sehr viel Goodwill entgegen. Niemand beschwert sich über die Preise. Der Verkauf läuft gut.»

Murer stellt überdies fest, dass mit der Coronakrise den Produzenten regionaler Produkte generell wieder mehr Wertschätzung entgegengebracht werde. «Unsere Landschaft wird von den Bauern mit viel Idealismus gepflegt.» Weil sie nicht mehr hätten verreisen können, hätten die Leute dies stärker wahrgenommen. «Ein Bauernhof ist eben nicht nur ein Betrieb. Er ist Heimat.»

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