War die Kinderbescherung einst ein sozialer Akt für arme Kinder?

Für den Nachwuchs ist die traditionelle Kinderbescherung nach dem jeweiligen Fasnachtsumzug ein Höhepunkt. Die Suche nach den historischen Hintergründen dieses Brauchs ist nicht einfach.

Andreas Faessler
Drucken
Teilen
Für die Kinder in Oberägeri jedes Jahr das Objekt der Begierde: Die «Fasnachtsdividende». (Bild: Christian H. Hildebrand (5. März 2019))

Für die Kinder in Oberägeri jedes Jahr das Objekt der Begierde: Die «Fasnachtsdividende». (Bild: Christian H. Hildebrand (5. März 2019))

Sämtlichen Generationen bereitet die turbulente Fasnachtszeit alle Jahre von Neuem Freude – seien es die Maskeraden, die Umzüge, die ganzen Sinneseindrücke oder einfach die allseits gute Laune. Für den Nachwuchs indes kennen Fasnachtsbräuche vielerorts etwas Besonderes, Zusätzliches, abgesehen von den eigens auf die Kleinen ausgerichteten Kinderumzüge. Im Ägerital etwa ist es bekanntlich Tradition, dass die Kinder im Anschluss an den Umzug jeweils kleine Pakete mit Leckereien wie Süssem, Rezentem und/oder Früchten erhalten. Ob es nun «Kinderbescherung» genannt wird oder wie in Oberägeri die «Legorendividende», respektive das «Legorepäckli», ist einerlei – viele Kinder können es kaum erwarten, bis sie die «Ausschüttung» in die Hand gedrückt erhalten.

Hinter der Bereitstellung dieser begehrten Bündelchen steckt jeweils viel Aufwand. Nicht nur sind mehrere Helfer damit beschäftigt, die Säckchen abzufüllen und zu prüfen, dass auch überall dasselbe drin ist – die Gaben müssen ja auch finanziert werden, immerhin kostet jedes einzelne «Bhalti» mehrere Franken. Und wenn gegen 2000 davon bereitgestellt werden müssen, wie etwa für die Ausschüttung gestern nach dem Oberägerer Umzug, so kann man sich ausrechnen, was das in etwas kostet. Die Gesellschaften sind darum stets auf Spenden angewiesen. Auch wird im Vorfeld vom Päckliteam fleissig «gebettelt» bei den Haushalten, um das nötige Kleingeld zusammenzubringen.

Aber woher stammt eigentlich die Tradition des gezielten Beschenkens von Kindern an der Fasnacht? So wie es bei den drei grossen Fasnachten im Ägerital Brauch ist, kennt man Ähnliches auch an mehreren anderen katholischen Orten. Die Legoren in Oberägeri pflegen den Brauch seit vielen Jahrzehnten. Ein Bild aus den 1930er-Jahren im Archiv der Legoren zeigt Kinder, die soeben ihre Säckchen erhalten haben und zufrieden in die Kamera schauen.

Bis ins Mittelalter nachweisbar

Den Brauch nachweislich an einer historischen Begebenheit zu verankern, scheint nicht ganz einfach. Im Ägerital sollen einst Geschäftsleute jeweils am Güdeldienstag Kinder beschenkt haben, wonach diese Tradition zum Fasnachtsbrauch geworden ist. Dass die Wurzeln dieser Gepflogenheit womöglich aber noch viel weiter zurückliegen könnten, zeigt ein Quervergleich zur Fasnacht der Stadt Bremgarten an der Reuss. Dort kennt man das «Uusrüere», ein Begriff, den man auch an den hiesigen Fasnachten findet. In Bremgarten aber weiss man, dass der Ursprung mindestens sechs Jahrhunderte zurückliegt. Damals gehörte es zu den sozialen Pflichten des Stadtammanns, zur Fasnachtszeit kleine Küchlein an die armen Kinder zu verteilen. Bis heute praktiziert man in Bremgarten eine – freilich nunmehr abgewandelte – Version dieses Brauches.

Ob und inwiefern im Ägerital ein ähnlicher historischer Hintergrund annehmbar ist, bleibt offen. Aber da Fasnachtstraditionen in unterschiedlichen geografischen Regionen in manchen Aspekten häufig erstaunliche Entwicklungsparallelen aufweisen, ist nicht auszuschliessen, dass die Kinderbescherung im Ägerital und Umgebung vergleichbare Wurzeln hat.