Zum Fiebermessen in die Arena

Redaktor Marco Morosoli zu den wiedererlangten aber eingeschränkten Freiheiten als Eishockey- und Bahnfan.

Marco Morosoli
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Redaktor Marco Morosoli

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Pd

Was habe ich beim Coronavirus-Stillstand mehr vermisst: Zug fahren oder Eishockeyspiele geniessen? Ersteres geht jetzt eine Mund- und Nasenbedeckung tragend praktisch wieder uneingeschränkt. Beim Eishockey ist es komplizierter: Wer in die Arena will, muss Fieber messen, die Ticketbestätigung wie auch die Identitätskarte vorzeigen und mitgebrachte Behältnisse checken lassen. Getränke und Esswaren sind in der Arena nur sitzend zu geniessen. Wie das Regime in der Meisterschaft aussieht? Noch hat niemand einen Plan.

Die Unsicherheit hat derzeit Hochkonjunktur. Gefragt ist Flexibilität und Demut. Aufbegehren gegen Anordnungen ist Energieverschwendung. Eine Maskentragepflicht in der Bossard-Arena deshalb auch keine Freiheitsberaubung. Es gibt zwei Optionen: Ich füge mich, oder ich lasse es bleiben. Mehr ist nicht.

Ich habe nicht immer so gedacht und gab gerne den Rebellen, dessen Frustpegel schon stieg, wenn er eine Warteschlange erblickte. Die Coronavirus-Pandemie fordert viel zu viele Opfer. Wir bisher Unversehrten haben aber die einzigartige Chance viel weniger Gas gebend durchs Leben zu gehen. Schnell, schnell ist Geschichte, wenn selbst das Richten der Brille ohne Termin schwierig ist. Ich habe deshalb ein Planungsinstrument reaktiviert, zu dem mich einst eine weise Frau animiert hat: das Drehbuch des Tages. So sehe ich, was möglich und wo Entschleunigung angesagt ist. Dieses Lebensprotokoll ist noch nicht perfekt, aber ich arbeite daran. Jeden Tag. Es ist eine wahre Freude. Ich lerne, die inneren Stimmen mundtot zu machen, die mir ständig einreden, ich müsse noch mehr leisten und bei mir ein schlechtes Gewissen erzeugen wollen. Es ist ein harter Kampf, diese üblen, hässlichen Nichtsnutze aus meiner Einflusssphäre zu verbannen. Ich lasse auch hier nicht locker.

Dieser Prozess gibt meinem Leben einen neuen Drall. Ich stehe für das ein, was mir wichtig ist. Das ist keinesfalls egoistisch, sondern ein Ausdruck von Wertschätzung. Wenn ich bei einer Fahrt in den Süden die Kirche von Wassen erblicke, werden bei mir Erinnerungen wach. Diese aktivieren die Tränendrüsen. Heute brauche ich hinterher kein Nastuch mehr. Ich trage ja eine Gesichtsmaske.