Leserbrief
Eine Gesellschaft ohne Herz

«Anwohner beendete die Party am Waldstock Openair früher als sonst», Ausgabe vom 6. August

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Diese sinngemässe Wortwahl macht mich sehr traurig: Eine Person beendet das Waldstock vorzeitig.» Täglich wird in den Medien für Feste geworben, als hätten wir die letzten Monate auf alles dringend Notwendige verzichten müssen. Wie sollen die Jugendlichen sensibilisiert werden für die Tatsache, dass es Menschen in der direkten Nachbarschaft gibt, welchen es unerträglich schlecht geht, wenn allein schon die Zeitung einen Drittel vom Papier für narzisstische Belanglosigkeiten (Sport) verwendet mit überdimensionierten Fotos statt grösserem Text?

Information über Heldinnen wie die Arnold, welche sich einsetzt für Hasenschartenkinder in Asien, habe ich nur im Lokalfernsehen gefunden. Ich bekomme den Lebensmittelhusten, wenn ich lese, dass dem SRF Geld in der Kasse fehlt. Und niemand hat den Mut, sofort alle Sportmeldungen zu verbieten, welche (wohl hauptsächlich) diese Kosten verursachen.

Konkret wieder zum «Waldstock»: Warum muss sich immer Steinhausen opfern? Warum an erhöhter Stelle, wo sich der Schall weitherum verbreitet, warum nicht in der Chamer Kiesgrube, welche beim Ratewettbewerb abgebildet war? Warum braucht es überhaupt Verstärker und viel Strom, wenn dafür Ohrstöpsel eingesetzt werden müssen und bekanntlich schon viele Junge Ohrschäden haben? Warum ist dieses Fest nicht den Taubstummen vorenthalten? Warum hat diese geniale Jugend nicht die Idee Bombenlärm über Kopfhörer zu geniessen, man trifft ja niemanden mehr ohne Ohrhörer?

Wie sollen die Jungen Rücksicht lernen, wenn sie keine Sekunde an die leidenden Menschen gleich nebenan denken müssen und keine Sekunde erleben müssen, was in meiner Jugend Alltag war: Die Wahl, auf dem Hof zu helfen oder Prügel, ausgediente Kleider austragen, mageres Essen, kein Spielzeug, keine Hilfe bei Schulaufgaben. Dauernde Angst vor Strafen, Haarzwang, Kleidervorschriften. Ich hätte mich im Paradies gefühlt, hätte ich auf Hilfe oder einen Standard zählen können wie heutige Asylanten.

Wer hilft mir, dass das leidige Thema endlich an einer Gemeindeversammlung behandelt wird? Warum muss ich für Brot die Selbstkosten tragen, während für Feuerwerk kein Verursacherprinzip gilt (Kühe sterben grausam wegen Abfall in der Wiese)? Ist es keine Beleidigung, all das Feuerwerk von Chinesen erfunden, statt echt Schweizerische Höhenfeuer? Warum braucht es keine Passkontrolle beim Bomben-Verkauf oder Waffenschein, es ist doch unsere Nationalfeier (Wo bleibt da die SVP)? Warum lernen wir in der Schule rechnen, wenn wir nicht daraus lernen, dass auch der Lärm­pegel mit dem Bevölkerungszuwachs steigt?

Tony Stocklin, Steinhausen