EINZELRICHTER: Todesdrohungen gegen Mutter des Kindes

Eine Mutter fürchtete, dass der Vater mit dem gemeinsamen Sohn untertaucht. Er wird vom Zuger Gericht nun wegen mehrfacher Drohungen und Tätlichkeiten verurteilt.

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Der Fall wurde bereits im Sommer vor Einzelrichter Philipp Frank verhandelt. Doch die Verhandlung wurde damals unterbrochen. Es gebe Hinweise, dass die Schuldfähigkeit des Beschuldigten vermindert sei, hiess es. Deshalb wollte der Richter, dass der Austrittsbericht der psychiatrischen Klinik und ein psychologischer Kurzbericht zu den Akten genommen werden.

Das ist inzwischen erfolgt. «Ich schaue nicht zurück. Ich habe meinen Sohn nicht vergessen. Leider kann er sich nicht dazu äussern, dass ich ihm fehle. Ich möchte ihn gerne mehr sehen», sagte der 41-jährige Franzose nun an der Verhandlung. Die ausgehandelten Besuchszeiten für das begleitete Besuchsrecht würden von der Gegenseite nicht eingehalten. Die Therapie habe er inzwischen beendet, da er es nicht nötig fand, diese fortzusetzen. Wenn er ein Problem habe, könne er sich ja wieder melden. Er besuche inzwischen Yoga-Kurse und mache Sport. Heute habe er ein soziales Netz. Er lebe jetzt seit neun Jahren in der Schweiz und habe kürzlich erstmals ein Konzert besucht. Da sei er auch anderen Personen begegnet.

Eingeschränkte Schuldfähigkeit?

Staatsanwalt Tobias Kühne, der den Fall von der inzwischen pensionierten Staatsanwältin Marionna Isenring übernommen hat, wies auf die detaillierten Notizen hin, welche die Klägerin über die Drohungen gemacht hatte. Zudem habe die Polizei viermal intervenieren müssen, wobei der Beschuldigte Ende 2015 in die psychiatrische Klinik eingewiesen wurde. Er habe psychische Störungen wegen regelmässigen Cannabis-Konsums gehabt, doch gebe es «keine Anhaltspunkte für eine eingeschränkte Schuldfähigkeit». Er sei aufbrausend, emotional erregt, aber nicht vorbestraft. Die ihm vorgeworfenen Delikte seien objektiv von schwerer Natur. So forderte der Staatsanwalt eine bedingte Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu 60 Franken und Bussen von 1500 Franken.

Laut der Vertreterin der Privatklägerin hatte er diese ein Jahr lang tyrannisiert und sie fortlaufend in Angst und Schrecken versetzt. Seine Einsprache gegen den Strafbefehl sei nicht nachvollziehbar, die Tätlichkeiten klar erstellt. «Er hat das Besuchsrecht nicht wahrgenommen», indem er einmal die 50 Franken nicht einbezahlte und einmal früher ging, führte sie aus. Weil die Frau ihren Wohnort gewechselt hat, ist die Zuger Kesb nicht mehr für den Fall zuständig. Die Angst der Frau sei real, dass er seine Drohungen einmal realisiere, so die Vertreterin.

«Vorwürfe haben sich nicht so zugetragen»

Die Verteidigerin forderte für ihren Mandanten hingegen Freispruch von Schuld und Strafe. Vorliegend handle es sich um einen länger schwelenden Paarkonflikt mit gegenseitigen Streitigkeiten: «Sie blockte alles ab, liess ihn ins Leere laufen.» Der Sohn habe in der Obhut des Vaters, der nachts im Stundenlohn jobbte, gelebt, während die Mutter, eine Akademikerin, auswärts arbeitete. «Es bestand keine ernsthafte Gefahr für eine Entführung», sagte die Anwältin. Zudem habe die Mutter den Pass und die ID des Kindes gehabt. Wenn der Mann bestraft werden sollte, sei das öffentliche Interesse daran gering. Sie wies auf die grosse seelische Belastung hin, seine Suchterkrankung und seine Depression. Trotz kleinem Lohn komme er der Zahlung der Unterhaltsbeiträge von monatlich 1290 Franken nach.

Die Glaubwürdigkeit der beiden Parteien sei gleich, führte der Einzelrichter bei der Urteilseröffnung aus, die Glaubhaftigkeit allerdings spreche für die Frau. Auch wenn das angedrohte Untertauchen mit dem Sohn möglicherweise nicht ernst gemeint sein sollte, habe das Ratlosigkeit ausgelöst, und die Mutter habe sich bedroht gefühlt. Der Richter kam bezüglich Drohungen in sechs Fällen zu Schuldsprüchen – davon dreimal Todesdrohungen, zweimal Verschwinden mit dem Kind und einmal, dass er sie lebenslang verfolgen werde. Bei der letzten Tat habe allerdings eine emotionale Ausnahmesituation bestanden, was sich strafmindernd auswirke.

Der Franzose wurde in einem Fall von der Anklage der Tätlichkeiten und in zwei Fällen von den Drohungen freigesprochen und mit 90 Tagessätzen bedingt und Bussen von 800 Franken verurteilt. Während der Probezeit erhält er eine Bewährungshilfe, die ihn emotional unterstützen soll. Das Urteil ist nicht rechtskräftig.

Jürg J. Aregger

juerg.aregger@zugerzeitung.ch