Leserbrief
Es gibt unterschiedliche Gründen, warum Menschen Texte nicht verstehen

Zum Meinungsbeitrag «Herablassend und dumm», Ausgabe vom 9. März

Merken
Drucken
Teilen

«Herablassend und dumm» oder einfach traurig ist es, wenn ein Dozent für neuere deutsche Literatur sich über die «leichte Sprache» äussert, ohne darauf einzugehen, für wen diese eingesetzt wird. Tatsache ist, dass es in unserer Gesellschaft verschiedene Menschen gibt, die aus unterschiedlichsten Gründen nicht fähig sind, komplexe Texte zu lesen und zu verstehen. Nicht alle diese Menschen sind in unserem Schulsystem nicht ausreichend gefördert worden, nein, es sind auch Menschen mit Migrationshintergrund, Legastheniker oder Menschen mit einer geistigen Beeinträchtigung. Für alle diese Menschen ist die «leichte Sprache» eine Möglichkeit, an geschriebenen Texten teilzuhaben. Es geht nicht darum, dass Texten der Witz, die Ironie und die Zwischentöne genommen werden, sondern darum, dass auch Menschen mit weniger Kompetenzen im Lesen Informationen erlangen, ohne auf die Unterstützung anderer angewiesen zu sein. Herr Andreotti beklagt, dass unsere Gesellschaft durch die leichte Sprache zweigeteilt wird in sprachlich Gebildete und Sprachbehinderte. Zurzeit ist unserer Meinung nach die Gesellschaft geteilt in Menschen, die fähig sind, komplexe Texte zu lesen, und solche, die keine Chance haben, diese zu verstehen. Was ist wohl besser?

Es ist für uns sehr fragwürdig, wieso einem Dozenten so viel Platz ermöglicht wird, seine unqualifizierten Ansichten so einseitig zu verbreiten. Wir wünschten uns, dass diese Zeitung differenzierter über dieses Thema berichten würde.

Susann Dahl und Viola Buchmann, Heilpädagoginnen des Heilpädogischen Zentrums Hagendorn