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FREIZEIT: Jassen mit Sehbehinderung: Die Finger sind der grösste Trumpf

Alle zwei Wochen treffen sich vier Chamer zum Jassen. Ein Mitspieler hat eine Sehbehinderung – diese hält ihn aber nicht davon ab, seinen Gegnern das Leben schwer zu machen. Das gute Gedächtnis hilft ihm dabei.
Brigitte Ambühl, Sonja Muff, Josef Affentranger und Hans Ambühl (von links) jassen gern. (Bild: Stefan Kaiser (Cham, 17. Januar 2018))

Brigitte Ambühl, Sonja Muff, Josef Affentranger und Hans Ambühl (von links) jassen gern. (Bild: Stefan Kaiser (Cham, 17. Januar 2018))

Zwei Frauen und zwei Männer sitzen an einem Tisch in einem gemütlichen Wohnzimmer. Im Hintergrund läuft dezent Musik aus dem Radio, und in der Mitte des Tisches liegt ein grüner Teppich. Alle vier halten Karten in den Händen. «Schälle acht», sagt Hans Ambühl. Zusammen mit seiner Frau Brigitte hat er zum Jassen geladen. Alle 14 Tage findet sich das Grüppchen in der Wohnung der Ambühls in Cham ein, und sie jassen den ganzen Nachmittag. Organisiert hat ­Ambühl den Nachmittag über die Nachbarschaftsorganisation Kiss (Keep it small and simple) Cham. «Ich wollte etwas zurückgeben, denn ich hatte einen schweren Velounfall, und Kiss hat mir sehr geholfen», erklärt der 69-Jährige. Bei der Kiss-Genossenschaft wird das freiwillige Engagement mit Zeitgutschriften vergütet: So konnte Hans Ambühl nach dem Unfall auf die Hilfe der Genossenschafter zählen.

Doch die eigentliche Hauptperson am Tisch ist Josef Affentranger. Er ist blind. Der 65-Jährige erklärt, dass er fast nichts sehe, vor allem, wenn es hell sei. Deshalb trage er eine dunkle ­Sonnenbrille. «Ich bin ein Nachtschattengewächs», sagt er scherz­haft. Seine Sehbehinderung ist auch der Grund, weshalb die ­anderen drei Jasser jeweils laut sagen, welche Karte sie auf den grünen Teppich legen. Heute spielt Brigitte Ambühl mit Josef Affentranger gegen ihren Mann und Sonja Muff – die Teams werden jeweils ausgelost. Die Spielkarten sehen auf den ersten Blick aus wie die herkömmlichen. Schaut man aber genauer hin, entdeckt man oben links eingestanzte Punkte. «Das ist Blindenschrift. So weiss ich, was für Karten ich in den Händen halte, und kann die richtige ausspielen», erklärt Josef Affentranger.

«Sein Gedächtnis ist verblüffend. Er merkt sich alle Karten und Spielzüge», so Sonja Muff. Und tatsächlich: Nach einer verlorenen Runde macht er Brigitte Ambühl darauf aufmerksam, dass sie das Rosen-Ass doch besser erst später hätte ausspielen sollen. Die 72-Jährige spielt erstmals mit Affentranger im Team. «Ich hatte schon ein wenig Respekt davor», gibt sie zu. Denn Affentranger sei ein guter Jasser. Er sagt dazu: «Ich jasse seit Kindsbeinen.»

Und so ist es auch mit seiner Sehbehinderung. Schon «immer» hat er nach eigenen Angaben nicht gut gesehen. Mit sieben Jahren sei er in die Blindenschule nach Fribourg gegangen, das frühere Pendant zum heilpädagogischen Schul- und Beratungszentrum Sonnenberg in Baar, erzählt Affentranger. «Die Umstellung nur noch mit den Fingern zu schauen, war anfangs schwierig.» Heute lese er auch gerne mal ein Buch. Des Weiteren singt der Chamer regelmässig im Männerchor Hagendorn mit, wo er Hans Ambühl kennen gelernt hat. «Ehrlich gesagt, habe ich nicht daran gedacht, dass Josef jassen kann», sagt Ambühl.

Der Mann mit der dunklen Sonnenbrille macht Scherze, ist schlagfertig und nimmt auch sich selbst immer wieder aufs Korn. Auf die Frage an seine Mitspieler, wie es sei, mit einem Blinden zu spielen, antwortet er stattdessen: «Die brauchen mich eigentlich nur als Kartenhalter.» Seine Spielkameraden kommentieren den Spruch mit kollektivem ­Lachen – wie so oft an diesem Nachmittag.

Keine Verzögerungen im Spiel

Doch zurück zum Jass: Josef ­Affentranger tastet eifrig immer wieder an den linken Ecken seiner Karten herum. Er ist an der Reihe. «Ich weise 200», sagt er laut und lacht verschmitzt. «Dar­um musste ich jetzt auch ein wenig länger in die Karten gucken», meint er scherzend. Ein Spiel­beobachter sieht auf den ersten Blick nämlich nicht, dass Affentranger die Farben nicht erkennen kann, sondern diese erfühlen muss. Er hält die Karten wie jeder andere in den Händen.

Jedoch kommt es vor, dass er sie ein wenig zu weit von sich weg hält: «Josef, nimm bitte deine Karten zurück», warnt Sonja Muff. Keiner am Tisch würde ­Affentrangers Handicap ausnutzen, versichern alle. «Man schaut anderen nicht in die Karten, das macht man einfach nicht», sagt Sonja Muff. «Und sonst schau ich zurück», entgegnet Josef Affentranger lachend. Der Chamer hat auf alles eine Antwort parat. Ein kleines «Problem» gibt es aber: «Schälle und Schilte haben sehr ähnliche Zeichen. Wenn eine der beiden Farben Trumpf ist, habe ich jeweils ein wenig länger, bis ich sicher bin, dass es die richtige Karte ist», erklärt er. Ansonsten gibt es keine Verzögerungen. Und schon rufen Josef Affentranger und Brigitte Ambühl: «Match!»

Andrea Muff

andrea.muff@zugerzeitung.ch

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