Einsprachen gegen «städtebauliche Reparatur» der Korporation Zug

Die Korporation Zug möchte das Quartier an der Zeughausgasse aufwerten. Dies stösst nicht überall auf offene Ohren.

Andrea Muff
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Das Quartier Münz in der Zuger Altstadt könnte dereinst so aussehen.

Das Quartier Münz in der Zuger Altstadt könnte dereinst so aussehen.

Visualisierung: Boltshauser Architekten

In der Zuger Altstadt ist ein städtebauliches Grossprojekt geplant: Die Korporation Zug will ihre Liegenschaften an der Zeughausgasse entweder renovieren, umbauen, neubauen oder ersetzen. Nachdem im November die ersten Baugesuche öffentlich aufgelegen sind, sind nun zwei weitere bis zum 18. März auf der Stadtverwaltung einsehbar. Darunter auch dasjenige für das Kernelement des Bauprojekts: Der geplante Ersatzneubau des Hauses Zentrum soll architektonisch an den ehemaligen «Hirschen» erinnern. Denn an der Zeughausgasse 9 stand bis 1959 das Hotel Hirschen. Im Neubau sollen ein Restaurant, ein Festsaal, zwei kleinere Säle sowie Wohnungen Platz finden.

Insgesamt sechs Häuser sind Bestandteil des Bauprojekts

Die Korporation Zug plant, auf insgesamt drei Parzellen das Gebiet an der Zeughausgasse in der Zuger Altstadt umzugestalten. Ein Modell, welches das Gesamtprojekt zeigt, ist momentan im Stadthaus ausgestellt. Die Korporation plant auf insgesamt 2650 Quadratmetern, sechs Häuser entweder umzubauen, zu renovieren oder neu zu bauen. So soll auf der Fläche des Hauses Zentrum (Haus A) der Neubau «Hirschen» realisiert werden. Das Haus B (Zeughausgasse 11) steht unter Denkmalschutz und soll sanft renoviert werden. Der Schuppen hinter dem Haus Zentrum, das Haus C, soll verschoben werden. Direkt dahinter soll ein Gebäude für eine Schule seinen Platz finden (Haus D), der jetzige Schuppen wird abgerissen. Das denkmalgeschützte Luthigerhaus (Haus E) wird sanft saniert und direkt daneben kommt der Anbau (Haus F) zu stehen. Die Baueingaben folgen etappiert, noch fehlt eine. Gemäss Urban Keiser beabsichtigt die Korporation, die Bauten entsprechend dem Eingang der Bewilligungen gestaffelt zu verwirklichen. (mua)

Nach dem Umzug der Stadtverwaltung ins ehemalige L&G-Gebäude an der Gubelstrasse steht das Haus Zentrum momentan leer. Dies soll bis zum Abbruch aber nicht so bleiben. «Wir wollen das Gebäude zwischennutzen», erklärt Urban Keiser, Präsident der Korporation Zug. Darüber freut sich etwa Michael Sergi. Er ist Inhaber von «Da Giovanni – Schuhmacher und Schuhreparaturen» an der Zeughausgasse 11.

«Ich bin sehr froh über diese Lösung.»

Denn so kann er mit seinem Laden nur wenige Meter weiterziehen, während das Gebäude, in dem sich sein Geschäft jetzt befindet, saniert wird. Das Baugesuch liegt momentan auf. Neben der Schuhmacherei soll das Haus als Hostel dienen. Das Baugesuch für eine Zwischennutzung lag bis vorige Woche öffentlich auf. Laut Baudepartement sind keine Einsprachen eingegangen.

Projektkosten werden auf 28 Millionen Franken geschätzt

Anders verhält es sich bei den Baugesuchen vom November: Gegen alle drei seien jeweils mehr als zehn Einsprachen eingegangen, schreibt das Baudepartement auf Anfrage. Für Urban Keiser ist klar: «Es wird eine Geduldsprobe werden.» Was als «städtebauliche Reparatur» angedacht war, könnte in einer Sackgasse enden. Keiser macht die Intention der Korporation klar:

«Wir wollen den Ort aufwerten. Insbesondere der Hinterhofcharakter der Liegenschaft Luthiger soll einem einladenden Charme und einem wohnlichen Flair weichen.»

Er kann über die Motivation der Einsprecher nur mutmassen. «Der geplante Neubau Hirschen wird beispielsweise sieben Meter weniger hoch als das derzeitige Haus Zentrum und damit nicht so hoch wie der ‹Kronenhof› daneben.» Keiser ist vom Projekt der Zürcher Boltshauser Architekten, das eine Jury 2017 auswählte, überzeugt. Insgesamt beziffert er die Kosten für die Umsetzung des Projekts auf 28 Millionen Franken.

Rechtsweg könnte lang werden

Die Einsprecher, welche ausschliesslich in der direkten Nachbarschaft wohnen oder Liegenschaften besitzen, prangern die Kommunikation der Korporation an. Marcel Wickart, Einsprecher, Anwohner und selber Korporationsbürger, spricht auch für die anderen Parteien:

«Wir sind keine Verhinderer, aber leider hat die Korporation jeden Quadratmeter ausgenutzt und sich nicht darum gekümmert, den historischen Zustand des Quartiers wiederherzustellen.»

Eine «städtebauliche Reparatur» sehe er nicht. Dieses Projekt widerspricht seines Erachtens eindeutig den geltenden Vorschriften. Als Anwohnerschaft seien sie weder in den Prozess eingebunden noch sei das Gespräch gesucht worden. «Wenn man ein Projekt dieser Grössenordnung an einem solch sensiblen Ort plant, ist das schon irritierend, wenn man die Nachbarschaft nicht abholt und das Projekt nicht gesamthaft, sondern in Etappen auflegt», stellt Wickart klar. Ihm ist klar, dass der nun beschrittene Rechtsweg ein langer werden könnte. «Das liegt eigentlich nicht in unserem Interesse, aber wir sahen keine andere Möglichkeit, in den Dialog zu treten», so Wickart.

Auf der «Geissweid» haben tatsächlich Geissen geweidet

Ein Dorn im Auge der Einsprecher ist das in den Bauplänen als Haus F bezeichnete Gebäude. Das geplante Neubau-Mehrfamilienhaus grenzt fast in einem 90-Grad-Winkel an das Luthigerhaus und soll parallel zur Stadtmauer realisiert werden. Die Liegenschaft verdecke somit die für das Quartier typischen terrassierten Gärten, so Wickart. Diese würden sich dann hinter dem Neubau befinden. Auf dieser Fläche mit Hofcharakter hinter dem Haus Zentrum habe sich ursprünglich die «Geissweid» befunden. «In früheren Zeiten haben hier tatsächlich Geissen geweidet», erzählt Wickart.

Er findet zudem, dass Freiräume auch weiterhin freigehalten werden sollen und verweist auf das Altstadtreglement und Stadtraumkonzept Zug 2050. «Es gibt kaum einen schöneren Freiraum», schwärmt er. Weiter verdecke der Neubau die Sicht auf den Kapuzinerturm. «Durchsichten sind wichtig und sollten erhalten bleiben», zitiert er sinngemäss aus dem Stadtraumkonzept und stellt ernüchtert fest: «Es kann nicht sein, dass man mit einem historischen Ort so umgeht.»

Auch bei den momentan aufliegenden Plänen des Neubaus Hirschen an der Zeughausgasse 9 wird es wohl Einsprachen geben. «Hier ist das Volumen das Problem», erklärt Marcel Wickart. Denn das Gebäude wird laut den Bauplänen bis an das jetzige Trottoir beim Hirschenplatz grenzen und auch Richtung Osten vergrössert. Generell würden die Pläne der Korporation Werteinbussen und eine verminderte Wohnqualität für die umliegenden Häuser bedeuten, vermutet er.

Nachbarschaftspräsident als Mediator?

Inzwischen sind die Fronten also verhärtet. Einer, der sich vorstellen könnte, diese zu glätten, ist Fredy Weller. Er ist Präsident der Nachbarschaft Münz, selber kein Einsprecher und bezeichnet sich als neutral in dieser Angelegenheit. «Das Quartier Münz wird an Attraktivität und Aufenthaltsqualität nur gewinnen», erklärt Fredy Weller und fügt hinzu: «Was uns alle beschäftigt, ist die lange Bauzeit von drei bis vier Jahren.» Denn über das Ganze gesehen handle es sich um ein gutes Projekt. «Fassaden, Aussenkonzept, Pflästerung und Begrünung fügen sich beim vorliegenden Projekt sehr gut in die Umgebung ein», findet er. «Von der Aufwertung kann auch das Gewerbe profitieren», findet der Zuger. Denn mehr Wohnungen bedeuten eine Belebung des Quartiers. Aber dem Nachbarschaft-Präsidenten ist auch klar: «Man muss sich wie immer erst an die Pläne und damit an die Neuerungen gewöhnen.»