Finanznot einer Chamer Privatschule ist «schweizweit kein Einzelfall»

Carl Bossard, Gründungsrektor der PH Zug, gilt als Kenner der Schullandschaft. Überrascht zeigt er sich nicht über die Nöte der Privatschulen. Der Boom privater Schulen aber halte trotzdem an – denn die Volksschule überfordere sich inhaltlich.

Christopher Gilb
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Carl Bossard äussert sich über Schwierigkeiten und Chancen von Privatschulen. (Bild: Markus von Rotz (Stans, 30. November 2018))

Carl Bossard äussert sich über Schwierigkeiten und Chancen von Privatschulen. (Bild: Markus von Rotz (Stans, 30. November 2018))

Carl Bossard, wie kürzlich bekannt wurde, steckt die International School of Central Switzerland (ISOCS) in Cham wegen zu tiefer Schülerzahlen in finanziellen Schwierigkeiten. Derzeit kann sie nur durch Finanzspritzen der Eltern überleben. Kommt eine solche Situation für Sie überraschend?

Eigentlich nicht. Es ist bekannt, dass sich der Prozentsatz der Schülerinnen und Schüler, die an Privatschulen übertreten, gesamtschweizerisch bei momentan rund fünf Prozent einpendelt. Um diese Klientel bemühen sich zudem viele. Anderseits haben wir im Kanton Zug finanziell gut situierte und damit konkurrenzfähige kommunale Schulen, deren Qualität bekannt ist.

Handelt es sich beim Fall der ISOCS um einen Einzelfall oder gibt es bei den privaten Anbietern eine gewisse Marktbereinigung?

Was genau die Gründe für die finanzielle Situation der Chamer Privatschule sind, kann ich nicht beurteilen. Es ist aber schweizweit kein Einzelfall. Nur bei den nichtdeutschsprachigen Ausländern und den Expats steigt die Nachfrage nach Privatschulen weiterhin. Diese Kinder von Fachkräften, die in international tätigen Unternehmen arbeiten und meist nur für einige wenige Jahre in der Schweiz wohnen, besuchen bevorzugt Privatschulen.

Sind Privatschulen für sie das einzige realistische Angebot?

Es ist deren erwünschte Schulform. Allerdings besuchen Expat-Schüler in jüngster Zeit vermehrt auch die Kantonsschule Zug. Solche kommen primär aus ausländischen Gymnasien. Der Übertritt aus den International Schools an kantonale Gymnasien jedoch ist eher selten.

Zug ist aber weiterhin ein Paradies für Privatschulen.

Der Kanton Zug zählt rund 20 Privatschulen. Die grösste ist «The International School of Zug and Luzern» (ISZL) mit rund 1250 Schülerinnen und Schülern. Aus der Gemeinde Walchwil, der Zuger Riviera, gehen rund 23 Prozent der Kinder in Privatschulen. Generell lässt sich sagen: Privatschulen sind besonders stark vertreten, wo eher begüterte Familien wohnen, wie – salopp formuliert – im «Speckgürtel» von Zürich oder auch der Stadt Zürich, die eine hohe Quote von zehn Prozent hat – und eben Walchwil. In solchen Gegenden ist die private Bildung zu einem interessanten Investitionsfeld und zu einem lukrativen Geschäftsmodell geworden.

Aus Ihrer Sicht eine gefährliche Entwicklung?

Es gibt Kinder, die in der öffentlichen Schule «leiden». Für sie sind spezielle Lösungen zu finden. Oft sind es private Schulen. Privatschulen in der Schweiz haben aber nur dann eine Existenzberechtigung, wenn das staatliche Bildungsangebot gleichzeitig konkurrenzfähig bleibt. Die Zuger Schulen setzen alles daran, dass dies der Fall ist. Das ist in der Tendenz aber nicht mehr überall in der Schweiz gegeben. Die Bildungspolitik muss sich vermehrt fragen, woher die grössere Nachfrage nach privater Bildung kommt. Diese bereitet mir Sorgen, denn das Portemonnaie darf nicht über die Bildung der Kinder entscheiden. Zudem wird die soziale Kohäsion unseres Landes gefährdet. Auch Bundesräte besuchten die Volksschule.

Wo sind die Defizite bei der Volksschule?

Die Lehrpläne sind dichter und die Lehrmittel dicker geworden. Zu vieles muss heute in zu kurzer Zeit erarbeitet werden – und zwar von den Kindern selber. Eigenverantwortet und selbstgesteuert. Lernschwächere und mittelmässige Schüler sind benachteiligt. Die inhaltliche Dichte reduziert die systematische Übungszeit. Um etwas ins Langzeitgedächtnis zu bringen und zu automatisieren, braucht der Mensch sechs bis acht Wiederholungen. Das gilt besonders für die Grundfertigkeiten Rechnen, Lesen und Schreiben: Je mehr wir etwas unter Druck brauchen, desto intensiver müssen wir es trainieren. Diese Zeit fehlt oft. Das entgeht auch den Eltern nicht.

Wie äussert sich das?

Sie haben das Gefühl, dass ihr Kind nicht vorankommt. Dieses wird zwar aktiviert, doch es lernt dabei zu wenig und das Erarbeitete bleibt an der Oberfläche. Abends muss es das Gelernte dann in der Nachhilfe vertiefen. Die Eltern wollen aber nicht als Verlierer der Bildungsreformen dastehen. Im Gegenteil: Ihre Kinder sollen die sozioökonomische Position ihrer Herkunft zumindest halten können.

Können Sie Ihre Kritik an einem Beispiel festmachen?

Viele Eltern ärgern sich über die reformpädagogische Schreibmethode «Schreiben nach Gehör». Kinder lernen, wie es der Name sagt, nach Gehör zu schreiben. Aus der Forschung wissen wir aber längst, dass der Anteil an Kindern mit Rechtschreibeproblemen bei jenen höher ist, die nach dieser Methode unterrichtet wurden. Dieses Prinzip müsste längst verboten sein, fordert beispielsweise Jürgen Oelkers, ehemaliger Zürcher Pädagogik-Professor. Eines wird auf jeden Fall deutlich: Die Wissenschaft spielt in der Bildungspolitik oft eine marginale Rolle. Wie anders ist es zu erklären, dass eine (ausserkantonale) Schulgemeinde eine Lehrperson suchen lässt, die sich explizit «nicht als Wissensvermittlerin» versteht, sondern ihre Schüler lediglich coacht und begleitet. Guter Unterricht besteht aber in zielgerichteten, themen- und sachbezogenen Schüleraktivitäten, gesteuert von Lehrpersonen und orientiert am Lernen der Kinder. Und so sollte es auch bleiben.

Zur Person: Carl Bossard, geboren 1949, ist Gründungsrektor der Pädagogischen Hochschule Zug. Davor war er als Rektor der Kantonalen Mittelschule Nidwalden und Direktor der Kantonsschule Luzern tätig. Heute berät er Schulen und leitet Weiterbildungskurse. Er beschäftigt sich mit schulgeschichtlichen und bildungspolitischen Fragen. (cg)