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FINSTERSEE: Es ist eine Frage des Willens

Ein Leitartikel zur Abstimmung über die Schliessung der Schule Finstersee vom 4. März
Rahel Hug
Rahel Hug, Stv. Chefredaktorin

Rahel Hug, Stv. Chefredaktorin

Wenn Menschen Entscheidungen fällen, sind sie oft zwischen Kopf und Herz hin- und hergerissen. Der Kopfentscheid steht für das Vernünftige, dem harte Fakten zugrunde liegen. Das Herz bringt die emotionale, menschliche Komponente ein. Ein Zwiespalt, der sich auch bei der Urnenabstimmung über die Schliessung der Schule Finstersee vom 4. März zeigt.

Nach einem langen Hin und Her will der Menzinger Gemeinderat die Frage nach der Zukunft der Schule im «Dörfli» ein für alle mal klären. Er empfiehlt eine Schliessung der Schule im Sommer 2019. Die FDP und die SVP unterstützen das Vorgehen des Gemeinderats, die CVP empfiehlt ein Nein zur Schliessung. Die Grünen haben keine Parole beschlossen. Der Widerstand kommt vor allem aus Finstersee, doch auch in den anderen Ortsteilen der Berggemeinde gibt es kritische Stimmen, wie zahlreiche Leserbriefe aus den vergangenen Wochen zeigen.

Der Gemeinderat argumentiert unter anderem mit den Finanzen. Eine separate Schule für so wenige Schüler – in Finstersee werden derzeit 13 Kinder unterrichtet – zu führen, sei finanziell nicht tragbar. Der kantonale Richtwert liegt bei 18 Schülerinnen und Schülern pro Klasse. Die Schülerzahlen in ganz Menzingen sind in der Vergangenheit gesunken: von 530 im Schuljahr 2006/2007 auf 414 zehn Jahre später. Dies im Unterschied zu anderen Zuger Gemeinden wie etwa Risch oder Baar, die ein starkes Wachstum verzeichnen und ihre Schulen ausbauen müssen. Der Menzinger Gemeinderat sieht in Finstersee also Sparpotenzial: Die Ausgaben für die Lehrergehälter und die Hauswartung belaufen sich auf jährlich 160 000 Franken. Wiederkehrende Kosten, die bei einer Schliessung wegfallen würden. Die beiden fest angestellten Lehrpersonen könnten laut dem Gemeinderat in Menzingen unterrichten und andere Angestellte mit befristeten Arbeitsverträgen ablösen.

Das 1949 gebaute Gebäude ist ausserdem baulich in einem schlechten Zustand. Ein externes Planungsbüro schätzt die Kosten für eine Sanierung auf rund 1,7 Millionen Franken. Das ist viel Geld für eine Gemeinde wie Menzingen, die beim Zuger Finanzausgleich zu den Nehmergemeinden gehört. Die Exekutive möchte dieses Geld vielmehr im Zentrum investieren – dort, wo die Schulstrukturen gebündelt werden sollen. Die Schüler aus Finstersee, so ist man im Rathaus überzeugt, könnten im Ortsteil Menzingen die erste bis vierte Klasse besuchen, ohne dort die optimale Klassengrösse von 18 Schülern zu gefährden. Weiter stünden ihnen dort sämtliche Angebote wie etwa die Musikschule, die Schulsozialarbeit oder der Mittagstisch zur Verfügung, argumentiert der Gemeinderat.

Für den Verein Finstersee.ch, der sich gegen die Schliessung stellt, sind diese Erklärungen nicht verständlich. Im «Dörfli», so das Gegenkomitee, könnten die Kinder aus den Aussenhöfen um Finstersee das Schulhaus gefahrlos zu Fuss oder mit dem Velo erreichen. Die Schule in der nahen Umgebung sei für sie Lebensmittelpunkt und Heimat. Dazu kommt die lange Tradition der Finsterseer Schule. Seit 1808, also seit 210 Jahren, wird hier unterrichtet. Die Schule, so die Bewohner, sei zusammen mit der Kirche ein Erkennungsmerkmal, mit dem sich der Ort identifiziert, und eine wichtige Lebensader. Viele befürchten, der 400-Seelen-Weiler könnte ohne Schule zum Schlafdorf werden.

Dazu kommt der integrative Charakter der Dorfschule, in der vier Jahrgänge zusammen am Unterricht teilnehmen. An der von Vertretern aus Finstersee organisierten Podiumsveranstaltung von Ende Januar erklärte Catherine Scherer, die langjährige Lehrerin in Finstersee, wie eng die Verbindungen zwischen der Schule und den Vereinen sind, und vor allem, wie die Schüler mit verschiedenen Projekten das gesellschaftliche Leben in Finstersee prägen. Carl Bossard, Gründungsrektor der PH Zug, strich den besonderen Wert von Gesamtschulen wie jener in Finstersee hervor: Strukturen, die die Gemeinschaft fördern, seien in der heutigen Zeit sehr wichtig.

Eine Schulschliessung ist, nüchtern betrachtet, auf jeden Fall vernünftig. Die Schülerzahl hat eine kritische Grenze erreicht, das wissen auch die Einwohner von Finstersee. Eine Sanierung für 1,7 Millionen Franken erscheint im Vergleich zu anderen Projekten in Menzingen unverhältnismässig teuer. Das sagt der Kopf. Doch das Herz fragt: Ist es wirklich richtig, einem Ort am Rande der Gemeinde und am Rande des Kantons das wegzunehmen, was ihn überhaupt erst ausmacht? Den Kern, den alle so gern haben, der das gesellschaftliche Leben antreibt?

Das Dilemma ist offensichtlich. Doch in Finstersee gehen nach wie vor 13 Kinder zur Schule. Das ist zwar wenig, aber nicht zu wenig. Und bei einem Richtwert handelt es sich nicht um eine verbindliche Vorgabe. Ausserdem gibt es zurzeit keine Anzeichen, dass die Schülerzahlen in Finstersee weiter sinken werden. Eine Sanierung des Schulgebäudes ist dringend nötig – doch das ist sie auch, wenn das Areal (wie es der Gemeinderat verspricht) auch später «identitätsstiftend» genutzt werden soll. Ob sie wirklich 1,7 Millionen Franken kosten muss und keine günstigere Variante in Frage kommt, sei dahingestellt.

Ob sich eine Gemeinde wie Menzingen eine kleine Dorfschule leisten kann, ist nicht die Frage. Die Frage lautet, ob sie es sich leisten will.

Rahel Hug

rahel.hug@zugerzeitung.ch

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