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Er sorgt dafür, dass der Verkehr um die Baustellen flüssig läuft

Baustellen sind für viele Verkehrsteilnehmer ein Ärgernis. Dass die Wartezeiten im erträglichen Rahmen bleiben, dafür ist «Ampelmann» Hanspeter Tschirren zuständig.
Christian Breitschmid
Er bestimmt, wer wann die Baustelle passieren kann: Hanspeter (Bild: Christian Breitschmid)

Er bestimmt, wer wann die Baustelle passieren kann: Hanspeter (Bild: Christian Breitschmid)

Argos hiess der hundertäugige Riese der griechischen Sage, der die Aufgabe hatte, Io, die Geliebte des Zeus, zu bewachen. Hanspeter Tschirren heisst der grossgewachsene, stämmige Mann, der zweimal am Tag den Verkehr an der Baustelle zwischen Unterrüti und Merenschwand überwacht. Er hat zwar nur zwei Augen, aber damit sieht er so gut wie andere mit hundert. Da die Baustelle nur einspurig passiert werden kann, sorgt eine Ampelanlage dafür, dass es zu keinen Zusammenstössen kommt.

An sich verfügt die Anlage über eine Automatik, die in fixen Zeitintervallen die Fahrbahn freigeben, beziehungsweise blockieren kann. Doch die Sensoren an den Ampeln reagieren auf vorbeiziehende Fahrzeuge, was dazu führen kann, dass gerade im Stossverkehr der Gegenverkehr so lange aufgehalten wird, bis sich Staus bilden. Und da kommt Hanspeter Tschirren ins Spiel.

Die Velofahrer geben den Takt vor

Auf seiner Wollmütze steht «Argus». Den latinisierten Namen des griechischen Riesen hat sich die Boswiler Verkehrsdienst GmbH zum Firmennamen erkoren. Unter der Wollmütze wandern Tschirrens Augen unablässig von seiner Seite der Baustelle zur anderen. «Alle 30 bis 40 Sekunden lasse ich eine Seite durch», erklärt der Mann mit dem zünftigen Schnauz, dessen Ostschweizer Herkunft noch ganz leicht in seinen Aussagen mitklingt. Bei ganz dichtem Verkehrsaufkommen verkürzt er die Phasen auch schon mal auf 25 Sekunden. «Massgebend ist die Zeit, die ein Velofahrer braucht, um die Baustelle zu passieren. Mindestens so lange muss eine Seite grün haben.»

Das ist vor allem dann wichtig, wenn der Mann an der Ampel keine freie Sicht auf das andere Baustellenende hat. «In solchen Fällen bräuchte es eigentlich zwei Mann, die die Anlage bedienen», sagt Tschirren, «aber das kostet dann halt mehr, darum verzichten die Bauherren gerne auf den zweiten Mann.» In Merenschwand dauert sein Dienst immer von 6.30 bis 8 Uhr morgens und am späten Nachmittag von 16.30 bis 18 Uhr. So hat es der Kanton, der den Auftrag zur Belagssanierung, für Amphibienschutzmassnahmen und die Erneuerung der Werkleitungen in Auftrag gegeben hat, bei Argus bestellt. «Ich arbeite immer am Montag, Dienstag und Mittwoch», so Tschirren. «Früher habe ich das fünf Tage in der Woche gemacht, aber man wird ja auch älter. Am Dienstag wurde ich 64. Ausserdem arbeitet meine Frau immer noch 100 Prozent, da reicht das schon.» Bezahlt wird er im Stundenlohn. Reich werde man davon natürlich nicht, sagt der gelernte Eisenwarenverkäufer, aber die Entschädigung sei anständig.

Während Tschirren die Funktionsweise der Ampel erklärt, beginnt der Schnee zu fallen. Dazu bläst ein eisiger Westwind. Beim Schreiben der Notizen werden die Finger klamm. Die Kälte dringt bald durch und durch. «Frieren Sie etwa?», fragt der Hüne in seiner wattierten, warnorangen Windjacke mit einem Lächeln im Gesicht. Auf das zittrige Nicken seines Gegenübers entgegnet er: «Kälte macht mir wenig aus. Na klar, ich ziehe auch genug warme Sachen an und trage immer Thermounterwäsche. So richtig schlimm wird es erst, wenn es noch kälter wird und regnet. Aber ich bin für jedes Wetter gerüstet. Ich habe immer alles im Auto mit dabei. Wenn es schiffet, dann stelle ich hier einen grossen Sonnenschirm auf. Man muss sich halt zu helfen wissen.» Fast schlimmer als die Kälte, das sei der Verkehrsdienst in brütender Hitze im Sommer. «Da habe ich auch immer Verbarmen mit den Kollegen vom Bau. Wenn von oben die Sonne brennt und sie die Strasse teeren, dann möchte ich jeweils nicht mit ihnen tauschen.»

Buschauffeure werden bevorzugt

Tschirren hat beruflich vieles gemacht. Er war in verschiedenen Branchen im Verkauf tätig, war selbstständiger Restaurant- und Barbetreiber und arbeitet nun schon zum zweiten Mal als Teilzeiter für Argus. «Weil wir hauptsächlich im Kanton Aargau und angrenzenden Kantonen im Einsatz sind, lernt man die Gegenden und viele Schleichwege kennen», verrät der «Ampelmann», der mit seiner Frau seit bald 25 Jahren in einem alten Bauernhaus in Büttikon wohnt. «Auch die Bauleute kennt man mit der Zeit – und die Buschauffeure.» Diese senden ein Signal zur Ampelanlage, wenn sie auf die Baustelle zufahren. So kann Tschirren dafür sorgen, dass sie ungehindert durchkommen und keine Anschlüsse verpassen.»

Solche Vorteile verschaffen sich viele Private, indem sie bei Rot über die Ampel fahren. «Sehen Sie den da», zeigt Tschirren auf ein vorbeibrausendes Fahrzeug, «der ist jetzt voll bei Rot noch durch. Ich wäre Millionär, wenn ich all die Busgelder bekommen hätte, von all denen, die bei Rot und mit dem Handy am Ohr durch meine Baustellen gefahren sind.» Aufregen tue er sich deswegen schon lange nicht mehr. Wenn es mal «chlöpfe», dann müssten die das selber verantworten, sagt er lakonisch. Auch sonst macht er sich hinter seiner Ampel keine grossen Gedanken, denn «ich muss mich auf den Verkehr und auf meine Aufgabe konzentrieren». Zwischendurch gönnte er sich aber mal eine Zigarette oder singt ein bisschen, bis ihm der nächste Busfahrer freundlich zuwinkt.

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