Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Es war einst eine Hauptattraktion Zugs

HINGESCHAUT Melchior Paul von Deschwandens «Jüngstes Gericht» in der Oswaldkirche ist eines der grössten Werke des bedeutenden Innerschweizer Kirchenmalers. Der Künstler mahnt damit dringlich zu einem gottgefälligen Leben.
Andreas Faessler
Monumental: Melchior Paul von Deschwandens «Jüngstes Gericht» in der Kirche St. Oswald. (Bild: Maria Schmid (Zug, 2. Juli 2018))

Monumental: Melchior Paul von Deschwandens «Jüngstes Gericht» in der Kirche St. Oswald. (Bild: Maria Schmid (Zug, 2. Juli 2018))

Viele Zuger werden sich noch daran erinnern, wie sie während der Schulmesse in der Oswaldkirche wohl mehr Aufmerksamkeit der monumentalen Szenerie an der Chorwand geschenkt haben als dem Pfarrer. Dass hier überhaupt so eine grosse Fläche hat bemalt werden können, ist eine Besonderheit in der Baugeschichte von St. Oswald. Bis 1544 war in das bis dahin deutlich niedrigere Mittelschiff eine Holzdecke eingezogen, die nur wenig höher als die Spitze des Chorbogens lag. 1544 und 1545 wurde die Kirche zur heutigen Basilika ausgebaut, indem man die Holzdecke entfernte und das Mittelschiff erhöhte. Da man den verhältnismässig kleinen Chor und den Chorbogen nicht veränderte, entstand die ungewöhnlich grosse Chorwand.

Zehn Jahre nach Vollendung des Umbaus beauftragte man einen Zuger Künstler mit der dekorativen Ausmalung der nun hohen Gewölbe und der Chorwand. Beim Ausführenden dürfte es sich um einen zwischen 1554 und 1577 in Zug tätigen Maler namens Oswald Koch gehandelt haben, der wohl wegen seines Berufes als «Oswald Maller» überliefert und später fälschlicherweise zu einem «Oswald Müller» uminterpretiert worden ist. Koch soll für die Chorwand eine Darstellung des Jüngsten Gerichts gewählt haben, was der Zuger Historiker Franz Wyss jedoch anzweifelt. Was Koch gemalt hat, ist nicht dokumentiert. Im Jahre 1692 (oder 1697) übermalte Kaspar Wolfgang Muos (1654–1728) aus Zug die Malereien Kochs – nachweislich mit einer Monumentaldarstellung des Jüngsten Gerichts in der Art Hans Holbeins.

In den Jahren 1865 und 1866 wurde auch Muos’ Gemälde ersetzt. Man konnte es sich leisten, Meister Melchior Paul von Deschwanden (1811–1881) aus Stans mit einem grossflächigen Gemälde zu beauftragen, das die Chorwand vollständig ausfüllen sollte. Deschwanden war seinerzeit einer der gefragtesten Kirchenmaler der Schweiz, sein Stil schien ganz dem damaligen Zeitgeschmack zu entsprechen. Deschwanden besuchte das Gymnasium in Zug. Sein erster Zeichenlehrer war der Zuger Johann Kaspar Moos/Muos (1774–835), möglicherweise ein Nachkomme des Kaspar Wolfgang Muos. Nach der Schulzeit in Zug folgten Ausbildungsjahre in Zürich, München und schliesslich in Rom, wo Deschwanden auf den Lübecker Meister Friedrich Overbeck traf und sich von dessen nazarenischem Malstil beeinflussen liess.

Zurück in seiner Heimat, schuf ­Deschwanden eine Vielzahl religiöser Darstellungen für Private oder Kirchen. Namhafte Werke aus seiner Hand befinden sich in katholischen, aber teils auch reformierten Kirchen und Kapellen in Deutschland, Österreich, Norditalien und vor allem in der Zentralschweiz. Wieder in Rom, erhielt Deschwanden 1869 von Papst Pius IX. eine Goldmedaille für sein Schaffen überreicht. Dem Nidwaldner Meister schlug allerdings auch Kritik entgegen – man empfand seine Gemälde zuweilen als «einfallslos». Nicht etwa, weil es an künstlerischer Qualität gemangelt hätte, sondern weil sich seine enorme Schaffenskraft fast ausschliesslich in sakralen Motiven entfaltete. Deschwanden konnte diese Kritik nichts anhaben – eher das Gegenteil war der Fall: Der überaus fromme Maler sah sich selber nicht nur als Künstler, sondern gleichsam als Missionar und Erzieher im christlichen Glauben. «Ich male für fromme Gemüter und nicht für Kritiker», soll er gesagt haben.

Um 1843 hatte sich Deschwanden um die Ausführung eines ausgeschriebenen Altargemäldes für die Stadtkirche von Olten beworben. Es sollte eine Darstellung des «Jüngsten Gerichts» werden – den Zuschlag erhielt jedoch der Elsässer Sebastian Gutzwiller, der das Gemälde nach einer Skizze von Martin Disteli malte. Knapp 20 Jahre später also kam Deschwanden in Zug schliesslich doch noch zu seinem eigenen «Jüngsten Gericht», in kolossalem Ausmass und an höchst prominenter Stelle. Deschwanden übermalte das Werk von Kaspar Wolfgang Muos, ohne es zu zerstören; die barocke Darstellung des Jüngsten Gerichtes ist im Verborgenen immer noch vorhanden. Der Nidwaldner arbeitete mit Ölfarbe, was beim seitlichen Betrachten der Chorwand gut erkennbar wird. Das Resultat ist wahrlich beeindruckend – nach Fertigstellung soll Deschwandens Riesengemälde bei Touristen als eine der Hauptattraktionen der Stadt Zug gegolten haben.

Der tiefe religiöse Glaube und das fundierte theologische Wissen Melchior Paul von Deschwandens zeigen sich allein in der Wortwahl der detailhaften Beschreibung seines «Jüngsten Gerichts». Jeder einzelnen vorkommenden Figur weist er ausführlich Funktionen, Wesenszüge, ja gar Empfindungen zu. Wie ein dramaturgisch akribisch durchdachtes Theaterstück lässt sich das wimmelbildartig anmutende Gemälde lesen und erleben. Die Vorstellung des «Jüngsten Gerichtes» geht auf die Antike zurück. Jeder Mensch wird nach seiner Todesstunde vor Christus zur Rechenschaft gezogen für seine Taten und Werke, wonach er entweder ins Reich Gottes eingeht oder auf ewig verdammt wird – es sei denn, er wendet sich dem Erlöser zu, tut Busse und erlangt durch die Vergebung Gottes das Heil. Gemäss christlicher Auffassung hat Jesus Christus die Sünden eines jeden, der an ihn glaubt, auf sich genommen. Alle anderen müssen für ihre Sünden selber geradestehen – und sind verloren.

Im Zentrum und alles dominierend malt Deschwanden Jesus Christus mit Kreuz und einem Kranz von sieben Sternen. Zu seinen Seiten sind auf selber Höhe alle zwölf Apostel versammelt. Christi Wolkenthron umgeben zwei Cherubim, zwei Engel mit Posaunen und die drei Erzengel: Gabriel trägt die Inschrift «Jedem wird vergolten nach seinen Werken – Wer nicht glaubt, ist schon gerichtet». Raphael hält einen Palmzweig und Michael das Flammenschwert, welches er gegen die Verdammten richtet. Unter dem Schwert beherrscht der gefallene Engel Luzifer die Szene. Er trägt den Lügenbanner und wird von den personifizierten Todsünden umgeben – Geiz, Neid, Trägheit, Völlerei, Genusssucht, Zorn und Hochmut. Unter dieser Gruppe sitzt der schreibende «Giftmischer», ein selbstgefälliger, ungläubiger Philosoph. Sein Tintenfass ist umgekippt. Der Jüngling hinter ihm – ein ebenfalls vom Glauben Abgefallener – macht dem Sünder Vorwürfe mit dem Zitat «Die wir Thoren einst verlachten, siehe, nun sind sie unter den Kindern Gottes.» Deschwanden fängt den abgefallenen Philosophen just in dem Moment ein, wo diesem klar wird, was er verbrochen hat. Er ist dem Verderben geweiht, der Hölle, die Deschwanden hier im Gegensatz zu anderen Interpreten nicht abbildet.

Die linke Bildhälfte ist den Gestalten gewidmet, die bereits in vollkommener Vereinigung mit Gott sind. Die Gottesmutter im königsblauen Gewand ist in Begleitung mehrerer Himmelsboten niedergestiegen, um die Seligen in Empfang zu nehmen. Mit ihrem Fuss zertritt sie den Kopf der Schlange und reicht Abel die Hand. Neben ihm kniend Eva und – reumütig sich auf den Boden werfend – Adam mit der symbolischen Schaufel und dem Sündenapfel. Neben Maria stehen leicht zurückversetzt ihr Mann Josef und hinter ihm ihre Eltern Joachim und Anna. Links davon streckt Johannes der Täufer seinen Arm in Richtung des Erlösers, hinter ihm nimmt der ergriffene König David vom Geschehen Kenntnis.

Direkt unter dieser Gruppe erscheint der heilige Augustin, einer der grossen Kirchenlehrer. Er scheint sich mit der Aussage «Glückliche Schuld, die einen solchen Erlöser gehabt!» an seine neben ihm kniende Mutter, die heilige Monika von Tagaste, zu richten. Zu Augustins Füssen sitzt ein Knabe, der auf eine kleine Episode im Leben des Heiligen hinweist (dazu mehr in einer späteren Ausgabe). Hinter Augustin und Monika folgen Magdalena, ein Kreuz tragend, und Agnes, die das Lamm streichelt.

Mit dieser Darstellung des «Jüngsten Gerichts» zeigt Melchior Paul von Deschwanden recht gut fassbar die einzigen beiden Wege zum Heil, zu Gott: den Weg der Reinheit und Unschuld und den Weg der Busse und Umkehr. Die beiden Protagonisten ganz «unten» – Augustin und der Philosoph – waren Suchende. Während der eine jedoch auf seinem Findungsweg Gott im Blick hatte, suchte der andere hingegen aus Stolz nur sich selbst. «Und dieses entgegengesetzte Suchen in allem Tun und Lassen ist es, was dereinst auch das Los eines jeden von uns entscheidet», merkt Deschwanden hierzu an. Er sieht den Zweck seines Gemäldes erfüllt, wenn sein Anblick die Menschen dazu bewegt, ein gottgefälliges Leben zu führen. «Dann ist des Künstlers Mühe reich belohnt», schliesst er seine Ausführungen zum Werk.

Deschwandens Interpretation des «Jüngsten Gerichts» ist eher eine «sanfte», stellt man sie anderen Umsetzungen gegenüber, die mit apokalyptischen Höllendarstellungen und monströsen Schreckensszenarien nur so überborden. Wie etwa bei Hans Memling, Stefan Lochner oder natürlich bei Hieronymus Bosch.

Hinweis: Mit «Hingeschaut» gehen wir wöchentlich Fundstücken mit kulturellem Hintergrund und Zuger Bezug nach.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.