Eine Sexarbeiterin mit besonderem Ziel spricht in der Bibliothek Zug

Im Rahmen von «Living Library» erzählt Isabelle Kölbl in der Bibliothek Zug von ihrer mutigen und aussergewöhnlichen Arbeit. Sie ist Sexualbegleiterin für Menschen mit Behinderung.

Cornelia Bisch
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Sie kümmert sich um Menschen mit einer Behinderung in einer Weise, wie es sonst kaum jemand tut: Die Sexualbegleiterin Isabelle Kölbl. (Bild: Maria Schmid, Zug, 15. März 2019)

Sie kümmert sich um Menschen mit einer Behinderung in einer Weise, wie es sonst kaum jemand tut: Die Sexualbegleiterin Isabelle Kölbl. 
(Bild: Maria Schmid, Zug, 15. März 2019)

Sie bildet Sexarbeiterinnen aus und arbeitet selbst an der Front. Ihre Organisation «Sexcare» unterscheidet sich aber wesentlich von anderen Angeboten dieser Art und ist gemäss eigenen Angaben einmalig in der Schweiz. Die 59-jährige Isabelle Kölbl ist Sexualbegleiterin für Menschen mit Behinderung. Im Rahmen von «Living Library» erzählt sie am 21. März in der Bibliothek Zug von ihrer Arbeit (siehe Box).

«Rechtlich fällt unsere Tätigkeit unter das Prostitutionsgesetz», stellt Isabelle Kölbl fest, obwohl sie selbst ihr Geschäft lieber als Dienstleistungsangebot bezeichnet. Im Jahr 2014 gründete die ehemalige kaufmännische Angestellte und Familienfrau die Plattform Sexcare mit Geschäftssitz in Grosshöchstetten im Kanton Bern. «Es gab zu dieser Zeit zwar Angebote dieser Art», erzählt sie. «Aber die waren wirr und nicht transparent.» Es sei nirgends ganz klar gewesen, was ein Klient habe erwarten dürfen.

Isabelle Kölbl und ihre drei Mitarbeiterinnen gehen aufs Ganze und kommunizieren das auch klar. «Das ist nicht zu verwechseln mit dem Angebot sogenannter Berührerinnen», betont sie. Diese würden sich auf Streicheleinheiten beschränken. «Meiner Erfahrung nach ist das je nach Fall eher kontraproduktiv, weil sich die Berührerinnen abgrenzen.» Ein Klient, der sich eine sexuelle Begegnung wünsche, fühle sich dadurch zurückgewiesen. «Schon wieder, denn solche Erfahrungen gehören für Menschen mit Behinderung oft zum Alltag.»

Keine Abhängigkeit schaffen

Ziel der Begegnungen, die zwischen behinderten Klienten und den Frauen von Sexcare stattfinden, ist es, ganz auf die sexuellen Bedürfnisse der Klienten einzugehen und sie auch darin zu unterstützen und zu ermutigen, eigene Beziehungen aufzubauen. «Wir wollen keine Abhängigkeit schaffen», betont Kölbl. Menschen, die von Geburt an behindert seien, hätten oft keine oder nur eine eingeschränkte Möglichkeit gehabt, zu pubertieren und in dieser Zeit erste sexuelle Erfahrungen zu machen und wüssten gar nicht, wie sie mit einer Frau in Kontakt treten und umgehen sollten.

Sexuelle Erfahrungen seien aber grundlegend für die Persönlichkeitsbildung, für eine körperliche und seelische Unversehrtheit. «Andere, die durch einen Unfall behindert sind, müssen ihren Körper wieder neu kennen lernen.» Die Unsicherheit und Angst vor Zurückweisung seien gross, das Selbstvertrauen oft gering. «Wir sind Surrogat-Partner und versuchen, die Klienten zu einer selbstbestimmten Sexualität zu führen, sodass sie lernen, Beziehungen einzugehen.»

Auf Zurückweisung folgt Aggressivität

Auch Menschen mit einer psychischen Krankheit oder Demenz gehören zunehmend zum Klientenkreis von Sexcare. «Wenn der Verstand sich ausschaltet, gewinnen emotionale Bedürfnisse wieder mehr an Bedeutung.» Würden diese Menschen zurückgewiesen, reagierten sie oft mit Aggression. Das könne schwierig sein für Betreuungspersonen. «Wenn Menschen unsere Dienste in Anspruch nehmen, findet oft eine starke persönliche Entwicklung statt, hin zu mehr Selbstbestimmung.» Auch dies könne in einer betreuten Einrichtung Probleme verursachen.

Isabelle Kölbl bereitet die Begegnungen zwischen Klienten und ihr, beziehungsweise ihren Mitarbeiterinnen, sehr seriös und aufwendig nach eigens entwickeltem Konzept vor. «Der Klient füllt einen Fragebogen aus, der uns Auskunft über seine Wünsche und Einschränkungen gibt.» Danach finden mehrere Telefongespräche statt, bevor Kölbl eine persönliche Begegnung zum Kennenlernen zwischen Klient und Mitarbeiterin arrangiert. Auch Betreuungsinstitutionen, mit denen der Klient in Verbindung steht, werden kontaktiert. Oft kommt eine Anfrage auch direkt von deren Seite. «Mitunter dauert es bis zu einem Jahr, bis eine sexuelle Begegnung stattfindet. Es soll für den Klienten eine schöne Erfahrung sein, wie ein normales Date.» Je heikler die Thematik, desto aufwendiger sei auch die Vorbereitung. «Indem man Raum schafft, um Sexualität stattfinden zu lassen, löst man viele Probleme, und es finden schöne, einmalige Erlebnisse statt», ist Kölbl überzeugt. Die Kosten tragen die Klienten selbst. «Wenn aber jemand sehr knapp bei Kasse ist, kommen wir ihm entgegen.»

Wenn der Körper nicht mitmacht

Nicht alle querschnittgelähmten Männer hätten tief greifende Potenzprobleme. Was ihnen zu schaffen mache, seien eher die abhanden gekommenen Empfindungen. «Falls es jedoch bezüglich Potenz Schwierigkeiten gibt, setzen wir Hilfsmittel ein.» Der Körper sei lernfähig. «Sensoren sind auch an anderen Stellen vorhanden. Mann muss sie nur entdecken. Die Begleiterinnen helfen dabei.» Viele Rollstuhlfahrer seien ganz tolle Liebhaber, weil sie entdeckten, wie viel Freude es bereiten könne, das Gegenüber zu verwöhnen.

Bei einer solch intensiven und gut vorbereiteten Begleitung bleiben starke Gefühle oft nicht aus. «Das ist ein ganz wichtiger Aspekt unserer Arbeit», bestätigt Isabelle Kölbl. «Wir machen immer wieder darauf aufmerksam, dass es sich bei unserer Tätigkeit um eine Dienstleistung handelt.» Bei der Verabschiedung finde jeweils eine symbolische Geldübergabe statt. «Diese zeigt klar den Charakter der Beziehung auf, auch wenn grössere Beträge anschliessend per Banküberweisung bezahlt werden.» Isabelle Kölbl hat ihre Ausbildung zur Sexualbegleiterin für Menschen mit Behinderung bei der selbst schwer behinderten Psychologin, Psychotherapeutin und Behindertenaktivistin Aiha Zemp absolviert. Heute arbeitet Kölbl selbst als Ausbilderin in diesem Bereich.

Emotional anstrengend

«Von den 40 Frauen und 2 Männern, die ich ausgebildet habe, sind jedoch lediglich drei Frauen aktiv geblieben.» Es sei eine emotional sehr anstrengende Tätigkeit. Auch reagiere das Umfeld der Frauen manchmal ablehnend. «Meist weicht die Vorstellung der Frauen weit von dem ab, was sie bei dieser Arbeit tatsächlich erwartet.» Ihr eigener Partner hat Isabelle Kölbl beim Aufbau von Sexcare unterstützt. «Man muss eine klare Abgrenzung schaffen und immer wieder das Gespräch suchen», erklärt sie. Nur so funktioniere eine Partnerschaft neben diesem besonderen Beruf.

Die Sexualbegleiterin wird oft zu Vorträgen, Diskussionsveranstaltungen sowie zu Schulungen angehender Sozialarbeiter oder Pflege- und Betreuungsfachleute eingeladen. Eine Aufgabe, die sie gern erfüllt. «Ich finde es sehr wichtig, dass Menschen, die im Bereich Betreuung arbeiten, sich mit dieser Thematik auseinandersetzen.» Oft werde sie von einem Klienten oder einer Klientin begleitet, die dann von ihren Erfahrungen berichteten. «Das ist sehr spannend für die Zuhörer und gestaltet den Vortrag lebendiger.» Auch beim «Living Library»-Anlass in Zug wird ein Rollstuhlfahrer anwesend sein.