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FLÜCHTLINGSDRAMA: «Das Kind war sehr gefährdet und ist sicher traumatisiert»

Die Zuger Polizei stürmte eine Asylunterkunft, weil sich dort eine Familie verschanzt hatte. Wie konnte es dazu kommen?
Wolfgang Holz
Einen nervenaufreibenden und gefährlichen Einsatz hatte die Zuger Polizei am Mittwoch in der Steinhauser Asylunterkunft. (Bild Maria Schmid)

Einen nervenaufreibenden und gefährlichen Einsatz hatte die Zuger Polizei am Mittwoch in der Steinhauser Asylunterkunft. (Bild Maria Schmid)

Noch immer ist es kaum zu fassen, was sich da am Mittwoch in der Durchgangsstation in Steinhausen ereignete: Ein Mann droht, sich und seiner Ehefrau mit einem Messer etwas anzutun – vor allem aber seinem vierjährigen Sohn. Wie berichtet konnte die Zuger Polizei die Situation nach drei Stunden zäher und teilweise chaotischer Verhandlungen entschärfen und den 39-jährigen Iraner und seine 35-jährige Gattin aus dem Irak überwältigen.

«Die Staatsanwaltschaft konnte die Betroffenen aber noch nicht befragen, da man sie zur Überprüfung ihres Zustands vorerst in eine psychiatrische Klinik eingewiesen hat», berichtet Marcel Schlatter, Mediensprecher der Zuger Strafverfolgungsbehörden. Als fürsorgerischen Freiheitsentzug wird diese Massnahme offiziell bezeichnet.

Verletzungen an Hand und Bauch

Zuvor waren der Vater und die Mutter am Mittwochabend nach dem Zugriff der Polizei ambulant ins Zuger Kantonsspital eingeliefert worden. «Sie konnten das Spital wenig später bereits wieder verlassen», so der Polizeisprecher. Der Vater wies am Bauch Schnittwunden auf, die Mutter an der Hand. Ihr vierjähriger Sohn, dem der Vater sogar das Messer an die Kehle gesetzt hatte, kam unverletzt davon. «Das Kind war durch die massiven Drohungen seines Vaters sehr gefährdet und ist jetzt sicherlich traumatisiert», sagt Schlatter. Das Kind ist bis auf weiteres in einer kindergerechten Einrichtung untergebracht. «Wie es weitergeht, ist Gegenstand von Abklärungen», erteilt Manuela Weichelt, Zuger Regierungsrätin und Direktorin des Innern, Auskunft.

Negativer Asylbescheid

Aber warum bloss ist der Vater des Vierjährigen derart ausgerastet, dass er sein eigenes Kind mit dem Messer bedrohte? Fest steht, dass der 39-jährige Iraner mit Frau und Kind seit dem 2. September 2014 im Durchgangszentrum Steinhausen untergebracht war, wie das Amt für Migration auf Anfrage mitteilt. Der Mann aus dem Nahen Osten hat den N-Status eines Asylsuchenden inne. «Diese Woche hat er den negativen Bescheid erhalten, dass sein Asylantrag abgelehnt wurde», sagt Marcel Schlatter. Gemäss Dublin-Verfahren hätte man den Mann und seine Familie deshalb wieder zurück nach Italien geschickt – dorthin, wo er zum ersten Mal den Fuss auf den Boden der Europäischen Union gesetzt hat.

«Das Dublin-Verfahren ist ein Zuständigkeitsverfahren, bei dem es darum geht, dass ein Asylbewerber innerhalb des Dublin-Raums – alle EU-Staaten, Schweiz, Norwegen, Island und das Fürstentum Liechtenstein – nur einmal ein Asylgesuch stellen kann – nämlich in dem Staat, wo er zum ersten Mal registriert worden ist», erklärt Georg Blum, Leiter des kantonalen Amts für Migration. Wobei es auch vorkommen könne, so Blum, dass Asylbewerber, die auf der Flucht nach Europa in Italien landen, dort gar nicht registriert werden. Wahrscheinlich handle es sich bei dem Entscheid des Iraners um eine erstinstanzliche Entscheidung, die noch nicht rechtskräftig ist. Die Chancen eines iranischen Staatsbürgers auf Asylgewährung in der Schweiz stünden zurzeit eher schlecht, doch würden viele eine vorläufige Aufnahme erhalten. Blum: «Sicher ist, dass Iraner und Iraker nicht zwangsweise in ihre Herkunftsländer zurückgeschafft werden können».

Momentan sind 82 Personen in der Asyldurchgangsstation in Steinhausen untergebracht. 31 davon befinden sich im Dublin-Verfahren. Die meisten der Asylsuchenden stammen aus Eritrea, Syrien, Sri Lanka und Afghanistan. Einige Personen kommen noch aus Nordafrika und Russland, wie die Direktion des Innern auf Anfrage mitteilt.

«Er wollte auch Druck ausüben»

Und doch erklären all diese schwierigen Umstände noch nicht umfassend, warum der 39-Jährige derart massiv seinen eigenen Sohn und seine Familie mit dem Messer bedrohte.

«Es ist ganz schwierig, die Hintergründe für ein solches Verhalten einer Person aus einem anderen kulturellen Hintergrund zu orten», sagt Beat Ineichen, Zuger Psychiater, der auch als Experte zu forensischen Fällen befragt wird. «Der Mann hat sich sicherlich in einem extremen Erregungszustand befunden.» Wobei die Drohung, seinem Kind etwas anzutun, vermutlich auch eine appellative, erpresserische Absicht gehabt habe. «Um Druck auszuüben – und wenn ein Kind dazu als Opfer herhalten muss, hat das leider mehr Gewicht als bei einem Erwachsenen», so Ineichen. Es sei aber auch nicht ausgeschlossen, dass der Betroffene psychisch krank sei. «Ungewöhnlich daran erscheint aber wiederum, dass ihn seine Frau als Mutter in seinem Tun dabei unterstützt hat», gibt der Psychiater zu bedenken. «Allerdings ist auch zu fragen, welche Entscheidungsfreiheit die Frau überhaupt hatte.»

Wolfgang Holz

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