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Leserbrief

Flüchtlinge 1968 und 2018

«Das Ende eines Traums», Ausgabe vom 18. August sowie weitere Texte

Willkommen 1968! Die Ankunft der tschechischen Flüchtlinge im Spätsommer und Herbst habe ich hautnah miterlebt. Die meisten kamen völlig legal mit einem Touristenvisum – was auch einige Wochen nach dem 21. August noch möglich war. Sie überquerten per Flugzeug, Bahn und Privatauto gefahrlos die Grenze. Nach Ablauf des Visums ersuchten sie um politisches Asyl, was ihnen fast immer ohne lange Recherchen auch gewährt wurde. Komplizierter wurde es erst später, was mir übrigens wegen meiner Kontakte zu den tschechischen Behörden eine der berühmt-berüchtigten Fichen eintrug.

Die positive Willkommenskultur bei Privaten und Behörden hatte mindestens drei Gründe:

Die Richtung des Flüchtlingsstromes war ein lebendiger und nicht zu widerlegender Beweis der Überlegenheit unseres Wirtschafts- und Sozialsystems gegenüber dem von der Sowjetunion beherrschten Ostblock.Die Zahl der Flüchtlinge war begrenzt und überschaubar. Man wusste von Anfang an, dass die Grenze binnen kurzem wieder geschlossen würde, und dass sich in Westeuropa niemand dagegen wehrt.In der Schweiz bestand immer noch ein schlechtes Gewissen wegen der Flüchtlingspolitik im Zweiten Weltkrieg. Davon hatten 12 Jahre zuvor auch schon die ungarischen Flüchtlinge profitiert.

50 Jahre später: Grenze zu! Wer sich dagegen sträubt, wird spätestens mit den bevorstehenden Wahlen abgestraft. Erinnern wir uns an die oben vorgebrachten Argumente:

Die heutigen Flüchtlingsströme sind der lebendige Beweis der Fehlerhaftigkeit und Marodie des globalen Wirtschafts- und Sozialsystems. Nach dem Zusammenbruch des europäischen Kommunismus verliert das kapitalistische System mehr und mehr die soziale Komponente. Trotz oder vielleicht sogar wegen allen Geredes um Chancengleichheit und freie Marktwirtschaft werden die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer. In grossen Teilen der Welt gibt es tatsächlich keine (!) wirtschaftlichen Perspektiven.Da viel zu wenige Anzeichen einer grundsätzlichen wirtschaftspolitischen Neuausrichtung absehbar sind, ist auch kein Ende des Flüchtlingsstromes zu erwarten. Im Gegenteil: Für jeden Flüchtling, den wir hereinlassen, warten drei neue an der Grenze.Die Weltkriegsgeneration ist unterdessen weggestorben. Entsprechend ist auch die Bereitschaft gestiegen, in der Diskussion und mit dem Stimmzettel Meinungen zu unterstützen, wie sie ein vor 73 Jahren verstorbener Diktator auf die Spitze getrieben hat.

Dazu nur ein Detail: Zum 50-jährigen Jubiläum der Zerschlagung des Prager Frühlings gibt es tatsächlich auch in Prag einige gewichtige Stimmen, welche die damalige Intervention der Warschauerpakt-Staaten im Nachhinein gutheissen. In einem Punkt hatte die Sowjet-Führung unter Leonid Breschnew wohl recht: Ohne die militärische Intervention wäre die Tschechoslowakei Ende 1968 kein kommunistischer Staat mehr gewesen, und der Zerfall des Ostblocks hätte sich gut zwanzig Jahre früher ereignet.

Jürg Röthlisberger-Zbornik, Cham

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