ELTERNNOTRUF: «Manche Eltern empfinden Scham, Probleme zuzugeben»

Die jüngste Familientragödie zeigt, dass Eltern Probleme haben. Wer im Krisenfall schnell Hilfe sucht, kann zum Hörer greifen.

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Spontane Hilfe bei Erziehungsproblemen erhalten Zuger Eltern am Telefon unter dem Notruf 0848 35 45 55. (Archivbild Nadia Schärli)

Spontane Hilfe bei Erziehungsproblemen erhalten Zuger Eltern am Telefon unter dem Notruf 0848 35 45 55. (Archivbild Nadia Schärli)

«Ich weiss nicht, was ich noch machen soll», sagt eine junge Mutter am Telefon. Ihr zweijähriger Sohn bereitet ihr nur noch Kopfzerbrechen. «Er schlägt um sich, klemmt, kratzt, reisst mir die Haare raus – ich muss mich wirklich beherrschen, nicht zurückzuschlagen, und frage mich, was ich falsch mache.» Die Mutter hat Schuldgefühle und steht unter emotionalem Stress. Sie hat im Augenblick niemanden, den sie um Rat fragen könnte. Da nimmt sie den Hörer in die Hand und wählt 0848 35 45 55 – die Nummer des Elternnotrufs.

Erst mal beruhigen

«Wir versuchen in einem solchen Fall, die Anruferin oder den Anrufer erst einmal zu beruhigen», sagt Peter Sumpf, Geschäftsleiter vom Elternnotruf. Dieses Beratungstelefon gibt es seit 1983 und geht im Auftrag der Kantone Zürich, Aargau, Bern, Graubünden und Zug, die diesen Service finanzieren, auf die Probleme von Eltern ein. 2013 waren dies 2800 Fälle. Die Mutter ist mit ihrem trotzigen Kleinkind kein Einzelfall. Denn die Überforderung von Eltern gehört neben Erziehungsschwierigkeiten und akuten Eskalationssituationen zu den Hauptgründen, warum Eltern in Not zum Hörer greifen.

«Wer bei uns anruft, muss seinen Namen nicht nennen – aber die meisten tun es trotzdem», sagt Sumpf. Die meisten Gespräche dauern zwischen 5 und 45 Minuten und kosten pro Minute den normalen Festnetztarif. Die elf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Elternnotrufs – ausgebildete Psychologen, Sozialarbeiter und Pädagogen – versuchen dann im Gespräch, konkrete Hilfestellungen zu leisten. Offensichtlich mit Erfolg – denn unter den 2800 Fällen 2013 waren die meisten Anrufer Erstkontakte. «Es gibt Eltern, welche wir über eine gewisse Zeit intensiver betreuen, aber Dauerklienten haben wir keine.»

Aber warum sucht eine junge Mutter ausgerechnet am Telefon Rat, wenn ihr Kind nicht mehr zu beruhigen ist, und kontaktiert nicht einfach ihre Mutter oder sucht Hilfe bei Freundinnen? «Junge Mütter sind heute tendenziell unerfahrener», erklärt der 56-jährige Geschäftsführer. Andererseits seien heutzutage viele Familien auf sich alleine gestellt, und es fehlten Ansprechpartner. «So manche Eltern empfinden aber auch eine Scham, anderen gegenüber zuzugeben, dass man Probleme bei der Erziehung hat – dabei haben auch andere Eltern solche Probleme, selbst wenn von aussen alles perfekt anmutet», sagt Sumpf. Andere wiederum würden gerne einfach eine zweite Meinung einholen, um sich sicherer in ihrer Erziehung zu fühlen.

Bewusst eine Pause einlegen

Was die konkrete Hilfe der Mitarbeiter des Elternnotrufs angeht, würden diese versuchen, die jeweilige Situation der Anrufenden abzuklären, und dann Varianten oder Möglichkeiten anbieten, die im konkreten Fall weiterhelfen könnten. «Zum Beispiel haben wir einer Mutter, die bei uns angerufen hat und frustriert darüber war, dass sie ihr Kind nur noch anschreit, etwa empfohlen, sich wieder zu fokussieren. Nicht durch die Zimmer zu rufen. Den direkten Kontakt zum Kind zu suchen. Und bei Stress und Ungeduld einfach mal eine bewusste Pause einzulegen», skizziert der Elternnotrufexperte. Wobei auch viele Eltern während der im Schnitt rund 20 Minuten dauernden Gespräche die Möglichkeit hätten, so Sumpf, durch den Austausch mit einer neutralen Person am Telefon wieder aufzutanken, sich zu sammeln und vor allem das Gefühl vermittelt zu bekommen, Konfliktsituationen zu meistern.

«Solche Beratungen am Telefon sind sehr anstrengend, weil man sich konzentrieren, genau zuhören und vor allem ein echtes Interesse an der konkreten Fragestellung aufbringen muss», sagt Sumpf. Doch seine Arbeit sei auch sehr befriedigend: «Denn die Klienten sind meist sehr dankbar für die Hilfe.»

Wolfgang Holz

HINWEIS
Der Elternnotruf lautet 0848 35 45 55 und kann täglich 24 Stunden lang angerufen werden.