ENGAGEMENT: Sie hoffen auf Frieden in ihrer Heimat

Nach dem Anschlag in Ankara haben sie spontan in Zürich demonstriert. Drei Kurdinnen teilen ihre Gefühle mit. Der Wunsch nach Frieden steht an erster Stelle.

Susanne Holz
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Eylem Cakir, Habibe Özdemir und Islim Yener (von links nach rechts) hat der Anschlag in Ankara sehr betroffen gemacht. Den Krieg in ihrer Heimat Anatolien endlich zu Ende zu wissen, wäre ein Herzenswunsch. (Bild Stefan Kaiser)

Eylem Cakir, Habibe Özdemir und Islim Yener (von links nach rechts) hat der Anschlag in Ankara sehr betroffen gemacht. Den Krieg in ihrer Heimat Anatolien endlich zu Ende zu wissen, wäre ein Herzenswunsch. (Bild Stefan Kaiser)

Susanne Holz

Habibe Özdemir ist 48 Jahre alt, Mutter von zwei Kindern und Kontaktperson des Kurdischen Kultur- und Informationsvereins in Zug. Die Kurdin aus Südostanatolien lebt seit 1999 im Kanton Zug. In ihrer Heimat war sie politisch engagiert und flüchtete, als ihre Kollegen verhaftet wurden. Habibe Özdemir nahm vergangenen Samstag spontan an der Demonstration in Zürich teil – als Antwort auf den Anschlag bei der Friedensdemonstration in Ankara. Mindestens 95 Menschen sind dort gestorben, 246 wurden verletzt. Zur Demonstration in Ankara hatte die prokurdische Partei HDP aufgerufen, gemeinsam mit Gewerkschaften, Berufsverbänden und regierungskritischen Bürgerinitiativen.

Erneut für Frieden auf die Strasse

Auf Fernsehbildern war zu sehen, wie Demonstranten friedlich kurdische Volkstänze aufführten, als hinter ihnen die erste Bombe detonierte. Solche Volkstänze kann man im Kurdischen Kultur- und Informationsverein in Zug lernen, ebenso die deutsche oder die kurdische Sprache oder das Spiel auf der Saz, dem anatolischen Instrument, das einer Gitarre nicht unähnlich ist.

Rund 200 Mitglieder hat der Verein – über 600 Kurden leben in Zug. Zur Demonstration in Zürich fuhren 150 von ihnen. «Es war eine friedliche Demo», erzählt Habibe Özdemir. Heute Abend wird sie nochmals für den Frieden auf die Strasse gehen – in Basel. Eylem Cakir wird dann auch wieder dabei sein. Die 38-Jährige kam schon 1993 nach Zug – ihr Vater hatte damals flüchten müssen. Der blutige Konflikt zwischen Türken und Kurden währt leider schon sehr lange – umso mehr hoffen die zwei Frauen auf Frieden in ihrer Heimat Anatolien.

Auch Islim Yeners Vater flüchtete einst aus der Türkei – die 25-Jährige wohnt seit 1996 in Zug. Wie Habibe und Eylem wünscht sich auch Islim, dass Türken und Kurden endlich in Frieden zusammenleben können, jeder mit seiner Sprache und seiner Identität. Habibe sagt: «Keine Mutter soll mehr um ihre Söhne trauern müssen.» Habibe hat eine politisch aktive Kollegin in Suruc, in dessen Kulturzentrum der IS im Juli ein Massaker unter jungen Aktivisten veranstaltete, die sich getroffen hatten, um den Menschen in der syrischen Schwesterstadt Kobane zu helfen. «Sie weint sehr oft», erzählt die Zugerin.

Islim kommt ganz aus der Nähe von Suruc, sie war im Juli zu Besuch in ihrer Heimat: «Ich hatte die ganze Zeit Angst, ich dachte täglich, jetzt passiert irgendetwas – und dann verübte der IS das Massaker. Danach funktionierte eine Woche lang das Internet nicht. Wie auch jetzt nach dem Anschlag in Ankara.» Habibe sagt, dass sie eine gewisse Ohnmacht verspüre: Man könne hier nichts für die Menschen dort tun. «Ausser wählen», ergänzt Eylem. 250 Zuger Kurden werden ihre Stimme für die HDP abgeben, sie bilden eigens Fahrgemeinschaften für den Weg zum Zürcher Konsulat.

Die HDP erhalte auch Stimmen von Türken, die hier wohnen, so die drei Kurdinnen. Und: «In Zürich haben etliche Türken mitdemonstriert.» Man verstehe sich gut. «Mein Vater, obwohl politisch aktiver Kurde, hatte kurdische und türkische Kollegen», erzählt Islim. «Nach seinem Tod bekundeten uns auch viele Türken ihr Beileid.»

«Frieden und Demokratie sollen endlich in die Türkei zurückkehren», äussert Habibe den Wunsch aller. Vergleichsweise einfach nimmt sich dagegen dieses Anliegen der drei Frauen aus: Seit zwei Jahren ist der Kurdische Verein auf der Suche nach einem Vereinslokal.