Leserbrief

Es könnte sich Dankbarkeit einstellen ob dem vielen Guten

«Ich fühle mich wie in einer Zelle», Ausgabe vom 10. September

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Wenn man den Artikel liest, wird man beinahe von Mitleid gerührt, wüsste man nicht aus eigener Erfahrung, dass eine verhängte Quarantäne sich als Geschenk erweisen kann, so ironisch das für viele Menschen klingen mag. Mit vielen anderen Seniorinnen, die mir das bestätigten, erlebten diese wie ich den Lockdown als positiv: geschenkte Zeit ohne Termine, Zeit zum Inne-Werden, Ausruhen und Sein. Wir hatten wie alle ein Dach über dem Kopf, das Essen wurde von lieben Nachbarn geliefert und es fehlte uns an fast nichts, je nach Ansprüchen, die ein Mensch hat. Es könnte sich Dankbarkeit einstellen ob dem vielen Guten, das uns trotz der angeordneten Massnahmen zur Verfügung stand, im Bewusstwerden, dass dies vielen Menschen auf dieser Erde vorenthalten bleibt.

Ich habe meine kleine Wohnung nie als Gefängnis erlebt, so wie Herr Kuhn das beschreibt, sondern als Rückzugsort und Schutz, wo ich in Ruhe vieles trotzdem tun durfte. Selbst wenn man die Quarantäne in einem Hotelzimmer verbringen muss, stehen einem vieler dieser Annehmlichkeiten zur Verfügung. So müssten sich doch die aufkommenden Gefühle, wie sie bei Herrn Kuhn aufkamen, wie Ärger, Wut, Ohnmacht, beruhigen lassen.

Es gibt auf dieser Erde viele Menschen, die jahrelang in wirklichen Gefängnissen leben müssen, ungerecht, unschuldig von korrupten Machthabern verurteilt, nur weil sie für Freiheit und Gerechtigkeit einstanden. Ihnen ist der Luxus, den wir trotz Corona zur Verfügung haben, verwehrt, und ihnen gegenüber kann man echtes Mitgefühl aufbringen. Wenn wir unseren Blick weiten, sehen wir nicht nur unsere kleine Welt, sondern sind uns beispielsweise auch bewusst, dass zurzeit Millionen von Menschen an Hunger leiden und sterben und Flüchtlinge in Lagern leben müssen, die als menschenunwürdig bezeichnet werden. Diese Tatsachen lassen doch die negativen Seiten eines Lockdowns oder einer Quarantäne schrumpfen.

Im Grunde genommen zeigt Herr Kuhn Verständnis für die behördlichen Massnahmen. Anderseits bezeichnet er diese als Willkür, Schikane, fauler Zauber und plädiert an die Eigenverantwortlichkeit des Menschen. Die von vielen gepriesene Freiheit des Menschen hat mehr Schatten- als Sonnenseiten, und leider wird die kommende Generation dafür büssen müssen.

Ein Lockdown, eine Quarantäne und vielleicht auch die ganze Coronakrise könnten zu einem Umdenken und mehr Weitsicht und verantwortliches Handeln einladen. Dass sich in unserem Leben und unserer Welt etwas verändern muss, ist wohl allen klar geworden. Es war in dieser Zeit, gerade die Natur, die uns beschenkte, obwohl sie ebenfalls bedroht ist und wir so leben, als würden uns mehr als zwei Planeten zur Verfügung stehen.

Wie Herr Kuhn schildert, sind ihm in Spanien bei der Pflege seiner schwerkranken Freundin schwere Erfahrungen nicht erspart geblieben, aus denen er viel dazulernen durfte. Das zeigt doch, dass Krisen, Leiden und Verzicht auch Chancen sind, und einen Menschen verändern, dem wahren Leben näherbringen können. Jedenfalls wird Herr Kuhn, wie er schreibt, die sogenannte Freiheit geniessen können.

In diesem Sinne wünsche ich Herrn Kuhn, dass er nach dieser für ihn schwierigen Quarantänezeit vieles mit neuen Augen sehen und geniessen kann.

Claire Strebel, Hünenberg