Leserbrief
Falsche Rezepte gegen ein schlimmes Ereignis

«Rechtsextremismus kann man nicht mit neuen Verboten verhindern», Ausgabe vom 24. Februar

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In Hanau wurden aus rassistischen Motiven neun Menschen getötet. Es verging keine Stunde, da wurde schon nach verstärkter Überwachung gerufen. Ebenso schnell wurde gestritten, ob es nun ein rechtsextremes Ereignis sei oder nicht.

Wenige Kommentatoren merkten, dass es hier um eine ganz andere Grössenordnung ging, als um den Streit, wer mehr Gewaltpotenzial hätte– die Links- oder die Rechtsextremen. Alles drehte sich um das Stichwort Hassrede, und dass diese bekämpft werden muss. Wenn man sich die Beispiele zu Gemüte führte, war recht schnell klar, dass nicht mehr zwischen Kritik und Hass unterschieden wird. Es wurde undifferenziert auf die Populisten eingedroschen und der AfD die Schuld gegeben.

Natürlich ist dieses Attentat tragisch, aber es ist nicht damit getan, es mit Rassismus zu betiteln und zur Tagesordnung überzugehen. Verantwortungsvoll wäre es, sich grundlegende Gedanken über unsere Gesellschaft zu machen. Wenn eine Professorin des Stuart-Mills-Institutes den Freihandel zu den Freiheitswerten zählt, und jeden, der dies kritisiert, zu den Populisten zählt, merkt man vielleicht, wo das Problem liegt.

Wir haben eine Kultur, die das Liberale, das heisst die Vielfältigkeit und das Recht, anderer Meinung zu sein, mit Füssen tritt, eine Wirtschaftskultur, welche die vielen Benachteiligten des modernen Kapitalismus nicht ernstnimmt. Eine solche Gesellschaft ist der Nährboden für kranke Menschen, die zu solchen unverständlichen Mitteln greifen.

Statt mehr Überwachung zu verlangen, die nur den Irrglauben der absoluten Sicherheit schüren und keine einzige Tat verhindern kann, sollten wir aufhören, gegenseitige Schuldzuweisungen zu machen und jeden Menschen in eine Schublade zu stecken.

Wir müssen für eine gerechte freiheitlich orientierte Welt kämpfen, wir müssen den Kasinokapitalismus bekämpfen und wieder eine echte Sozialpolitik in Angriff nehmen.

Die einzige Chance, dass solche Anschläge verhindert werden können, ist, dass wir für eine gerechtere Welt kämpfen, eine Welt, in der nicht die Wirtschaft alleine zählt, sondern der Mensch. Und wir müssen uns dann bewusst werden, dass, wie es Erich Kästner treffend sagt, das Leben lebensgefährlich ist.

Wir werden nie alle tragischen Ereignisse verhindern können.

Michel Ebinger, Rotkreuz