Kolumne
«Standpunkt»: Existenzängste und Diktaturvergleiche

SP-Gemeinderätin Mara Landtwing über die Coronasituation und die Massnahmen-Demos.

Mara Landtwing, Gemeinderätin SP
Mara Landtwing, Gemeinderätin SP
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Ich habe die Hoffnung, dass die Covid-Zahlen auch nach der EM, nach den Sommerferien und bis in alle Ewigkeit tief bleiben. Hoffen darf man ja immer. Trotz des Wissens, dass der weitere Covid-Verlauf der Nation wesentlich von der Impfbereitschaft der Bevölkerung und vom Mutationsverhalten des Erregers abhängt, traue ich mich doch einigermassen positiv in die Zukunft zu schauen. Sicher ist – und das sollte uns einmal mehr bewusst geworden sein –, dass das Geschehen in der Schweiz nicht losgelöst von dem im Ausland ist. Folglich bringt Solidarität mit anderen Ländern und Vorbild-Sein einen erheblichen Eigennutzen. Das gilt sowohl bei der Impfstoffverteilung und der Bekämpfung von Fluchtursachen, als auch bei der Eindämmung der Klimaerwärmung.

Mir persönlich ist einmal mehr klar geworden, wie sehr ich schätzen kann, in der Schweiz geboren zu sein und leben zu dürfen. Das soll selbstverständlich nicht heissen, dass ich mit allem in unserem Land zufrieden bin. Ausserdem habe auch ich mich in der noch immer nicht ganz bewältigten Covid-Krise über teils widersprüchliche Aussagen aufgeregt und war mit einzelnen Entscheidungen nicht einverstanden. Nichtsdestotrotz bin ich der Meinung, dass die vom Bundesrat gewählte Strategie ein breit abgestützter und gut schweizerischer Mittelweg war und ist. Während in vielen anderen Ländern rigorose Ausgangsbeschränkungen und Kontaktverbote erlassen wurden, lebten wir in weit grösserer Normalität.

Natürlich verstehe ich die Restaurantbesitzerin oder den Spielzeugladeninhaber, welche sich ihren Lebensunterhalt lieber selber erwirtschaften, als von unzureichenden Ersatzzahlungen abhängig zu sein. Aber was wäre die Alternative gewesen? Das Virus einfach machen lassen und unzählige Einwohnerinnen und Einwohner dahinsiechen lassen, weil die Spitäler sie nicht mehr hätten aufnehmen können? Ich bin mir ziemlich sicher, dass weder die Restaurantbesitzerin noch der Spielzeugladeninhaber jetzt besser dastehen würden.

Die letzten Monate waren nicht nur von Existenzängsten und psychischer Mehrbelastung geprägt, sondern auch von sogenannten Coronademos. Letztens liefen wohl die gleichen Leute wie zuvor schon in Liestal, Altdorf oder Aarau in Zug auf. Heute erinnern zum Glück nur noch einzelne Kleberli an die Demonstration. Was mir aber im Kopf geblieben ist, sind die schamlosen Vergleiche und Aussagen der Demonstrierenden. Zum wiederholten Mal verglichen sie sich selbst mit Sophie Scholl. Zum wiederholten Mal wurde Covid-19 als Lüge bezeichnet und die Schweiz als Diktatur verschrien.

Zur Erinnerung, Sophie Scholl wurde dafür hingerichtet, dass sie dem Nationalsozialismus die Stirn bot. Covid-19 kostete Tausende Menschen das Leben und hinterlässt noch mehr Trauernde. Zur Erinnerung, während weltweit Menschen in wirklichen Diktaturen unterdrückt und gefoltert werden, können in der Schweiz unter Polizeischutz solche Demonstrationen abgehalten werden. Die Aussagen finde ich nicht nur schlimm, weil damit Opfer von Holocaust und Diktaturen verhöhnt und das Leid durch Covid negiert wird, sondern auch, weil sie zeigen, wie verzerrt Wahrnehmungen sein können und wie wenig einige Schweizerinnen und Schweizer sich ihrer Privilegien bewusst sind.

In der Kolumne «Standpunkt» äussern sich Mitglieder des Grossen Gemeinderats Zug zu frei gewählten Themen. Ihre Meinung muss nicht mit jener der Redaktion übereinstimmen.

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