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Eine schwarze Weihnacht für die Rischer

HINGESCHAUT: In der Friedhofskapelle neben der Pfarrkirche St. Verena erinnert eine alte Bildtafel an die schrecklichen Folgen fataler Selbstüberschätzung: Am Morgen des 24. Dezember 1817 geriet ein Frachtnauen vor der Halbinsel Buonas in Seenot und sank. Sechs Rischer fanden dabei den Tod.
Andreas Faessler
Die schwarz gerahmte Gedenktafel in der Rischer Friedhofskapelle erinnert an das tragische Schiffsunglück vom 24. Dezember 1817. Unter der bildlichen Darstellung wird der Hergang in Form eines Gedichtes erzählt. (Bild: Andreas Faessler, 12. September 2019)

Die schwarz gerahmte Gedenktafel in der Rischer Friedhofskapelle erinnert an das tragische Schiffsunglück vom 24. Dezember 1817. Unter der bildlichen Darstellung wird der Hergang in Form eines Gedichtes erzählt. (Bild: Andreas Faessler, 12. September 2019)

Es muss eine erschütternde Szene gewesen sein, die sich am späteren Morgen des Vorweihnachtstages 1817 in Ufernähe bei Schloss Buonas abgespielt hat, als ein mit Sand und Steinen beladener Nauen im Zugersee versank und sechs der sieben mitfahrenden Personen – alle aus dem Dorfe Risch – in den Tod riss. Das tragische Ereignis prägte sich damals tief ins Bewusstsein der Zuger Bevölkerung.

Noch heute erinnert ein 70 mal 112 Zentimeter grosses Gemälde an die Katastrophe, es hängt an der linken Seitenwand des ehemaligen Beinhauses von Risch. Über 200 Jahre sind seit dem Unfall vergangen, doch lässt sich der ganze Hergang recht genau nachzeichnen. Dies insbesondere dank eines Briefdokumentes von Johann Jakob Bossard (1787-1856) an den damaligen Zuger Stadtpfarrer Johann Conrad Bossard (1765-1830). Ersterer gehörte zu den wenigen Augenzeugen des Unglücks, da er zu der Zeit auf Schloss Buonas weilte, welches seit 1782 im Besitze seines Vaters war. Johann Jakob Bossard hatte 1809 die Priesterweihe erhalten und übernahm um 1830 das Amt des Zuger Stadtpfarrers, nachdem der Adressat des besagten Schreibens verschieden war. Darin ist – wohl dank der Schilderung der einzig überlebenden Person – genau nachgezeichnet, wie sich die Unglücksfahrt abgespielt hat.

«Hausmusik» an Bord

Demnach wollten drei Söhne und zwei Töchter des angesehenen Rischer Bürgers und Beamten Franz Lutiger (1751-1815) – namentlich Josef, Jakob, Niklaus, Barbara und Martina – gemeinsam mit dem Nachbarsburschen German Meyer und dem Fährmann Balthasar Sidler aus Holzhäusern mit einem Nauen nach Walchwil übersetzen, um von dort eine Ladung Sand und Steine zu holen. Am frühen morgen um halb vier legte die jugendliche Truppe in Risch ab und schipperte auf dem noch ruhigen Wasser fröhlich musizierend gegen Walchwil.

Eine offenbar geschäftlich motivierte Bootsfahrt mit musikalischer Unterhaltung? Der Rischer Ortshistoriker Richard Hediger weiss, dass Kaspar Lutiger, ein Cousin der oben genannten, Kaplan und Lehrer in Risch war und die Vorgängerorganisation der heutigen Musikgesellschaft gegründet hatte. Die Lutigers waren also dem Anschein nach eine musikalische Familie, weshalb das Mitführen von Instrumenten auf dieser Überfahrt nichts Abwegiges ist. Man sorgte damit wohl für etwas Kurzweil, zumal die Fahrt nach Walchwil über eineinhalb Stunden dauerte.

Schicksalhafte Fehleinschätzung

Dort angekommen – so führt Bossard in seinem Brief weiter aus –, nahm die Belegschaft ein kurzes Frühstück ein und begann schliesslich, das Marktschiff, «Buonaser Nachen» genannt, mit Sand und Steinen anzufüllen. Der Fährmann trachtete, soviel Material wie nur möglich nach Buonas zu bringen, wonach man den Nachen heillos überlud. Bereits eine Viertelstunde nach Ablegen zeichnete sich das drohende Desaster ab, von allen Seiten schwappte Wasser ins Boot, einsetzender Nordwind verschlimmerte die Situation. Die Besatzung schöpfte wie wild Wasser aus dem Inneren des Schiffes und beschwor den Fährmann, sich eines Teils der Ladung zu entledigen. Dieser aber wollte davon partout nichts wissen, spielte die drohende Gefahr runter, verliess sich selbstbewusst auf seine Fähigkeiten als erfahrener Schiffslenker und steuerte den überladenen Nauen dem Ufer entlang Richtung Zug. Etwa auf Höhe Trubikon wollte er den mittlerweile stärker gewordenen Wind ausnutzen, um möglichst schnell überzusetzen Richtung Buonas.

Während der Fahrt auf dem offenen See nach dem gegenüber liegenden Ufer wurde die Lage immer prekärer. Der Steuermann unterschätzte die gesamte Situation jedoch weiterhin, während die Besatzung hinter ihm allmählich in Todesangst geriet und verzweifelt fortfuhr, das in immer grösseren Mengen eindringende Wasser abzuschöpfen. Dann – kurz vor halb elf Uhr am Vormittag – nahm das Unheil seinen Lauf, gerade mal einen Steinwurf vom Ufer der Schloss-Halbinsel entfernt: Zuerst versank die Nase des Kahns im Wasser, schliesslich hob sich der hintere Teil in die Höhe, worauf der Nauen mitsamt Ladung und Besatzung, die des Schwimmens vermutlich nicht mächtig war, in der eiskalten Tiefe verschwand.

Nur eine überlebt

Die Hilfeschreie der Unglücklichen wurden lediglich von Johann Jakob Bossard, seiner Köchin sowie von einer Nachbarin namens Knüsel gehört. Von einem Fenster des Schlosses aus erblickte der vom Geschrei aufgeschreckte Bossard den sinkenden Nauen. Er stürzte Hals über Kopf die Schlosstreppen hinunter, um zu Hilfe zu eilen. Doch noch bevor er das Ufer erreichte, war das Schiff mitsamt Besatzung im Wasser verschwunden. Doch tauchte Sekunden danach eine junge Frau auf und klammerte sich verzweifelt an ein Holztrümmerteil, es war die ältere Lutiger-Tochter Martina. Da sich die Unfallstelle so nahe beim Ufer befand, konnte ihr Bossard ein grösseres Stück Holz zuschieben, welches an der Böschung lag. Die damals 26-Jährige konnte sich mit der Hilfe Bossards an Land retten. Mittlerweile waren mehrere Leute an der Unglücksstelle eingetroffen. Einige von ihnen brachten die stark unterkühlte Martina zum nahen Hof. Man rieb ihren Körper mit Kirschwasser ein, um sie zu wärmen, und gab ihr warme Milch zu trinken.

Von den anderen Verunfallten fehlte jede Spur. Auch eine sogleich gestartete Suche mit einem kleinen Fischerboot war vergeblich. Man hatte schnell traurige Gewissheit: Die übrigen vier Lutiger-Kinder, der Nachbarsbursche und der Fährmann sind allesamt ertrunken. Inzwischen waren Eilboten nach Zug entsandt worden, um Rettungsutensilien herbeizubringen. Es gelang noch an Heiligabend, zwei der Leichen zu bergen. Die restlichen konnten wegen der stürmischen Witterung erst Tage später aus der Tiefe geholt werden.

Der Moment vor dem Unglück

Die Bestürzung der Rischer Bevölkerung war grenzenlos, das Weihnachtsfest 1817 war für das bäuerliche Dorf von tiefster Trauer überschattet. Die Toten fanden auf dem Rischer Kirchhof ihre letzte Ruhe. Martina Lutiger war zum Zeitpunkt, als ihre vier Geschwister zu Grabe getragen wurden, wieder wohlauf. Im Jahre 1821 heiratete Martina Lutiger gemäss Aufzeichnungen von Richard Hediger den um zehn Jahre älteren Alois Meier. Zum Familienbesitz dessen Nachkommen gehört eine kolorierte Kopie des eingangs erwähnten Gedenkbildes in der Rischer Friedhofskapelle.

Das von anonymer Hand angefertigte Original dürfte schon bald nach der Tragödie entstanden sein. Als möglicher Urheber zieht der Zuger Kunsthistoriker Josef Grünenfelder den Maler Johann Kaspar Moos (1774-1835) in Betracht. Die Darstellung zeigt den Moment kurz vor dem Unglück: Vor dem erhöhten Schloss Buonas schwimmt der in arge Not geratene Nauen mit den sieben Personen an Bord, der Schiffsbug liegt bereits so gut wie unter Wasser. Vier der Männer rudern verzweifelt, ein weiterer Mann und eine Frau im hinteren Bootsteil schöpfen das eingedrungene Wasser aus dem Inneren. Die im Vordergrund sichtbaren Wellen deuten auf das stürmische Wetter an diesem Tag. Im Feld unter dem Gemälde zitiert der Maler Matthäus 24,42: «Niemand weiss weder Tag noch Stunde, wann der Herr dem Tod gebeut (gebietet).» Ausgehend von dieser Bibelstelle wird des Unglücks in Gedichtform gedacht, der Hergang poetisch wiedergegeben. Auf der Rückseite des Gemäldes sind die Namen der Verstorbenen und ihre Geburtsdaten aufgeführt.

Das Wrack als Zufallsfund

Der versunkene Nauen wurde 1995 zufällig entdeckt, als SLRG-Taucher Heinz Bossard von Fischer Emil Speck angefragt wurde, ein an dieser Stelle hängengebliebenes Fischernetz zu bergen. Das Wrack liegt in rund 20 Metern Tiefe im dort steil abfallenden Uferbereich und ist weitgehend intakt, dies vermutlich, weil das Schiff durch seine schwere Landung gleichmässig auf den Seegrund gedrückt wurde.

Hinweis
Mit «Hingeschaut» gehen wir wöchentlich Fundstücken mit kulturellem Hintergrund und Zuger Bezug nach.

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