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FEIER: Mit Recycling zum Erfolg

20 Jahre Arbeitsintegrationsmassnahme GGZ@Work – Recycling. Zum Jubiläum gibt es heute einen Tag der offenen Tür. Bei einem Rundgang lässt sich etwa erfahren, was aus unverkauften Filmen von Disney wird.
Christopher Gilb
Flüchtling Mohammed Amo baut in der Schreinerei des Programms den Palettentisch «Tutto Paletti». (Bild: Stefan Kaiser (Zug, 20. Juni 2017))

Flüchtling Mohammed Amo baut in der Schreinerei des Programms den Palettentisch «Tutto Paletti». (Bild: Stefan Kaiser (Zug, 20. Juni 2017))

Christopher Gilb

christopher.gilb@zugerzeitung.ch

Hier lagern sie also, die grossen Filme vergangener Zeiten: «Casablanca» mit Humphrey Bogart und Ingrid Bergman oder «Duell im Atlantik» mit Robert Mitchum und Curd Jürgens. Ganze Kisten im Lager der Arbeitsintegrationsmassnahme GGZ@Work – Recycling in Baar (siehe Box) sind gefüllt mit Videofilmen, andere mit DVDs, mit CDs, Kassetten oder Schallplatten. Auch diverse Filme von Disney sind darunter. «Jene, die in Schweizer Läden nicht verkauft werden konnten, kommen zu uns», erklärt die 52-jährige Betriebsleiterin Yolanda Fässler beim Rundgang. Sie ist schon seit 14 Jahren dabei. «Wir lassen dann notariell beglaubigen, dass die Datenträger vernichtet werden, und ritzen sie mit einem Messer ein, sodass sie nicht mehr verwendet werden können.» Die Filme extra in Baar fürs Recycling vorbereiten zu lassen, koste die Firma Disney zwar Geld, die Alternative dazu sei aber, sie zu verbrennen, was auch etwas koste.

In einem grossen Raum im ersten Stock des Hauptgebäudes auf dem Areal wird der Inhalt der Kisten in seine Einzelteile zerlegt. «Hier fangen alle Teilnehmer an. Haben sie sich bewährt, können sie dann in andere Bereiche wechseln», sagt Fässler. Denn die Arbeit in diesem Raum könne jeder ausführen, ob körperlich eingeschränkt oder mit ausbaufähigen Deutschkenntnissen. Die Aufgabe ist es, die DVD-Hülle vom Papier zu trennen oder die Videokassette in ihre Bestandteile zu zerlegen. «Aus den DVD-Hüllen werden später beispielsweise Kabelrohre für die Baustelle hergestellt.»

Am Dienstag wird weniger lang gearbeitet

Es ist Dienstag, 15 Uhr. Die derzeit 86 Beschäftigten im Betrieb – davon rund die Hälfte Flüchtlinge mit vorläufiger oder definitiver Aufenthaltsbewilligung – haben gerade eine viertelstündige Nachmittagspause. Neun Arbeitsagogen und Gruppenleiter sind für die Betreuung der Teilnehmer zuständig. Einer der Gruppenleiter ist SP-Kantonsrat Rupan Sivaganesan aus Zug. «Am Dienstag wird jeweils weniger lang gearbeitet, da am Nachmittag im Untergeschoss die wöchentliche Lebensmittelabgabe von ‹Tischlein deck dich› stattfindet», erklärt die Betriebsleiterin.

Neben dem Raum fürs Trennen der Artikel befindet sich das Nähatelier. «Ein Produkt von hier, das mit uns in Verbindung gebracht wird, ist der Baginbag.» Sie zeigt auf eine Tasche, die eine weitere kleine Tasche beinhaltet, die abgenommen werden kann. Hergestellt wird sie aus Gleitschirmstoff, der nach einer gewissen Nutzungsdauer zum Gleiten nicht mehr verwendet werden darf. Im Nähatelier würden auch viele ausländische Männer arbeiten. «Einige der Flüchtlinge haben in ihrer Heimat als Schneider gearbeitet, wo dies als Männerberuf verbreiteter ist.» Der Begriff Recycling sei für etliche von ihnen anfänglich etwas Fremdes. «Sie hören bei uns oft zum ersten Mal etwas von Mülltrennung.» Die sie zu schätzen lernen würden, so Fässler. «Sie bedanken sich dann, weil sie Geld sparen, da sie nicht mehr alles in die Müllsäcke hineinstopfen und somit weniger davon brauchen.»

Zwei Drittel sind selbst finanziert

Verkauft werden die recycelten Produkte in den beiden Secondhandläden der Integrationsmassnahme, wo auch Kleider verkauft werden. Jener auf dem Areal wurde dieses Jahr vergrössert. «Rund ein Drittel des Gesamtaufwandes von GGZ@Work wird durch die Leistungsvereinbarungen mit Kanton und Gemeinden gedeckt, den Rest müssen wir aber selber finanzieren. Eine grössere Verkaufsfläche solle dazu beitragen», sagt Yolanda Fässler. Es sei zwar schön, so viele hochwertige Kleider zu erhalten, es mache sie aber auch nachdenklich. «Teilweise sind Kleider in den Säcken, an denen noch das Etikett hängt und die noch nie getragen wurden.» Es handle sich dabei grösstenteils um Frauenkleider.

Auch eine Holzwerkstatt gibt es auf dem Areal. Sie wurde erst dieses Jahr eröffnet. Davor wurden die Schreinerarbeiten in einem kleinen Container erledigt. In Sachen Holz setzt der Betrieb auf Europaletten. «Jemand, der sich hier zum Arbeitsagogen ausbilden lässt, hat seine Projektarbeit zu Möbeln aus Paletten gemacht. Seitdem bieten wir diese unter dem Namen ‹Tutto Paletti› an.» Fürs Jubiläumsfest heute (siehe Hinweis) wurde extra eine kleine Lounge aus Palettenmöbeln aufgebaut, in der die Gäste verweilen können. «Hier in der Schreinerei finden wir auch raus, was die Leute wirklich können. Wenn jemand etwa sagt, er habe in seiner Heimat als Schreiner gearbeitet, können wir hier in der Praxis prüfen, ob sein Können dem eines Schweizer Schreiners entspricht oder eben nicht. Denn die Erfahrung zeigt, dass der gleiche Beruf in vielen Ländern etwas völlig anderes bedeutet», sagt Yolanda Fässler.

Rund 10 Prozent finden eine Stelle

Normalerweise befinden sich die Stellensuchenden ein Jahr im Programm. «Bei Einzelnen wird aber verlängert, zum Beispiel, wenn man merkt, dass sie aufgrund ihrer Sprachkenntnisse noch nicht reif für den Arbeitsmarkt sind», erklärt Fässler. Für die Arbeitsintegrationsmassnahme erhalten die Teilnehmer dann ein Zeugnis. Doch längst nicht alle finden aus den Massnahmen heraus oder im Anschluss gleich einen Job. «Immer wieder gibt es tolle Fälle, diese sind wichtig. Aber insgesamt sind es bloss etwa 10 Prozent der Beschäftigten, bei denen es sofort klappt.»

Gerade kommt ein ehemaliger Flüchtling in die Schreinerei. Er hat vor einigen Jahren schon einmal an der Massnahme teilgenommen. Zwischenzeitlich habe er ein Praktikum gemacht und dann auf Abruf stundenweise in der Gastronomie gearbeitet. Nun sei er aber nicht mehr benötigt worden und wieder arbeitslos. «Habe eben keine Ausbildung», sagt er. Als er weggeht, kommentiert Yolanda Fässler: «Wenigstens vier Jahre hatte er einen Job im ersten Arbeitsmarkt, das ist doch schon mal was.»

Nie eine Ausbildung gemacht

Viele der Teilnehmer, die keine Flüchtlinge seien, hätten beispielsweise psychische Probleme oder körperliche Einschränkungen, was schon mal ihre Chance auf eine Anstellung beschränke. Andere hätten, oft ihr Leben lang, ungelernt beim gleichen Arbeitgeber gearbeitet. «Sie arbeiteten auf der Baustelle, und jetzt mit 50 Jahren oder mehr müssten sie sich umorientieren, das ist schwierig», sagt Fässler. Einer dieser Teilnehmer «ohne signifikante Chance» auf dem Arbeitsmarkt dürfe deshalb bis zu seiner Frühpensionierung als Fahrer im Betrieb bleiben und müsse dann keine Bewerbungen mehr schreiben. «Er ist ein pflichtbewusster Typ und gibt sich so Mühe und erhält trotzdem nur Absagen, das hat ihn sehr frustriert. Falls er aber trotzdem etwas findet, kann er natürlich in den ersten Arbeitsmarkt wechseln.»

Bei den Flüchtlingen wiederum seien die Sprache und die Disziplin entscheidend. Wenn es mit diesen beiden Eigenschaften klappe, dann sei die Chance auf eine Anlehre, ein Praktikum, eine Temporär- oder Festanstellung intakt.

Hinweis

Von 10 Uhr bis 15 Uhr ist heute Samstag bei GGZ@Work – Recycling an der Altgasse 46b in Baar Tag der offenen Tür. Die Arbeitsbereiche können frei besichtigt werden. Es findet eine Ausstellung zum Thema «Abfall ist wertvoll» statt, und in der Werkstatt heisst das Thema «Fremde Kulturen mit traditionellem Handwerk». Auch für das kulinarische Wohl sowie Spiel und Spass ist gesorgt.

GGZ@Work – Recycling

Der Betrieb startete 1997 und gehört zu GGZ@Work, einer Institution des Vereins Gemeinnützige Gesellschaft Zug. Eines der ersten Angebote war das ‹Rösslitram›, mit dem heute auf vier Touren durch Baar «mit Ross und Wagen» diverse recycelbare Materialien eingesammelt werden. Zudem verfügte der Betrieb über einen Werkraum an der Altgasse 50 in Baar. Damals hatte das Projekt eine 50-Prozent-Leitungsstelle und vier Klienten. Mit den Jahren wurde er immer grösser. Im Jahr 2000 wurde etwa der Baarer Veloverleih übernommen. 2004 erfolgte der Umzug an die Altgasse 46b in Baar. Zwischenzeitlich umfasst das Angebot unter anderem einen Recyclingbetrieb, einen Biogarten, eine Schreinerei und eine Velowerkstatt. Auch wird die Gehwegreinigung in Baar übernommen. (cg)

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