Zug
«Völlig unerwarteter sexueller Übergriff»: Zuger Strafgericht hat über eine Tat ohne Zeugen zu entscheiden

Eine Strafrichterin muss eine schwere Entscheidung treffen. Sind Handlungen wider die sexuelle Integrität wirklich vorgefallen?

Marco Morosoli
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Derzeit herrschen in Gerichtssälen aussergewöhnliche Umstände. Zwischen der Staatsanwältin, der Rechtsvertreterin der Privatklägerschaft, allfälligen Zeugen oder Zeuginnen, Auskunftspersonen wie auch der Angeklagten oder dem Angeklagten trennt jeweils eine hochreichende Plexiglaswand die Prozessbeteiligten. Eigentlich nur zwischen der angeklagten Person und ihrem Rechtsbeistand gibt es keine Barrieren. Wenn die vorgenannten Personen für ihre Sache das Wort erheben, geht der Schall nach vorne und zur Decke. Die geäusserten Worte bei diesen Verhältnissen zu verstehen, dafür ist Konzentration der höchsten Stufe verlangt.

Demgegenüber hatte die Einzelrichterin beim Strafgericht am Donnerstag die alleinige Lufthoheit. Das Coronavirus ist auch hier dasjenige, das den Raum aktiv mitgestaltete.

Was genau geschah an dieser Therapiesitzung?

Was zu den beteiligten Personen und dem Sachverhalt ihres einmaligen Treffens sagbar ist: Eine Frau begab sich auf Empfehlung einer verwandten Person gegen Ende der 2010er-Jahre in eine Therapie mit einem fernöstlichen Ansatz. Wie sie am Donnerstag vor Gericht als Auskunftsperson erklärte, habe der Therapeut sie dabei am Geschlechtsteil berührt, zudem sei er über ihre Brust gefahren. Ohne Vorankündigung. Die Staatsanwältin umschrieb diesen sexuellen Übergriff des Angeklagten in der Anklageschrift als «sexuellen Übergriff», der «völlig unerwartet und überraschend» erfolgt sei.

Es lässt sich auch sagen, dass die Staatsanwaltschaft bei diesem Vier-Augen-Delikt nichts unversucht liess, um Beweismittel beibringen zu können. Es war im Gerichtssaal zu hören, dass die Polizei die Wohnung wie auch das Therapielokal durchsuchte. Die Untersuchungsbehörden versuchten auf diese Weise allenfalls an Therapienotizen zu kommen. Solche waren jedoch nicht zu finden. So oder so sagte die Staatsanwältin, sei die an der Frau vollzogene Behandlung «aussergewöhnlich» gewesen. Ferner war für die Staatsanwältin klar, dass die Frau den Sachverhalt «glaubhaft» geschildert habe. Dies auch deshalb, weil ja eine Falschaussage eine harte Sanktion nach sich ziehe.

Die Rechtsvertreterin der Auskunftsperson, die auch Opfer ist, erinnerte die Anwesenden daran, dass die Begegnung an der besagten Therapiesitzung sicher das Seinige dazu beigetragen habe, dass damals die Beziehung ihrer Mandantin in die Brüche gegangen sei. Zudem sagte sie, dass der Therapeut seine «Position missbraucht» habe. Es liegt in der Natur der Sache, dass der Beschuldigte eine etwas andere Sicht der Vorkommnisse hat. Er habe den «Körper der Frau nicht berührt». Der Familienvater zeigt von seinem Sitzplatz aus, wie er Behandlungen vollführt. Er berühre dabei den Körper nicht.

Beim Beschuldigten geht es um Sein oder nicht Sein

Es ist aber offensichtlich, dass der Beschuldigte sich durchaus bewusst ist, dass sein Geschäftsmodell auf dem Spiel steht. Er hat ausserdem eine Frau und Kinder. Der Beschuldigte zeigt vor dem Strafgericht auch Emotionen. Vier Mal erleidet er einen Tränenausbruch. Er fängt sich jeweils wieder schnell, aber die Anspannung ist ihm anzusehen. Auch die Auskunftsperson erleidet seelische Pein. Bei ihrer Aussage als Auskunftsperson schaut der Beschuldigte über eine Kameraschaltung zu. Die beiden Individuen begegnen sich virtuell, aber nicht effektiv.

Der Verteidiger des Mannes zog dann die erwartbaren Register, um seinen Klienten weiss zu waschen. So erwähnte er, dass das Verhältnis des Opfers mit ihrem Freund schon vorher in der Schwebe war. Aus der nun vorliegenden Gemengelage an Äusserungen muss die Einzelrichterin ein Urteil fällen. Bei der Beweiserhebung ging die Verfahrensleiterin in die Vollen. Sie hatte sich seriös auf ihre Aufgabe vorbereitet. Sie stellte Frage um Frage, um bei der späteren Urteilsfindung genug Fakten in der Hand zu haben, um ein Urteil zu fällen. Erkannte sie in den Antworten zuwenig Tiefe, hakte sie nach. Sie versprach zum Schluss bald ein Urteil zu fällen. Ein Strich darunter zu machen, funktioniert bei solchen Voraussetzungen nicht.

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