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FESTIVAL: Beobachtungen aus dem Irrenhaus

Die Zuger Hardcore-Band Mindcollision hat die Schweiz auf grosser Bühne in Deutschland vertreten. Unsere Zeitung hat den Roadtrip mitgemacht.
Die Band: DJ Freddy K alias Cédi Guldin, Sänger Mitch Schuler, Bassist Willy Kläy, Gitarrist André Murer und Drummer Patrick Boog (von links) nach ihrem Auftritt auf der Hauptbühne. (Bild: PD)

Die Band: DJ Freddy K alias Cédi Guldin, Sänger Mitch Schuler, Bassist Willy Kläy, Gitarrist André Murer und Drummer Patrick Boog (von links) nach ihrem Auftritt auf der Hauptbühne. (Bild: PD)

Raphael Biermayr, Oberhausen

Auf der Feuertreppe der Turbinenhalle in Oberhausen (D) führen ein paar angetrunkene Männer ein irrwitziges Gespräch. Zusammengefasst geht es um die Frage, ob es besser wäre, den Körper seiner Mutter und den Geist seiner Freundin zu haben oder umgekehrt. Die danebenstehenden Bandmitglieder von Mindcollision haben dafür kein Gehör mehr. Sie stecken im Konzentrationstunnel, an dessen Ende der bevorstehende Auftritt am Impericon Festival steht. Es wird der grösste in der bisherigen Karriere der 2002 gegründeten Zuger Gruppe.

Wenige Stunden zuvor konnte man dem Gesicht von Gitarrist André Murer ablesen, was dieser Anlass für die Combo bedeutet. Bei der Besichtigung der riesigen Anlage – ein Relikt der stolzen Industriegeschichte der Gegend – trägt Murer ein nervöses Grinsen. «Diese Halle ist einfach nur geil», heisst der Satz dazu, der den Ausdruck aber nur unzureichend wiedergibt. Mindcollision sind überraschend auf der Hauptbühne eingeteilt worden, als Opener, als erste Gruppe des Festivals also. Bis zu 4000 Menschen könnten vor ihnen auftauchen. Bislang spielte die Gruppe vor maximal 500 Zuschauern und noch nie ausserhalb der Schweiz.

Den Auftritt in Oberhausen haben sie dem zweiten Platz in einer Internet­abstimmung zu verdanken, für die sich 450 Bands beworben hatten.

Luxus in Menschengestalt

Das Festival spricht Menschen an, die auf orchestrierten Krach stehen und die augenscheinlich weniger die verbale Botschaft interessiert als vielmehr die Art, wie sie musikalisch transportiert wird. Der Bass grollt sich in die Magengrube, und die Schlagzeugbecken schmerzen in den Ohren, die nur bei den wenigstens ungeschützt bleiben.

Einer, der entscheidet, welcher Bandteil wann wie laut ist, ist Mike Frey. Der Techniker der Zuger Galvanik begleitet Mindcollision seit langem und ist eigens für diesen Auftritt eingeflogen worden. Er ist der einzige Luxus, den sich die Band gönnt. Denn im Gegensatz zu anderen Formationen an diesem Festival ist die Musik für die Zuger reine Leidenschaft.

Die fünf Interpreten im Alter von 20 bis 34 Jahren aus dem Kanton Zug sind in ihrem Hauptleben Zimmermann (Bassist Willy Kläy), Grafikdesigner (Drummer Patrick Boog), Webprogrammierer (Gitarrist André Murer), Sprachschulangestellter (DJ Cédi Guldin) und Elektroplaner (Sänger Mitch Schuler). Die Amateurhaftigkeit hilft beim Geniessen, schadet aber dem Durchdenken. Dass die Band sich um keinerlei Werbeauftritte ausserhalb des Festivals bemüht hat, moniert Roman Albisser. Er ist einst mit der Zuger Rockband Redeem durch Europa getourt und verfügt so über eine grössere Erfahrung.

Albisser hat Mindcollision mit weiteren befreundeten Unterstützern, die für die Dokumentation und die Organisation zuständig sind, nach Oberhausen begleitet. Die Anfahrt im grünen Minibus mit Anhänger, die beim Proberaum in der Hünenberger Stadelmatt ihren Anfang genommen hatte, dauerte zwölf Stunden – der Sponsoringbeitrag von Baarer Bier zeitigte mehr Halts als geplant. Auf der Fahrt war der Auftritt vom nächsten Tag noch weit weg. Ein teurer Rotlichtblitzer sorgte für frühe Ablenkung. Erst spätabends war das Impericon Festival wieder das bestimmende Thema. Der kostenlose WLAN-Zugang liess die Gruppe im sonst ausgestorbenen McDonald’s über Handybildschirme wischen. Auf diesen leuchteten die in den sozialen Medien formulierten Erwartungen der Besucher und der Organisatoren auf.

«Todeswand» als Dank

Diese Erwartungen erhalten Gesichter, als die Band die Bühne betritt. Es sind nicht so viele wie von ihr erhofft. Die Auftrittszeit am frühen Nachmittag und die Unbekanntheit rächen sich. Genau 29 Minuten haben die Zuger Zeit, die grösstenteils tätowierte und/oder ohrgepiercte Menge für sich einzunehmen. Nach einer Angewöhnungszeit gelingt das offensichtlich. In dieser Musikszene zeigt sich wahre Anerkennung nicht in Form von Applaus, sondern einer sogenannten «Wall of Death»: Auf Kommando des Sängers stürzen Menschen in einem zuvor gebildeten Leerraum aufeinander zu, Arme, Beine und Hälse von Hünen verkeilen sich mit denen von Grazien – die Halle wird zum Irrenhaus mit freiwilligen Bewohnern.

Besuch eines Stars

Die letzten drei Minuten lässt die Band die Instrumente ruhen. Sie posiert dramatikbewusst für die Aufnahme, die diesen Artikel illustriert, und geniesst die Atmosphäre. Dann ist die knappe halbe Stunde Ruhm vorbei. Dieser könnte jedoch nachhaltig sein: Der Organisator eines anderen Festivals hat bereits sein Interesse an Mindcollision bekundet. Und später wird mit Frankie Palmeri, dem Frontmann von Emmure, einer der Stars der Szene die Kollegen besuchen und sich CDs kaufen.

Mit dem Abtritt von der Bühne fällt der Druck von den Zugern ab. Patrick Boog bemerkt nun das Pochen im kleinen Finger, den er sich beim Spielen blutig geschlagen hat. Die aufgekratzte Stimmung der Bandmitglieder, die von einer kleinen aus der Schweiz angereisten Fangruppe gefeiert wird, mündet unter Alkoholeinfluss in eine Collage aus Anekdoten. Sie handeln von einer verloren geglaubten Hose, dem verschollen geglaubten Gitarristen, dem blindwütigen Aktionismus des Tourmanagers und der strapazierten Gutmütigkeit des Hotelrezeptionisten.

Kurzum: Die Band macht ihrem Namen alle Ehre.

Hinweis

Mindcollision sind in der Nähe das nächste Mal am 21. Mai zu hören. Als eine von vier Bands treten die Lokalmatadoren im Rahmen des Noise-Fests in der Zuger Galvanik auf. Weitere Informationen unter www.galvanik-zug.ch

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