FRAU LANDAMMANN: Sie hat ab dem 1. Januar das Sagen im Regierungsrat

Manuela Weichelt-Picard (Alternative-die Grünen) verrät im Interview wie sie das Gremium leiten wird und was ihr Amt noch mit dem Beruf einer Krankenschwester zu tun hat.

Zoe Gwerder
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Manuela Weichelt-Picard gibt ab morgen als Frau Landammann den Ton an.

Manuela Weichelt-Picard gibt ab morgen als Frau Landammann den Ton an.

Interview: Zoe Gwerder

zoe.gwerder@zugerzeitung.ch

Manuela Weichelt-Picard, das kommende Jahr ist für Sie wohl in mehreren Hinsichten ein spezielles Jahr: Ihr Start als Frau Landammann, zehn Jahre als Regierungs­rätin, und Sie feiern einen runden Geburtstag – Ihren 50.

(Lacht überrascht) Stimmt, dass ich im nächsten Jahr auch noch 50 werde, daran habe ich im Moment gar nicht mehr gedacht.

Was werden Sie am meisten feiern? Oder war es bereits die Feier zu Ihrem neuen Amt als Frau Landammann vor zwei Wochen?

Die Landammannfeier war ein Höhepunkt. Der wird schwer zu toppen sein.

Apropos Feier: Die Landammannfeier fand im ehemaligen Kantonsspital statt. Es gehe um die Patina, sagten Sie – können Sie uns das näher erklärten?

Einerseits verbindet mich mit dem Kantonsspital eine politische Geschichte. Als junge Kantonsrätin habe ich mich für den Verbleib des Spitals in Zug eingesetzt. Anderseits wollte ich die Feier dort veranstalten, weil das Areal mit dem heutigen Nutzungsmix für mich ein Symbol der Vielfalt darstellt. Kreative Kinder und Jugendliche, Asylsuchende, Lernende der Schule Horbach, Mitglieder des türkischen und serbischen Vereins: Sie alle füllen diese Räume mit Leben. Hier herrscht nicht Hochglanz, hier wird improvisiert und experimentiert. Solche Nischen und Möglichkeiten verschwinden in Zug leider zunehmend. Umso wichtiger ist es, dass auch das Theilerhaus in Zug Süd demnächst zu neuem Leben erweckt wird. Ganz nach dem Motto: Aufbruch statt Abbruch!

Was bedeutet Ihnen das Amt des Landammanns?

Sehr viel! Mir ist es eine grosse Ehre, nach 23 Jahren Politik nun der Regierung vorstehen und die gesamte Zuger Bevölkerung als Botschafterin gegen aussen würdig repräsentieren zu dürfen.

Sie sagen es, seit 23 Jahren machen Sie im Kanton Zug Politik. Wie haben Sie sich dabei entwickelt?

Verändert habe ich mich sicherlich durch den Perspektivenwechsel von der Legislative zur Exekutive, und damit von der Parteipolitik und dem akzentuierten Eintreten für die eigene Position, hin zu einem Kollektiv, wo man seine Meinung zwar einbringt und engagiert argumentiert, am Ende aber den Entscheid der Gesamtregierung vertritt und mitträgt.

Mussten Sie Letzteres auch lernen?

Natürlich! Als einzige Vertreterin des linken und grünen Spektrums in der Regierung war dies anfangs nicht ganz einfach. Doch mittlerweile sehe ich im Kollegialitätsprinzip auch Vorteile. Dieses zu respektieren, gehört zur Professionalität eines jeden Exekutivmitglieds.

Was werden Sie anders machen als Ihr Vorgänger Heinz Tännler?

Regierungsrat Tännler hat mir an der letzten Regierungsratssitzung einen Taktstock überreicht. In der Sprache der Musik gesprochen, könnte man sagen, dass Kollege Tännler die Regierung im Presto, also in schnellem Tempo, regiert hat. Ich selber werde wohl eher ein Andante, also ein gemässigteres Tempo, anstimmen.

Also entschleunigen?

Die Regierung hat sich selber und der Bevölkerung mit Megaprojekten wie Entlastungsprogramm, Finanzen 2019, Zuger Finanzausgleich, Verwaltungs- und Regierungsreform viel aufgeladen. Für die seriöse Umsetzung all dieser Projekte braucht es genügend Zeit.

Sie sind die zweite Frau, die im Kanton Zug dieses Amt innehat. Wie wichtig ist es für Sie, dass auch Frauen in solchen Positionen amten?

Es sollte selbstverständlich sein. Frauenförderung war für mich schon immer ein zentrales Anliegen. Ich habe mich diesbezüglich verschiedentlich bemerkbar gemacht.

Haben Sie ein Beispiel?

1991, als in der Schweiz der erste Frauenstreiktag ausgerufen wurde, war ich Stationsleiterin in einem Regionalspital und verkündete: «So, jetzt streiken wir!» Es gab keine Chefarztvisite, und die Mitarbeiterinnen machten nur das Allernötigste. Patienten, die dazu in der Lage waren, informierten wir, dass sie ihre Betten für einmal selber machen müssten. Dies wurde anstandslos akzeptiert. Vor allem die männlichen Patienten hatten ein Gaudi und meinten: «Kein Problem, haben wir schliesslich im Militär gelernt.» Ein Aufruf zum Streik liegt als Regierungsrätin und Frau Landammann natürlich nicht mehr drin. (lacht)

Wofür haben Sie gekämpft?

Ich habe mich stets für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie eingesetzt und tue das noch immer. Auch für mich selber war es immer klar, dass ich Job und Kinder unter einen Hut bringen möchte. Solidarität, Freiheit und Gerechtigkeit sind weitere Werte, die mir als Richtschnur in der Politik dienen.

Und Sie kamen in die Schlagzeilen, weil Sie während der Regierungs­sitzungen Ihr Baby gestillt haben.

Das stimmt. Als meine erste Tochter geboren wurde, war ich bereits im Amt. Mein Mann brachte mir die Kleine jeweils ins Büro, damit ich stillen konnte. Das hat wunderbar funktioniert, da wir ja gleich um die Ecke wohnten. Ich will da aber nicht viel Aufhebens drum machen. Es gibt Millionen von Müttern, die arbeiten und kleine Babys stillen.

Nun möchte ich noch zu Ihrer Beziehung zum Kanton Zug kommen: Sie wuchsen in der Ostschweiz auf und lebten an verschiedenen Orten im In- und Ausland, bis Sie 1991 nach Steinhausen kamen. Was macht für Sie den Kanton Zug aus?

Viel Herzlichkeit. Was mir von Anfang an gefiel, war die Vielfalt der Bevölkerungsschicht und dieser Mix aus Ländlichem, Traditionellem und Städtischem. Der Kanton Zug bot den unterschiedlichsten Menschen ein Zuhause. Heute müssen wir aufpassen, dass wir nicht zu einseitig aufgestellt sind. Man hört ja oft: «Wenn du dir im Kanton Zug keine Wohnung leisten kannst, musst du eben wegziehen.» Das ärgert mich. Viele Leute, die heute gut verdienen, waren früher auch mal froh um günstigen Wohnraum. Diversität ist eine Bereicherung. Nur wenn auch junge Menschen in Ausbildung oder Familien hier eine Wohnung finden, bleiben wir ein lebendiger, spannender und innovativer Kanton und haben eine Zukunft.

Befürchten Sie, dass es derzeit in eine andere Richtung gehen könnte?

Ich werde mich dafür einsetzen, dass der Kanton Zug ein vielfältiger Kanton bleibt.

Was hat Sie im Kanton gehalten?

Die Menschen, die Politik und die wunderschöne Natur. Daraus resultieren auch wiederum die Werte, die ich als Landammann vertreten werde: konstruktives Miteinander, eine gute politische Kultur und Achtsamkeit im Umgang mit der Natur. Wir müssen ihr wirklich Sorge tragen und schauen, dass Freiräume trotz Bauboom erhalten bleiben.

Wo sind Sie am liebsten?

Im oder am Zugersee. Ich liebe das ­Wasser und schwimme oft im Strandbad Seeliken.

Was wünschen Sie sich von der Zuger Bevölkerung?

Dass wir uns füreinander interessieren und respektvoll miteinander umgehen, dass wir auf das bauen, was uns verbindet, und nicht auf das, was uns voneinander trennt.

Sie haben Familie – Ihre zwei Kinder sind 8 und 13 Jahre alt. Was halten diese von Ihrem Amt?

Das müssten Sie sie selber fragen. Aber meine Kinder kennen nichts anderes. Ich bin ja bei weitem nicht das einzige und erste Regierungsratsmitglied mit Kindern.

Wie oft sehen Sie Ihre Familie?

Bewusst halte ich mir mindestens einen Abend pro Woche frei, setze am Wochenende nicht zu viele berufliche Termine an und verreise während der Schulferien regelmässig mit meiner Familie. Gerade jetzt kommen meine Töchter in ein Alter, wo interessante Gespräche möglich sind und sie sich Gedanken über die Welt ­machen, Dinge hinterfragen. Als Erwachsene kann man davon nur profitieren.

Wie haben Sie die Festtage verbracht?

Weihnachten feierten wir im kleinen Kreis zu Hause in Zug. Wie jedes Jahr unternahmen wir den traditionellen ­Spaziergang auf dem Raten. Anschliessend verbrachten wir ein paar erholsame Tage im Bündnerland.

Vor Ihren zahlreichen Stationen wie dem Master in Health Care oder dem Studium Soziale Arbeit haben Sie als Erstes Krankenschwester gelernt. Gibt es noch Parallelen zwischen Ihrem Ursprungsberuf und Ihrer Arbeit als Regierungs­rätin?

Durchaus. Bei beiden Aufgaben geht es darum, etwas für das Wohlergehen der Gesellschaft zu leisten. Sowohl im Spital wie in der Politik muss man zudem für Notfälle parat sein.

Auf was freuen Sie sich in den kommenden zwei Jahren als Frau Landammann?

Am meisten freue ich mich auf den direkten Austausch mit den unterschiedlichsten Menschen. Mir ist es wichtig, zu spüren, wie es den Leuten im Kanton geht, was ihnen Sorgen bereitet, sie beängstigt, aber auch beglückt und begeistert. Dies gibt mir eine gute Basis, um die richtigen Entscheidungen zu treffen.