FASTENZEIT: «Manchmal bringt Herzfasten mehr»

So mancher erlegt sich in diesen Tagen ein Regime des Verzichts auf. Doch Fasten soll keine Leistung sein, findet Priorin Simone Buchs (68) vom Kloster Heiligkreuz.

Wolfgang Holz
Drucken
Teilen
Fasten im Rahmen - nicht als extreme Erfahrung: Das empfiehlt Schwester Simone Buchs, Priorin der Klostergemeinschaft Heiligkreuz. (Bild: Werner Schelbert  / Neue ZZ)

Fasten im Rahmen - nicht als extreme Erfahrung: Das empfiehlt Schwester Simone Buchs, Priorin der Klostergemeinschaft Heiligkreuz. (Bild: Werner Schelbert / Neue ZZ)

Hatten Sie heute schon ein Zmorge, Schwester Simone?

Schwester Simone: Ja, wie immer: eine Tasse Tee und ein Butterbrot.

Müssen Sie denn nicht fasten?

Schwester Simone: Ich halte es da mit dem heiligen Benedikt, nach dessen Regeln wir im Kloster Heiligkreuz in Lindencham leben. Dieser fordert, dass man während der Fastenzeit «zur gewöhnlichen Leistung etwas hinzufügen solle: besondere Gebete, Abbruch an Speise und Trank». Im Grunde ist die Fastenzeit aber laut Benedikt nichts Ausserordentliches. Man gibt an einem Ort etwas mehr, am anderen Ort etwas weniger.

Was hat das für Konsequenzen in Sachen Essen für Sie?

Schwester Simone: Ich esse nicht immer bis zur Sättigung. Oder ich esse mal etwas, was ich eigentlich nicht so mag – wie etwa Blumenkohl. Und weniger Süssigkeiten. Auf Wein, Kaffee und Fleisch verzichte ich generell. Unsere Küche kocht eigentlich so wie immer – bis auf die Tatsache, dass es etwa einmal pro Woche zu Mittag nur eine Suppe gibt. Und dass ein gewisser Dessertverzicht herrscht.

Fasten ist also bei Ihnen im Kloster eher eine persönliche Angelegenheit?

Schwester Simone: Im Grunde ja. Jede unserer Klosterschwestern hat ihre persönliche Freiheit, selbst darüber zu entscheiden, wie viel sie fasten will. Kirchenrechtlich ist es auch so, dass man ab 60 beziehungsweise ab 65 eigentlich nicht mehr fasten muss.

Aber Jesus hat doch 40 Tage in der Wüste gefastet und dabei dem Satan entsagt?

Schwester Simone: Das ist richtig. Aber beim Fasten liegt aus religiöser Sicht nicht das Hauptgewicht auf dem Fasten selbst, sondern auf der inneren Vorbereitung auf das Osterfest. Das heisst, sich innerlich freizumachen von unnötigem Ballast.

Was heisst das genau?

Schwester Simone: Ostern ist das zentrale Fest für das Christentum, bei dem es um die Überwindung des Todes geht sowie um die Erlösung des Menschen. Deshalb sollte man sich in der Vorbereitung auf dieses Fest ganz bewusst von Äusserlichkeiten befreien, sich mehr Zeit fürs Gebet nehmen und auch mehr in religiösen Schriften lesen – etwa in der Bibel oder in Bibelkommentaren. Mit einem Krimi ist es da nicht getan.

Das bedeutet, dass Fasten auch einen spirituellen Hintergrund haben sollte?

Schwester Simone: Fasten ohne geistlichen Hintergrund ist nicht zielführend. Wenn man nur eine Fastenwoche einlegt und sich auf den reinen Verzicht auf Essen und Trinken beschränkt, kann das für den Einzelnen zwar eine spezielle Erfahrung sein. Diese beschränkt sich aber im Wesentlichen auf das Körpergefühl. Fasten soll aber keine Leistung sein, denn es gibt kein Leistungsdenken im religiösen Bereich. Ich bin persönlich schon von Natur aus gegen solche extremen Fastenerfahrungen.

Aber wenn jemand nun mal sechs Wochen aufs Bier oder die Schoggi verzichten will – ist das gut oder nicht?

Schwester Simone: Das ist gut. Weil sich jemand dann durchaus bewusst auf einen Verzicht einrichtet und persönlich mehr Selbstdisziplin erfahren will. Damit überdenkt jemand auch sein Verhalten, will eine gewisse Masslosigkeit eindämmen. Das kann auch für den Fernseh- und Internetkonsum gelten. Grundsätzlich gehört es aber auch dazu, dass andere von dem profitieren, worauf man verzichtet. Zum Beispiel, indem man an Bedürftige denkt und ein Fastenopfer spendet.

Reines Abspecken oder pure Kalorienzählerei hat also eigentlich nicht wirklich etwas mit Fasten zu tun?

Schwester Simone: Wie gesagt: Ohne Hinblick auf das Osterfest und ohne liturgisch-religiösen Hintergrund macht Fasten eigentlich keinen Sinn. Es ist dann reine Selbsterfahrung und Selbstdisziplinierung. Im Übrigen kann es manchmal auch mehr bringen, sich im Herzfasten zu üben. Das heisst, statt wochenlang auf Schoggi oder etwas anderes zu verzichten, mehr Achtsamkeit den Mitmenschen im Alltag zu schenken. Etwa einem Kollegen im Büro, den man vielleicht nicht so mag, mehr Liebenswürdigkeit und Geduld zu erweisen. Und nicht gleich auf 180 sein, nur wenn dieser ins Nastüechli schneuzt.

Und auf was freuen Sie sich persönlich am meisten, wenn die Fastenzeit vorbei ist?

Schwester Simone: Ich empfinde immer eine tiefe innere Freude, wenn in der Osternacht das Licht in die Kirchen zurückkommt.