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EXISTENZ: «Ich hatte keine andere Wahl»

Einst sass Fredi Meier für die FDP im Oberägerer Gemeinderat. Und er hatte einen guten Job als Verkaufsleiter einer grossen Firma. Seit er diesen 2012 verloren hat, ist er arbeitslos. Um nicht zum Sozialfall zu werden, verkauft er nun Snacks.
Aufgezeichnet von Rahel Hug
Mit seinem Unternehmen Easy Snack stellt Fredi Meier Snackregale für Firmen zur Verfügung und füllt diese regelmässig wieder auf. (Bild Stefan Kaiser)

Mit seinem Unternehmen Easy Snack stellt Fredi Meier Snackregale für Firmen zur Verfügung und füllt diese regelmässig wieder auf. (Bild Stefan Kaiser)

Aufgezeichnet von Rahel Hug

Das Jahr 2015 hat für mich mit einem Aufenthalt in Venezuela, der Heimat meiner Frau, begonnen. Wir haben die letzten Festtage gemeinsam dort verbracht. Ich konnte gut abschalten, wusste aber: Wenn ich nach Hause komme, geht es weiter mit der Arbeitssuche. Sie denken jetzt sicher: Der Meier kann sich eine Reise nach Venezuela leisten und macht nichts dafür. Aber ich kann Ihnen sagen: Wir haben dort sehr günstig gelebt. Ausserdem erhält man als Arbeitsloser keine Gelder für die Zeit, in der man im Ausland ist.

Mitte Januar, als wir nach Hause kamen, standen die Zeichen schlecht. Meine Frau und ich waren beide ohne Arbeit. Sie hat dann aber einige Wochen später eine Stelle als Kindermädchen angefangen, und es ging aufwärts. Ich selber habe schon länger überlegt, was ich in meiner Situation machen könnte. Ich habe gemerkt: mich immer nur zu bewerben, das klappt nicht. So kam die Idee auf, selber eine Unternehmung zu gründen. Vor vielen Jahren bereits habe ich eine Firma ins Leben gerufen. Damals bin ich gescheitert. Ich habe mir geschworen: nie wieder. Aber jetzt habe ich gemerkt, es ist die einzige Möglichkeit, die mir noch bleibt. Ich habe intensiv geschaut, was ich machen kann. Im Frühjahr 2015 ging das Geld nach über drei Jahren Arbeitslosigkeit langsam zur Neige. Dann kam die Idee des Snack-Business auf.

Das Konzept funktioniert einfach. Ich stelle die selbst gemachten Regale bei Firmen auf. Die Leute bedienen sich und werfen Geld in die Kasse. Ich fülle die Regale wieder auf, wenn sie leer sind. Die Unternehmen müssen eigentlich nichts machen, ausser ein Plätzchen zur Verfügung zu stellen.

Im Juli wurde die Idee konkret. Niemand hat mich angestellt, auch nach Hunderten Bewerbungen nicht. Deshalb habe ich die Sache selbst in die Hand genommen. Ich hatte quasi keine andere Wahl. Als Erstes habe ich zehn Regale hergestellt. Im September konnte ich dann die ersten Gestelle verteilen. Zehn Firmen besitzen aktuell ein Easy-Snack-Regal. Es läuft eigentlich ganz gut, aber man kann damit nicht reich werden. Ich habe festgestellt, dass die Akquise das Schwierigste ist. Viele Leute sind misstrauisch, weil es gratis ist. Es braucht viel Überzeugungskraft. Und: Das Ganze ist viel arbeitsintensiver, als ich gedacht habe. Das Besorgen, Aufstellen, Auffüllen und Abrechnen braucht seine Zeit.

Seit November habe ich einen Aushilfsjob als Schulbusfahrer bei der International School of Zug and Luzern. Jeweils drei Stunden pro Woche unterrichte ich Deutsch im Learning Place in Zug. Wenn man aber nicht ausgebildeter Lehrer ist, braucht man sehr viel Zeit für die Vorbereitung. Sich ein finanzielles Polster anzulegen, ist schwierig. Das Snackgeschäft zieht nur langsam an. Das ist aber vielleicht gar nicht schlecht. Man lernt aus seinen Fehlern und kann diese besser korrigieren.

Dieses Jahr hat auch in privater Hinsicht viele Veränderungen mit sich gebracht. Im Juli sind meine Frau und ich von Cham nach Oberwil gezogen. Dort hat sich für uns eine gute Gelegenheit ergeben. Wir haben jetzt mehr Platz. Ende Oktober hat eine der beiden Töchter meiner Frau geheiratet. Diese Hochzeit haben wir in Kanada gefeiert. Da habe ich eine Woche lang jemanden als Aushilfe für die Snackregale organisiert. Es hat gut funktioniert.

444 Bewerbungen habe ich innerhalb der letzten dreieinhalb Jahre geschrieben. Wenn man das erlebt hat, muss man sich eingestehen, dass alle Liebesmüh vergebens ist. Oft habe ich gehört, ich sei mit über 50 Jahren zu teuer. Das ist für mich unverständlich. Ältere Leute werden auf dem Arbeitsmarkt zu Unrecht als Kostenfaktor betrachtet.

Seit Juni bin ich nun ausgesteuert. Mein Ziel ist es, nicht von der Sozialhilfe abhängig zu werden. Ich hätte mir mein Leben zwar anders vorgestellt, aber es ist halt so gekommen. Ich will nun Gas geben. Finanziell komme ich momentan nur knapp über die Runden. Es braucht auch das Einkommen meiner Frau. Monatlich kommen durch meine Aushilfsjobs etwa 2800 Franken zusammen. Ich bin aber zuversichtlich, dass es bis Mitte nächstes Jahr etwas mehr sein wird. Dann sollen auch die Snackregale rentieren.

Die Arbeitslosigkeit hat mein Leben stark verändert. Ich hatte früher bereits keinen grossen Freundeskreis, weil ich beruflich viel unterwegs war. Seit meiner Kündigung im Jahr 2012 habe ich versucht, mit alten Bekannten wieder Kontakte zu knüpfen – ohne Erfolg. Man kommt sich dann schon komisch vor.

Ich kann mich aber nicht beklagen. Vor zwei Jahren habe ich geheiratet – trotz der Arbeitslosigkeit. Meine Frau und ich reden zwar über die schwierige Situation, haben aber gelernt, damit umzugehen. Privat geht es mir gut.

Wenn ich zurückblicke, dann stelle ich fest, dass es dieses Jahr aufwärtsgegangen ist. Ein gutes Jahr wäre zwar etwas anderes. Aber ich kann sagen, dass ich einen Weg eingeschlagen habe, der an einen guten Ort hinführt. Die Aussicht für das kommende Jahr ist nicht schlecht. Ich bin überzeugt, dass mein Geschäft wachsen kann. Ich werde aber weiterhin auf Aushilfsjobs angewiesen sein. Einen Vollzeitjob zu erhalten, das wäre wie Weihnachten und Ostern miteinander, aber mit dem rechne ich gar nicht mehr.

Ich wünsche mir für die Zukunft, dass es finanziell aufwärtsgeht. Das Snackprojekt ist quasi meine letzte Hoffnung. Wobei ich es nicht Hoffnung, sondern Zuversicht nennen würde. Diese Geschichte wird mir sicher noch einiges abverlangen. Aber das ist spannend und im Grunde positiv. Arbeiten zu können, ist nicht nur wegen des Lohns wichtig, sondern es gibt einem auch persönliche Befriedigung.

Hinweis: Infos zum Snackregal von Fredi Meier gibt es online unter www.facebook.com/Snack-Regal-Fredi-Meier-912172535499367/

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