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FINSTERSEE: Das «Dörfli» kämpft um seine Schule

Der Gemeinderat will den Schulstandort im Weiler aufgeben. Dort befürchtet man, dass damit die letzte Lebensader versiegt.
Rahel Hug
Postkartenidylle: der Menzinger Ortsteil Finstersee. (Bild Stefan Kaiser)

Postkartenidylle: der Menzinger Ortsteil Finstersee. (Bild Stefan Kaiser)

Es ist ruhig in Finstersee an diesem kalten Wintermorgen in den Sportferien. Die Sonnenstrahlen glitzern im Schnee, von den Eiszapfen an den Dächern tropft das Wasser. Da und dort hört man Kuhglocken bimmeln. Idylle pur. Doch im 394-Seelen-Weiler, von seinen Bewohnern liebevoll «Dörfli» genannt, brodelt es unter der Oberfläche. Und zwar seit einem Info-Anlass im Dezember, an dem der Menzinger Gemeinderat kommunizierte, dass er den Schulstandort Finstersee aufgeben will. Nach dem Verschwinden des Dorfskilifts schloss Ende der Neunzigerjahre das Lädeli mit Poststelle. Seit vergangenem August ist auch das Restaurant Luegisland geschlossen. Verkommt die Ortschaft an der Kantonsgrenze immer mehr zum Schlafdorf?

Soziales Konstrukt geht verloren

«Ich glaube, der Gemeinderat ist sich nicht bewusst, was er mit seinem Entscheid ausgelöst hat», sagt Silvia Capol. Die 57-jährige Architektin lebt seit 1997 in Finstersee und ist in der CVP Menzingen aktiv. Die Neuigkeit habe viele Finsterseer betroffen gemacht. «Dass wir bei diesem Prozess nicht miteinbezogen wurden, kann ich nicht verstehen.» Für Silvia Capol, deren mittlerweile erwachsene Kinder teils in Finstersee, teils in Menzingen zur Schule gingen, ist klar: Wird dem Dorf die Schule weggenommen, geht ein soziales Konstrukt verloren, das man nicht so einfach wieder aufbauen kann. Denn: «Die Mischklasse von der ersten bis zur vierten Klasse hat Vorbildcharakter. Eine solch familiäre Struktur findet man wohl nirgends sonst in einer Schule.»

Die Finsterseer fühlen sich aktuell von den Menzingern im Stich gelassen. Ob das damit zu tun habe, dass der Ort im Gemeinderat nicht vertreten ist? Silvia Capol glaubt das nicht: «Wir sind politisch schon involviert – beispielsweise in der Schulkommission. Diese wurde beim Entscheid einfach nicht mit einbezogen.»

Aktives Vereinsleben

Auch Edgar Schuler ist enttäuscht über den Beschluss des Gemeinderats. Seine drei Kinder besuchen gemeinsam mit 15 anderen Kindern die über 200-jährige Schule im Ort. «Die Schule ist hier das verbindende Element», sagt der 39-Jährige, der selber bereits hier die Schulbank drückte und als Bauleiter bei der im Ort ansässigen Zürcher Holzbau AG arbeitet. Schuler betont, dass der Schulhausplatz und das ganze «Dörfli» wie ein grosser Kinderhort funktionieren. «Hier spielen Cousins und Geschwister miteinander, die Älteren passen auf die Jüngeren auf.» Edgar Schuler ist als Präsident auch im Skiclub Finstersee aktiv. Der Verein hat seit längerem konstant etwa 120 Mitglieder. Im «Dörfli» sei die Vereins- und Gesellschaftskultur generell sehr lebendig. Die über 80-jährige 1.-August-Tradition, die Roratefeier im Advent, der auf Freiwilligenbasis geschaffene «Rossmattli-Spielplatz» und das Familienfussballgrümpi sind nur einige der Anlässe, die Edgar Schuler aufzählt. Mit der Kirchgenossenschaft und der Wassergenossenschaft dürfe der Ort auch auf eine eigenständige Infrastruktur stolz sein. Und doch glaubt Schuler, dass die Gefahr, dass es in Finstersee tatsächlich finster wird, besteht – denn die Schule und ihre Umgebung spielten bei vielen Anlässen eine wichtige Rolle.

Aktiv sei in Finstersee auch das Gewerbe, sagt Seby Elsener. Er ist Geschäftsführer der Schreinerei Elsener, die seit rund 65 Jahren im Ort ansässig ist. «Die hiesigen Gewerbler haben sich zum Standort bekannt und führen ein sehr gutes Einvernehmen», betont Elsener. In Finstersee gebe es rund 20 aktive und teils auch hier wohnhafte Gewerbler sowie etwa 15 Landwirtschaftsbetriebe.

«Es ist uns ein grosses Anliegen, dass hier ein Treffpunkt bestehen bleibt.» Seby Elsener, Verwalter «Luegisland» (Bild: PD)

«Es ist uns ein grosses Anliegen, dass hier ein Treffpunkt bestehen bleibt.» Seby Elsener, Verwalter «Luegisland» (Bild: PD)

Neue Nutzung angestrebt

Der 55-jährige Vater von fünf Kindern ist mit der Geschichte des Weilers bestens vertraut. Als Verwalter der Liegenschaft Luegisland» weiss er auch, dass es ein Gastronomiebetrieb in einem so kleinen Ort nicht leicht hat. Seby Elsener betont, dass man längerfristig eine neue Nutzung mit verschiedenen Eigentümern anstrebe. Die Neuausrichtung wäre wohl auch mit einem grösseren Umbau verbunden. «In diesem Rahmen wünschen wir uns einen öffentlichen Teil, zum Beispiel mit einem speziellen Restaurantbetrieb.» Für die Übergangszeit werden bereits jetzt die Gaststube, der Seminarraum und das Stübli für verschiedene Events aktiv vermietet. «Es ist uns ein grosses Anliegen, dass hier ein Treffpunkt, in welcher Form auch immer, bestehen bleibt», so Elsener.

«Der Gemeinderat ist sich nicht bewusst, was er mit seinem Entscheid ausgelöst hat.» Silvia Capol, Architektin und CVP-Mitglied (Bild: PD)

«Der Gemeinderat ist sich nicht bewusst, was er mit seinem Entscheid ausgelöst hat.» Silvia Capol, Architektin und CVP-Mitglied (Bild: PD)

Ein Treffpunkt ist im Ort auch die Schule. Sowohl für Schuler wie auch für Capol und Elsener ist klar: Sie wollen für den Schulstandort kämpfen. «Finsterseer wären nicht Finsterseer, wenn sie sich nicht dagegen wehren würden», sagt Silvia Capol. Und Edgar Schuler fügt an: «Das ‹Dörfli› liegt uns einfach am Herzen.» Gekämpft wird inzwischen auch auf politischer Seite. Die Alternative-die Grünen haben gestern eine Interpellation zum Thema eingereicht.

«Die über 200-jährige Schule im «Dörfli» ist das verbindende Element.» Edgar Schuler, Präsident Skiclub Finstersee. (Bild: pd)

«Die über 200-jährige Schule im «Dörfli» ist das verbindende Element.» Edgar Schuler, Präsident Skiclub Finstersee. (Bild: pd)

Bevölkerung leicht gewachsen

Am Herzen scheint der Ort auch der jungen Generation zu liegen. So sagt beispielsweise der 21-jährige Ezra Truncellito, dass es ihm in Finstersee gut gefalle. Der Kantonsschüler lebt seit vier Jahren mit seiner Familie hier. «Abgesehen von der Verkehrsanbindung bin ich sehr zufrieden und könnte mir vorstellen, auch später weiterhin hier zu wohnen», sagt er.

Die Bevölkerung im Ort ist laut Angaben der Einwohnerkontrolle in den vergangenen Jahren tendenziell sogar leicht angewachsen. Dass das Ländliche, Abgeschiedene für viele ein Pluspunkt ist, beweist Katia Berchier. Die 34-jährige Rechtsanwältin zieht im Sommer mit ihrer Familie von Menzingen ins «Dörfli». «Wir waren auf der Suche nach einem Eigenheim. So abgelegen, wie viele meinen, ist es in Finstersee gar nicht», sagt die junge Mutter.

Und was sagt man in Menzingen zu der Enttäuschung in Finstersee über den Schulbeschluss? Bei seinen Entscheiden berücksichtige der Gemeinderat alle Ortsteile als Gesamtes, sagt Gemeindepräsident Peter Dittli – und betont, dass es ihm wichtig sei, dass der öffentliche Gemeinschaftsraum im Schulhausanbau und der Spielplatz in Finstersee auch in Zukunft erhalten bleiben. «Der Gemeinderat hat im Januar beschlossen, eine gemeinsame Begleitgruppe mit drei bis vier Finsterseern zu bilden.»

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