Eine Gemeinde in Biografien: Die Vitae grosser Baarer Persönlichkeiten sind zu sehen

Die Ausstellung «Baar und ich» zeigt prägende Persönlichkeiten aus der Geschichte des Orts. Das Geschlechterverhältnis irritiert manche.

Tobias Söldi
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Sie haben die Ausstellung auf die Beine gestellt (von links): Fabienne Mathis (Kulturbeauftragte), Adrian Scherrer (Kurator), Beni Sutter (Grafik und Raumkonzept), Philippe Bart (Gemeindearchivar).

Sie haben die Ausstellung auf die Beine gestellt (von links): Fabienne Mathis (Kulturbeauftragte), Adrian Scherrer (Kurator), Beni Sutter (Grafik und Raumkonzept), Philippe Bart (Gemeindearchivar).

Bild: Stefan Kaiser (Baar, 10. März 2020)

Elf Lebensgeschichten aus vier Jahrhunderten, die eine Gemeinsamkeit haben: Alle Persönlichkeiten, die in der Ausstellung «Baar und ich» im Schwesternhaus derzeit präsentiert werden, haben die Gemeinde geprägt oder wurden von ihr geprägt. «Sie haben sich in irgendeiner Form mit ihrer Umgebung auseinandergesetzt», erklärt Adrian Scherrer, der Kurator der Ausstellung die coronabedingt statt im März erst im September eröffnet werden konnte.

Diese Auseinandersetzung mit den Persönlichkeiten geschieht ganz unterschiedlich. Der Baarer Ratsherr und Gutsverwalter Jakob Andermatt (1602–1680) etwa hat seinen Alltag in einem Tagebuch, dem ältesten Ausstellungsstück, festgehalten – inklusive blutigem Zahnarztbesuch in Zug. Sozial engagiert war Barbara Henggeler-Schmid (1822–1897). Die Frau des Industriepioniers Wolfgang Henggeler, Gründer der Spinnereien in Neuägeri und Baar, setzte sich für die Bildung der Arbeiterkinder ein und finanzierte den Bau der reformierten Kirche in Baar mit – der ersten im katholischen Kanton Zug.

Diskussionen wegen der Einseitigkeit

Dass sie die einzige Frau in der Ausstellung ist, sorgt für Diskussionen. Die Frage nach dem Geschlechterverhältnis sei eine legitime und wichtige Frage, findet Kurator Scherrer. Aber: «Wir sind vom Werk und dessen Auseinandersetzung mit der Gemeinde ausgegangen. Das Geschlecht war kein Kriterium.» Fabienne Mathis, die Kulturbeauftragte der Gemeinde Baar, betont, man habe die zu diesem Thema Rückmeldungen aufgenommen. «Sie haben uns einen Denkanstoss gegeben.»

Einen Gegenpol zur liberalen Haltung des Industriellenpaares Henggeler bilden die beiden katholischen Konservativen Oswald Dossenbach (1824–1883) und Kaspar Moritz Widmer (1835–1906). Dossenbach war politisch aktiv, Pfarrer Widmer gründete unter anderem den Jünglingsverein Konkordia. Dieser hatte zum Ziel, die Jugendlichen «vor Kapitalismus und Sozialismus zu schützen» und zu «treuen Katholiken und redlichen Staatsbürgern» zu erziehen.

Je weiter die Zeit voranschreitet, desto öfter führen die Biografien in die Ferne. Der Inwiler Mechaniker Franz Hotz (1860–1925) zum Beispiel arbeitete zeitweise im damaligen Russland. Von Heimweh geplagt, kehrte er 1900 in die Schweiz zurück und verfasste idyllische Heimatgedichte – von den Krankheiten und Depressionen seiner letzten Lebensphase ist darin aber nichts zu finden.

Hotz’ Biografie ist nicht die einzige mit Brüchen. Der Architekt und Künstler Gebhard Utinger (1879–1960) war zwischen Deutschland und der Schweiz hin- und hergerissen. Aus der Ferne beschäftigte er sich mit seinen Wurzeln, zweimal kehrte er von äusseren Umständen gezwungen in die Schweiz zurück, beide Mal gelang es ihm nicht, Fuss zu fassen.

Auch die Biografie von Max Schumacher (1920–1951) ist nicht ohne Tragik. Trotz literarischen Talents blieb ihm der Durchbruch zeitlebens verwehrt, bereits mit 31 Jahren starb er an einer Blinddarmentzündung. Auch der Engadiner Michael Stecher (1902–1982) war begabt. Der Laufbahn als Maler stand aber seine Herkunft aus einfachen Verhältnissen im Weg. Stattdessen verteilte er ab 1930 in Baar die Post – und hielt nebenbei seine neue Heimat künstlerisch fest.

Drei Zeitgenossen kommen ebenfalls vor

Für die Gegenwart Baars stehen in der Ausstellung drei Künstler. Der Bekannteste kommt wie Stecher aus dem Bündnerland: Guido Baselgia (Jahrgang 1953), Fotograf, 1983 bis 2010 in Baar tätig. Inspiration fand er nicht nur auf Reisen, sondern auch in der Spinnerei in Baar. Den Spagat zwischen Nah und Fern macht auch Urs J. Knobel (1956). Als Illustrator und Karikaturist ist er international tätig, zum Ausgleich malt er abstrakte Aquarelle, etwa vom Zugersee. Und Markus Uhr (1974) löst in seiner Kunst alltägliche Objekte aus ihrer gewohnten Umgebung und lässt sie in neuen Zusammenhängen erscheinen.

Ein bisschen so also, wie die elf ausgestellten Biografien im Schwesternhaus einen neuen Zugang zur Geschichte der Gemeinde bieten.