Leserbrief

Es ist ein neues Bild des Magistraten entstanden

«Es scheiden sich die Geister», Ausgabe vom 26. August

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Nach dem kurzen Leserbrief von Thomas Zaugg zur Kritik der beiden ehemaligen Professoren Jakob Tanner und Georg Kreis halte ich fest, dass Zauggs Etter Biografie von über 750 Seiten ein hervorragendes, auf Quellen gestütztes Werk ist. Durch die Möglichkeit, auch den privaten Nachlass von Bundesrat Etter auszuwerten, entsteht ein neues Bild des Magistraten. Es überzeugt den Leser durch umfassende Auswertung der Quellen, die ehemaligen Historikern nicht zugänglich gewesen sind.

Daraus ergeben sich neue Aspekte, die das klischeehaft wirkende Bild früherer Historiker weit übertrifft. Man warf Etter vor, er sei ein Zögerer gewesen, ja er habe sogar braune Tendenzen gehabt, die nun widerlegt sind. Ich glaube, dass die Kritiker nicht unterscheiden können zwischen der Funktion eines Generals und der einer Exekutive.

General Guisan wurde als der strahlende Verteidiger der Schweiz mit klarer Haltung dargestellt. Während man der Regierung Schwäche unterstellte. Beide hatten unterschiedene Funktionen zu vertreten. Der General repräsentierte mit seiner Haltung den Wehrwillen des Landes. Das war seine Aufgabe. Die Exekutive mit Etter verhielt sich zögerlich. Aber genau dies war im Zweiten Weltkrieg nötig. Der Bundesrat hatte das Volk durch den Weltkrieg zu führen, ohne die Angriffslust der launigen Hitlerhorden zu reizen. Das konnte gar nicht ohne ein gewisses Abwägen und Zögern geschehen. Die Exekutive hätte gefehlt, wenn sie den starken Mann zu spielen sich vorgenommen hätte. Sie brauchte viel Diplomatie. Ohne gewisse Kompromisse ging das nicht. Was negativ gezeichnet werden kann, hält der Bergier-Bericht fest und ist bekannt. Die tief im föderativen Gedanken verankerte Haltung Etters wird im Buch von Zaugg ausführlich herausgearbeitet und überholt frühere Studien und Meinungen.

Ich schliesse mich dem letzten Satz des Leserbriefs Zaugg an, dass es die zwei emeritierten Professoren hinnehmen müssen, dass der junge Historiker bei seinem Quellenstudium zu anderen Schlüssen gelangt als sie. Die Meinung von Historikern ist niemals sakrosankt und dass sie durch neue Erkenntnisse, die sich aus den Quellen ergeben, überholt sind, ist keine neue Einsicht. Das ist an sich der übliche Fortgang der kritischen Geschichtsforschung. Alte Ansichten werden durch neue Erkenntnisse revidiert. Mir hat das Buch sehr geholfen, die Vorgänge im inneren Zirkel des damaligen Bundesrats neu zu sehen. Dabei ist mir klar geworden, dass Zögern nicht die schlechteste Politik ist, wie wir beim jetzigen Bundesrat im Verhältnis zur EU erfahren. In jedem Fall kann ein starker Mann mehr Schaden anrichten, als dem Volk nützen.

Andreas Iten, alt FDP-Ständerat, Unterägeri