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Zug: Angreifer hält sich für das eigentliche Opfer

Im August 2017 verprügelte er mitten in Baar eine Frau und ihre Stieftochter, am Dienstag fand der Prozess gegen den 35-Jährigen statt. Während die Staatsanwaltschaft seine Einweisung fordert, glaubt er, in Notwehr gehandelt zu haben.
Christopher Gilb
Der Angeklagte im Gerichtssaal: Immer wieder schaltet er sich ein und will seine Sicht der Dinge darlegen. (Bild: Alfi Moor (Zug, 10. Juli 2018)

Der Angeklagte im Gerichtssaal: Immer wieder schaltet er sich ein und will seine Sicht der Dinge darlegen. (Bild: Alfi Moor (Zug, 10. Juli 2018)

Der Vorsitzende Richter in der heutigen Verhandlung am Zuger Strafgericht hatte es nicht einfach mit dem Angeklagten. Mehrfach musste er ihn ermahnen, doch bitte die Frage zu beantworten. «Ich führe die Verhandlung.» Denn der 35-Jährige aus Baar, der in aller Öffentlichkeit am 16. August 2017 vor der Postfiliale in Baar eine junge Mutter und deren Stieftochter mit Schlägen und Tritten traktierte (wir berichteten) und nur durch herbeieilende Passanten gestoppt werden konnte, glaubt unschuldig zu sein. Anders gesagt, er ist überzeugt Opfer eines langwierigen Mobbings zu sein, hinter dem eine Gruppe rund um das Opfer und deren Partner stehe. «Aber ich muss es doch erklären», entgegnet er dem Richter oft.

Auch das Opfer war da. Sie habe lange mit sich gerungen, sagte die 26-Jährige vor der Verhandlung, nun wolle sie aber abschliessen, in der Hoffnung, dass er nie wieder eine Gefahr für sie und ihre Familie darstelle. Im Rahmen der Vorfragen forderte der Anwalt des Angeklagten bereits, die Verhandlung zu unterbrechen, um weitere Zeugen zu vernehmen. Denn es gebe zwei Perspektiven, jene der Staatsanwaltschaft, die gestützt auf das Gutachten wegen paranoider Schizophrenie von einer Schuldunfähigkeit ausgehe und eine Einweisung fordere und jene seines Mandanten, bei dem das Fass nach dem langen Mobbing einmal übergelaufen sei. Eine, so fand der Anwalt überzogene aber irgendwie nachvollziehbare Reaktion. Im Laufe des Verfahrens kristallisierte sich heraus, dass er die Tat als eine Notwehrreaktion darstellen will. Die Unterbrechung aber wurde abgelehnt.

Zu Hause hatte er Hasslisten

Die Einvernahme des Angeklagten, der derzeit im Untersuchungsgefängnis Stans einsitzt, brachte dann einige interessante Details zutage. So befand er sich bereits 2016 in der psychiatrischen Klinik Zugersee in Behandlung, setzte dann aber die Medikamente in Eigenregie ab. Der Arzt habe gesagt, das sei nicht mehr nötig. Und er war schon mehrfach als gewalttätig in Erscheinung getreten. Mutmasslich auch gegen seine Mutter. Was dann aber aus seinem Mund jeweils ganz anders klang. Er habe sie nur etwas an den Haaren gezogen, wieso sie dann am Rücken Schmerzen gehabt habe, wisse er auch nicht. Er liebe sie. «Sie ist aber sehr labil und gutgläubig.» Und lasse sich schnell beeinflussen von den Medien. Auch dem Mann, dem er anscheinend die Brille weggeschlagen hat, habe er nur eher gut gemeint den Arm um die Schulter gelegt und dann sei die Brille einfach zu Boden gefallen. Der Richter will mehr über den Kampfsport wissen, den er betrieben hat. Grappling sei dies, sogenannter Griffkampf. «Ziemlich gewaltfrei sagt er. Und die zwei Würgehölzer, die bei ihnen zu Hause gefunden wurden? Das seien spirituelle Waffen, antwortet er. Dann geht es um die Hasslisten, die bei ihm gefunden wurden. «Meine Mutter muss sterben», «diese Schweine müssen sterben», lauteten die Titel. Dies seien nur Momentaufnahmen, entgegnet der Angeklagte.

Seine Befragung zeichnet das Bild eines, wie es der Richter, einmal in einer Frage formuliert, Mannes, der nie richtig im Leben Fuss gefasst hat. Bereits 2003 war er erstmals beim Sozialamt. Danach hatte er oft nur temporär Jobs. Auf die Zukunft angesprochen, sagt er erst, nach Zürich zu wollen, korrigiert sich dann aber und sagt doch lieber ins Welschland. Zürich sei ihm zu rechts geworden, im Welschland verstehe man einen wie ihn. Nur weg vom kapitalistischen Zug.

Es geschah in aller Öffentlichkeit

Baar  Die Brutalität der Tat schockierte. Am Nachmittag des 16. August 2017 wurde eine damals 25-Jährige vor der Postfiliale in Baar von einem damals 34-Jährigen angegriffen. Der Mann warf die Frau gemäss Zeugenaussagen zu Boden und trat unaufhörlich auf sie ein, auch auf ihren Kopf. Zudem habe er sie laut angeschrien. Sie erlitt leichte bis mittelschwere Verletzungen. Konnte aber einige Tage nach der Tat wieder aus dem Spital entlassen werden. Zuvor hatte er schon die damals 14-jährige Stieftochter attackiert. Das Kleinkind und das Baby, die ebenfalls vor Ort waren, konnten noch rechtzeitig in Sicherheit gebracht werden. Nur durch das beherzte Eingreifen mehrerer Passanten wurde Schlimmeres verhindert. Sie hielten den Mann fest, bis die Polizei eintraf. Kennengelernt haben sich Opfer und Täter im Umfeld des Treffpunkts Podium 41 in Zug. Wo sowohl das Opfer und dessen Freund wie auch der Täter häufig verkehrten. (cg)

Und die Tat? Er bereut sie zwar, behauptet entgegen der Anklage aber, dass er, als die Passanten dem Opfer zur Hilfe eilten, bereits von diesem abgelassen habe, zudem habe er nicht mehrfach getreten. Eine Behauptung, der einer der Helfer von damals, der der Verhandlung als Zuschauer beiwohnte, in der Pause vehement widersprach. «Hätten wir ihn nicht überwältigt, hätte er nicht aufgehört.»

Dann der Auftritt des Gutachters. Bereits 85 Gutachten hat der Spezialist erstellt. Über vier Stunden unterhielt er sich mit dem Angeklagten. «Und Sie sagten ihm ins Gesicht, dass sie ihm nicht glaubten?», fragt der Richter ihn. «Ja das habe ich», antwortet der Gutachter. Er sehe keinen Grund, dem Klienten nicht die Wahrheit zu sagen. Und zählt Beispiele auf. Das Opfer verfolge ihn, habe er gesagt, steige auf Bäume; tote Vögel selbst ein Bonbonpapier habe der Angeklagte als Teil einer Bedrohung wahrgenommen. «Ich habe ihm zugehört und er wollte mich stundenlang überzeugen, was aber nicht geklappt hat.» Deshalb habe der Angeklagte das Gutachten dann wohl auch abgelehnt.

Opfer wünscht sich klassische Verurteilung

Auch die von der Verteidigung als Mobbing bezeichneten Auseinandersetzungen zwischen dem Angeklagten und der Gruppe sind im Gutachten ein Thema. Wie der Gutachter aber auf eine diesbezügliche Frage des Verteidigers antwortet, sei es nicht abschliessend geklärt, wie Schizophrenie entstehe. «Er ist schizophren, er ist gefährlich.» Und er müsse bis zur Besserung stationär behandelt werden.

Das wünscht sich auch der Staatsanwalt. Es gehe für einmal nicht um Sühne, sondern um den Schutz der Öffentlichkeit und eine nötige Behandlung. Ganz anders sieht es der Verteidiger. Er bringt eine ambulante Therapie ins Gespräch, die der Gutachter wegen öffentlicher Gefährdung nicht empfiehlt. Ja sein Mandant sei unzurechnungsfähig gewesen aber wegen des Mobbings nicht wegen einer Krankheit. Auch der Anwalt des Opfers, die als Nebenklägerin auftrat, wünscht sich, dass der Fall zur Staatsanwaltschaft zur Neubeurteilung zurückgeht. Er stellt die Schuldunfähigkeit in Frage und will deshalb einen klassischen Prozess mit Verurteilung. An die Adresse des Verteidigers gewandt, sagt der Anwalt dann noch: «Es gab keinen Angriff auf den Angeklagten, erst recht nicht von meiner Mandantin.»

Das Urteil ist für Mittwoch angekündigt. Bis zur rechtskräftigen Verurteilung gilt die Unschuldsvermutung.

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