Leserbrief
Näher an den Kunden

Zur Zuger kantonalen Abstimmung über die Anpassung der Ladenöffnungszeiten

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Die Zeit, als die ersten Heim-Computer aufgekommen sind, war auch die Zeit, als die Konsumenten begannen, mehr über die Herkunft und Herstellung von Produkten wissen zu wollen. So kam es, dass ich als Sohn eines Metzgermeisters jeweils am Sonntagabend mit unserem neuen Computer die Plakate schreiben musste, auf welchen stand, von welchen Bauern aus dem Napfgebiet das Fleisch in unserer Metzgerei stammte. Mein Vater hatte das Label «Fleisch aus dem Napfgebiet» eingeführt, weil er merkte, dass dies einem Bedürfnis der Kunden entsprach und man sich so von den grössten Konkurrenten Coop und Migros differenzieren konnte, denn diese begannen, mit ihrer schieren Marktmacht die Spielregeln zu bestimmen. Und so war es eine notwendige Tugend, näher an den Kunden und so einen Schritt voraus zu sein. Selbstverständlich war das ein Mehraufwand, aber wir konnten den Marktanteil nur durch Innovation halten.

Wenn wir am 7. März über die Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten abstimmen, geht es genau auch darum: Gewerbetreibende sollen die Möglichkeit haben, noch näher an den Kunden zu sein, indem sie sich deren Bedürfnissen anpassen. Das Einkaufsverhalten hat sich noch einmal radikal verändert. Hybride Modelle mit einer überschaubaren analogen Präsenz kombiniert mit einem einladenden digitalen Kanal sind daran, sich mit der Corona-Pandemie definitiv durchzusetzen. Der Kunde wird wohl auch in Zukunft nicht darauf verzichten wollen, durch eine Altstadt zu schlendern – je weiter die Digitalisierung voranschreitet, desto (wieder) weniger. Aber er will die Möglichkeit haben, viele Produkte online einzukaufen.

Dass ich mein Päckchen von Galaxus 18 Stunden nach der Bestellung bei mir im Briefkasten habe, ist eine – überzeugende – Tatsache. Die leeren kommerziellen Parterre-Nutzungen nicht nur in der Schweiz sind im Übrigen Zeichen dieses Wandels. Hier gilt es, die Entwicklung zu anerkennen, den Stier aktiv bei den Hörnern zu packen und entsprechende Vorwärtsstrategien zu entwickeln. Mit der Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten geben wir dem Gewerbe die Möglichkeit, sich den ändernden Bedürfnissen anzupassen, die sich nicht zuletzt auch aus dem gesellschaftlichen Wandel (zum Beispiel Vereinbarkeit von Familie und Beruf) ergeben, welcher von vielen Gegnern propagiert wird. Denn eines ist klar: Das Gewerbe wird sich anpassen müssen. Die Alternative wäre, der Bevölkerung in Zukunft vorzuschreiben, wo und wie sie einzukaufen hat. Nach den Erfahrungen mit den Corona-Lockdowns denke ich noch weniger, dass dies in einem freien Land eine valable Option ist. Im Bewusstsein, dass Wandel als eine Seite der Medaille immer auch mit aufwendigen Anpassungen verbunden ist, stimme ich am 7. März Ja zur Chance für das Gewerbe, auch die Öffnungszeiten zu nutzen, um näher an den Kunden zu sein.

Arno Grüter, Cham