Absturz in den Zugersee vor 75 Jahren: Eine Gedenktafel für Mut und Selbstlosigkeit

Zum 75. Jubiläum der Notwasserung eines US-Bombers hielt Stadtpräsident Karl Kobelt vor zahlreichen Gästen eine Rede – just an dem Ort, an dem der Pilot 1944 an Land kletterte. Am Vorabend hielt Oskar Rickenbacher den lange erwarteten Vortrag.

Christian Tschümperlin
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Oskar Rickenbacher (links) und Mitglieder der Interessengemeinschaft HQ Command beim Wöschhüsli. (Bild: Patrick Hürlimann (Zug, 16. März 2019))

Oskar Rickenbacher (links) und Mitglieder der Interessengemeinschaft HQ Command beim Wöschhüsli. (Bild: Patrick Hürlimann (Zug, 16. März 2019))

Dass jenseits der Landesgrenzen der Zweite Weltkrieg tobte, das wussten die Zuger anno 1944 nur zu gut: Die Nachrichten brachten immer neue Schreckensmeldungen von Tod und Verderben, es wurden Lebensmittelmarken ausgegeben, Grünflächen und Fussballfelder wurden im Rahmen der sogenannten Anbauschlacht zu Kartoffelfeldern, in der Nacht mussten Städte und Dörfer verdunkelt, Vorhänge gezogen und an den Velos und Autos blaue Lampen angebracht werden. Als es um die Mittagszeit des 16. März 1944 über Zugs Himmel aufblitzte, angekündigt von einem lauten Dröhnen, da kamen die Zuger mit einem Schreckensmoment davon. Es handelte sich zum Glück um keine Invasion, sondern um einen notlandenden alliierten Bomber (Ausgabe vom 11. März).

Am Freitagabend enthüllte Oskar Rickenbacher im rappelvollen Archesaal im reformierten Kirchzentrum Zug weitere Details zur Notlandung des US Army Force B-17G-Bombers. Mit von der Partie war auch Sher Larsen-Green, die Tochter von Crew-Mitglied Sergeant Carl J. Larsen.

Zum Frühstück gabs Eier

Der Bomber startete von Great Ashfield (England). Ashfield war einer von 126 Flugplätzen, die die Briten zwischen 1942 und 1943 für die US Army Airforce bauten. Die Engländer starteten jeweils bei Nacht, die Amerikaner am Tag. Tagwache für die 550. Schwadron, zu der der Bomber gehörte, war um 3.30 Uhr morgens. Zum Frühstück gab es zwei Eier, Brot, Porridge, Fruchtsaft und Kaffee, wie Rickenbacher zu berichten wusste. Um 6.30 Uhr starteten die rund 220 Bomber der dritten US-Division. Ziel des dann in Zug notgewasserten Bombers waren die Messerschmitt Flugzeugwerke und das Flugfeld in Augsburg. Die Vorgabe beim Briefing war 9 Stunden Flugzeit, davon 5 Stunden über Feindesgebiet und bei Temperaturen bis minus 30 Grad in bis zu 7000 Metern Höhe. Vor Zielerreichung wurde der Bomberverband von acht bis zehn deutschen Jagdfliegern angegriffen. Zurückgeschossen haben die Amerikaner aus offenen Luken, weshalb die Crew elektrisch geheizte Unterwäsche trug. Der Angriff führte zu grossen Schäden am Flugzeug. Nach 30 Minuten musste der Bomber wegen dieser Schäden die Formation verlassen, drehte mit Ziel Spanien in Richtung Schweiz, musste aber schliesslich im Zugersee notwassern.

Eine Plakette beim Wöschhüsli

16. März 2019, also 75 Jahre später: Stadtpräsident Karl Kobelt weiht vor zahlreichen Gästen und Journalisten an eben jener Stelle, an welcher Pilot Robert W. Meyer an Land kam (die übrigen Crew-Mitglieder waren über Baar abgesprungen) die brandneue Gedenktafel zur Notwasserung des US-Bombers ein. Sie kann beim Wöschhüsli in der Zuger Unter-Altstadt besichtigt werden. «Das Handeln der Menschen von damals und insbesondere des Piloten zeugt von Mut, Selbstlosigkeit und Verantwortungssinn, das kann uns heute noch zum Vorbild dienen», so der Stadtpräsident.

Initiant Oskar Rickenbacher zeigte sich überwältigt ob des Aufmarschs und rekapitulierte nochmals die Notwasserung. Christian Raschle, ehemaliger Stadtarchivar, wartete mit zahlreichen Anekdoten auf. «Als Pilot Bob Meyer an Land ging, stellte sich nach einer kurzen Begrüssung die Frage, wie sich die Einheimischen mit dem Unbekannten verständigten, der durch seine Erscheinung in Uniform, Fliegerausrüstung und Zigarre und Kaugummi das hierzulande bekannte Bild des toughen Yankees illustrierte.» In aller Eile wurden Personen mobilisiert, die des Englischen mächtig waren. Die Serviertochter Rösli Bischof übernahm anfänglich die Übersetzung.

Laut Sher Larsen Green hat ihr Vater Sergeant Carl J. Larsen nicht oft über den Krieg berichtet. «Auch wenn es ihnen in der Schweiz gut ging, waren sie doch Gefangene. Das waren 20-jährige Buben, die am liebsten nach Hause wollten», sagte sie im Rahmen der Einweihung. Über die Schweiz habe er aber nie ein negatives Wort verloren. Larsen büxte zweimal aus, das erste Mal wurde er in Genf gefasst. Das zweite Mal war er erfolgreich und kehrte nach Great Ashfield, der Basis seines Bomberverbandes und dann in die USA zurück.